«Es gab keine Einzelgänger»

LEGIONÄR ⋅ Ivan Martic weilt als frischgebackener Meister und Cupsieger für einige Tage in der Ostschweiz. Hier spricht er über kroatische Schiedsrichter, über mentale Tricks – und über Unvorhersehbarkeiten im Fussball.
09. Juni 2017, 12:49
Alexandra Pavlovic, Ralf Streule
Vor drei Jahren verliess Ivan Martic den FC St.Gallen. Nach einer starken Saison mit Hellas Verona in der Serie A und einem Jahr mit Spezia Calcio in der Serie B zog es den Verteidiger im Sommer 2016 in sein Herkunftsland Kroatien. Mit HNK Rijeka wurde der 26-Jährige vor kurzem Meister und Cupsieger. Schon kommende Woche ist in Rijeka wieder Trainingsstart – denn bald stehen Champions-League-Qualifikationsspiele an.
 
Ivan Martic, Sie sind zwischen Meisterfeier und Trainingsstart in Rijeka für einige Tage in St.Gallen. Haben Sie sich mit FC-St.Gallen-Sportchef Christian Stübi getroffen?
Nein. Aber es wurde schon vermutet. Als ich kürzlich in der Shoppingarena Kontaktlinsen kaufen ging, wurde ich offenbar gesehen. Im Online-Fanforum hiess danach, ich sei wohl im Gespräch beim FC St.Gallen (lacht). So ist es aber nicht. Sporadisch bin ich mit Stübi in Kontakt. Aber nicht in konkreten Verhandlungsgesprächen. In erster Linie besuche ich in den wenigen freien Tagen meine Familie in der Ostschweiz.

Einen rechten Aussenverteidiger könnte St.Gallen aber gebrauchen. Mario Mutsch ist weg, und Silvan Hefti könnte unter Giorgio Contini zum Innenverteidiger werden. Keine Rückkehr-Gelüste?
Ich habe immer ein offenes Ohr für St.Gallen. Sollte es ein Angebot geben, würde ich mir das sicher anschauen. Viele Freunde von mir sagen: Jetzt hast du zwei Pokale gewonnen, jetzt kannst du zurückkommen. Aber ich habe in den letzten Jahren gelernt: Wenn man etwas plant, kommt es meist anders.

Sie wechselten 2014 in die Serie A, spielten dort auf Anhieb. Ist eine europäische Topliga eher Thema?
Für einen Fussballer ist es das Grösste, sicher. Ich habe in der Serie A gelernt, unter grossem Druck der Öffentlichkeit und der Medien zu spielen. Das zieht mich an – da würde ich sicher nicht nein sagen. Ich kann mich bei Rijeka aber nicht beklagen, wo ich ja noch ein Jahr Vertrag habe. Wir haben zwei Titel geholt, jetzt wollen wir uns für die Gruppenphase der Champions League qualifizieren – dieses Erlebnis fehlt mir noch.

Wird es keine Abgänge im Team geben?
Natürlich. Aber: Rijeka ist zu einer sehr guten Adresse für junge Spieler geworden – die Scouts kommen in Scharen, zuletzt war auch der bekannte Berater Mino Raiola dort.

Sie hatten im Schnitt nur etwa jedes zweite Spiel absolviert.Offenbar konnten Sie sich nicht ganz durchsetzen.
Von Spezia Calcio wechselte ich im Sommer 2016 erst spät nach Rijeka, das Team hatte sich da schon geformt und war erfolgreich. Da musste ich für meine Position kämpfen. Ich konnte meine Situation aber problemlos akzeptieren, da die Mischung im Team stimmt und jeder Spieler mitzog. Es gab keinen Star, es gab keine Einzelgänger. Das war wie 2013 mit dem FC St.Gallen.

St.Gallen war weniger erfolgreich in der vergangenen Saison. Haben Sie das verfolgt?
Ja, die Resultate verfolge ich immer. Aber ich bin nicht ganz nahe dran. Mit Ausnahme von Daniel Lopar steht keiner mehr im Team, der bereits 2013 noch mit mir zusammenspielte.

Sie haben kroatische Wurzeln. Fühlten Sie sich in Rijeka wie in einer zweiten Heimat?
Nicht ganz. Ich spreche zwar fliessend Kroatisch, lebe mit der Freundin in einer schönen Wohnung am Meer. Aber die Pünktlichkeit und Verbindlichkeit in der Schweiz fehlt mir. Trainer von kroatischen Mannschaften müssen gegenüber Spielern einen härteren Ton fahren, um den Laden im Griff zu haben.

Das Temperament der Spieler dürfte aber auch beflügelnd sein.
Klar, die Emotionen sind wichtig, das kenne ich auch von mir. Und bei der Meisterfeier ging es so richtig ab.



Was ging da ab?
Wir nahmen den Pokal in Zagreb beim Serienmeister in Empfang, reisten singend und trinkend zurück nach Rijeka, malten uns im Bus die Haare blauweiss an. Ganz Rijeka war auf den Beinen. Für die Stadt bedeutet es sehr viel, auch aufgrund der Vergangenheit:  Es wurde dem Team einmal ein Meistertitel geklaut, durch einen Schiedsrichterentscheid. Ich nehme die Unparteiischen sonst immer in Schutz, aber: In Kroatien passiert manchmal schon Extremes.

Zum Beispiel?
Die Schiedsrichter sind bekannt dafür, Zagreb zu bevorteilen. Das ist ganz offensichtlich. Darauf stellen sich die Spieler ein. Wenn dein Gegner einen Meter im Abseits steht, weisst du: Du musst dennoch mitgehen, der Schiedsrichter wird nicht pfeifen. Und die Devise ist: Als Verteidiger darf es null Kontakt geben im Strafraum – der Penalty für Zagreb ist schnell gepfiffen. Alle wissen das, die Medien schreiben darüber, aber es ändert sich nichts.

In Italien gab es nichts dergleichen?
Nicht in dem Ausmass. Die Schiedsrichter schützen vielleicht Stars etwas mehr. Das erlebte ich als Gegenspieler von Pogba, als wir gegen Juventus spielten. Aber so extrem wie in Kroatien ist es nicht. Dafür ging es in Italien im Training mehr ab. Raufereien sind nicht selten – ich war da stets in der Rolle des Schlichters.

Was war der Grund, dass es in Verona 2015 nicht weiter ging für Sie?
Ich hatte eine sehr gute erste Saisonhälfte. Dann gerieten Mitte Saison der Sportdirektor und der Trainer aneinander. Plötzlich spielte ich nicht mehr. Der Sportdirektor hatte nichts mehr zu sagen, er musste gehen, mit ihm 12 Spieler – unter anderem ich. Dieser Vorfall zeigte mir, dass der Fussball nicht planbar ist. Und: Es geht nicht immer um die Qualität der Spieler, oft sind Machtspiele wichtiger.

Sie spielen nun seit drei Jahren im Ausland. Wo haben Sie vor allem Fortschritte gemacht?
Ich bin zwar weiterhin emotional auf dem Platz, kann aber auch mal abwarten – ich denke, ich habe an Spielintelligenz gewonnen. Und: Ich sage jetzt, wenn mir etwas nicht passt. Vor allem wenn es um das Wohl der Mannschaft geht. Und ich bin Druckresistenter. Die Zeit in Italien hat mich zudem gelehrt,  dass man sich auch übermächtigen Spielern wie Pogba oder Miralem Pianic entgegenstellen kann.

Sie sind also mental stärker geworden.
Ich denke ja. Das habe ich auch meinem Mentaltrainer aus der Ostschweiz zu verdanken. Wir sehen uns sporadisch, das ist eine intensive Beziehung geworden. Er hat mir viel geholfen.

Inwiefern?
Ich bin ruhiger und dankbarer geworden. Und ich weiss, dass man über sich hinauswachsen kann, auch wenn man es zunächst für unmöglich hält. Als ich nach der Zeit in Verona eine schlechtere Phase hatte, profitierte ich davon.

Wie sahen die Tipps konkret aus?
Das meiste behalte ich für mich. Nur etwas: Es gibt Mauern, die man sich im Kopf macht. Stellt man das, was man über alles liebt, hinter diese Mauer, wird man sie niederreissen können. So ist es auch im Privatleben. Wenn etwas wirklich wichtig ist, überwindest du jede Mauer.

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