Aus für Yakin bei GC

SUPER LEAGUE ⋅ Die Verbindung zwischen Murat Yakin und den Grasshoppers ist nach knapp acht Monaten bereits zu Ende. Der Trainer muss den Rekordmeister per sofort verlassen. Ein Interims-Trio übernimmt.
Aktualisiert: 
10.04.2018, 11:22
10. April 2018, 01:35

Sportliche und wohl primär vereinspolitische Gründe haben zu einem Zerwürfnis geführt.

In den letzten Wochen wurden die Grasshoppers einmal mehr von unappetitlichen internen Macht- und Grabenkämpfen erschüttert. Stephan Anliker reagierte mit der vierten Trainerentlassung seiner vierjährigen Amtszeit. Der Vorsitzende von GC und dem Eishockey-Verein Schlittschuh-Club Langenthal hat sich der Reihe nach von Michael Skibbe, Pierluigi Tami, Carlos Bernegger und nun dem früheren Basel-Coach Murat Yakin getrennt. Mit Murat muss auch dessen Bruder und Assistenzcoach Hakan Yakin den Verein verlassen.

"Wir sind auf einem guten Weg. Wir haben mit Muri einen neuen Trainer. Er arbeitet konsequent und trägt das Winner-Gen in sich." So äusserte sich der Klubchef in der März-Ausgabe des Klubmagazins "GC Inside". Die schon damals aufkeimenden Unstimmigkeiten wischte Anliker als "kleinere oder grössere Gewitter" vom Tisch. Eine Serie von Fehltritten auf allen Ebenen später fühlt sich die Grosswetterlage anders an.

Ein Sieg in neun Spielen

Sportlich ist die Situation nach einer bisher völlig missratenen Rückrunde schon länger heikel. Nach nur einem Sieg in neun Runden beträgt die Marge gegenüber dem Tabellenletzten Sion nur noch vier Punkte. Zeitgleich näherte sich das zwischenmenschliche Betriebsklima dem Gefrierpunkt. Zwei von Yakin aussortierte ausländische Spieler revanchierten sich mit verbalen Frontalangriffen und leiteten regelrecht einen Yakin-Countdown ein.

Runar Sigurjonsson, inzwischen in St.Gallen tätig, unterstellte seinem Ex-Coach "ein Kindergartenspiel", ein paar Tage später legte der überzählige Verteidiger Milan Vilotic im Team-Chat nach. Von "schamlosen Spielchen" und einem "zerstörten Team-Spirit" war die Rede. Via unbekannte Kanäle wurde Vilotics Abrechnung der Zeitung "Blick" zugespielt.

Vom Führungsgremium sah sich keiner bemüssigt, die gezielte Destabilisierung Yakins zu stoppen. Der präsidiale Support blieb aus, Sportchef Mathias Walther schwieg, CEO Manuel Huber kommentierte die Affäre ebenfalls nicht. Die Demontage schritt voran. Täglich erschien auf verschiedenen Portalen Interna; der GC-Experte des "Tages-Anzeiger" wusste nahezu über den Inhalt jeder Sitzung des Präsidiums Bescheid.

Aufgrund der inoffiziellen Wasserstandsmeldungen aus dem Führungszirkel bahnte sich der Eklat regelrecht an, zumal der langjährige Financier Heinz Spross am Dienstag letzter Woche seinen Rückzug aus dem Aktionariat beschloss. Der 30-Prozent-Teilhaber war der einflussreichste Vertreter der Pro-Yakin-Fraktion und hätte eine Fortsetzung mit dem Ur-Hopper begrüsst.

Walther in der Nebenrolle

Empfangen worden war der zweifache Meister-Trainer im letzten Sommer wie ein Heilsbringer und Handaufleger. Nicht nur die Vereinsverantwortlichen, auch die Kommentatoren erklärten den GC-Campus zum "Yakin-Land". Die "NZZ" verglich den 43-Jährigen mit Winnetou und ortete beim Hoffnungsträger der Grasshoppers einen imaginären Zauberstab.

Sportchef Mathias Walther fabulierte im gleichen Stil: "Diese Figur soll so gross und dominant werden wie möglich." Der Coach missbrauche seine Macht nicht, er mache alles im Sinn der Sache. "Er gibt der Mannschaft Ruhe, er gibt dem ganzen Verein Ruhe", liess sich Walther in einem "Tages-Anzeiger"-Interview zitieren.

Walther fand seinen Platz neben dem charismatischen Trainer indes nicht - im Gegenteil: Er verschwand regelrecht von der Bildfläche. Im Winter ordnete Yakin einen personellen Umbau an, der nicht gerade als Zeichen gegenseitiger Wertschätzung zu deuten war - oder anders formuliert: Yakin gab vor, Walther setzte um.

Walthers Bilanz beim dritten GC-Engagement ist desolat: ein drohender Abstieg, kein Transfergewinn in Aussicht, zwei Abfindungen für gescheiterte Trainer. Bei der nächsten Analyse dürfte der Basler selber ins Zentrum der Kritiker rücken.

Walther wieder in einer Hauptrolle

Vorläufig hat Präsident Anliker das Vertrauen in Walther aber nicht verloren. Er ernannte den Sportchef zusammen mit den bisherigen Assistenz- und Konditionstrainer, Patrick Schnarwiler und Timo Jankowski, als Interims-Trio, das sämtliche Cheftrainer-Aufgaben übernehmen wird. Anliker wolle mit dieser temporären Massnahme gewährleisten, dass die sportliche Arbeit mit der Mannschaft mit vertrauten internen Personen weitergeführt wird.

Weiler ein Thema?

Ein seriöser Nachfolger für Yakin mit einem einigermassen vergleichbaren Renommee käme nur in Frage, wenn die Besitzer ihre Verhältnisse und Ambitionen klar deklarieren. René Weiler beispielsweise, ein profunder Kenner der nationalen Szene, der auch ausserhalb der Schweiz einen erstklassigen Ruf geniesst und aktuell verfügbar wäre, würde unter den aktuellen politischen Bedingungen in Niederhasli wohl kaum unterschreiben. Der Winterthurer, der 2017 den RSC Anderlecht in Belgien zum Titelgewinn und in die Champions League führte, war Jahre vor seinem Durchbruch in Nürnberg während einer Saison auf Juniorenstufe bei GC tätig. (sda)


Anzeige: