Renato Steffen lotet Grenzen aus

FUSSBALL ⋅ «Ich musste schon immer etwas mehr machen», sagt der Basler Spektakelmacher Renato Steffen vor dem Champions-League-Highlight in Paris über sich und seinen speziellen Karriereplan.

18. Oktober 2016, 10:57
FUSSBALL. Manchmal wirkt er aufgedreht, ungestüm, kaum zu kontrollieren. Steffen im Fussball-Film, im ganz eigenen Modus, wie vor ein paar Jahren beim SC Schöftland, als er sich als Teenager im rauen Klima der interregionalen 2. Liga zu bewähren hatte. Schon damals prägte die Passion seinen signifikanten Stil. Unberührt liess der knapp 1,70 m grosse Mittelfeldspieler niemanden, immer wieder war er in Rencontres verwickelt. Seit seinem Transfer zum FCB ist Steffen bemüht, das Image zu retouchieren: «Als Provokateur will ich nicht wahrgenommen werden. Ich brauche die Emotionen, muss sie aber kanalisieren.»

Dass der innerhalb kurzer Zeit diverse Stufen übersprungen hat, geht angesichts seines Entwicklungsprozesses manchmal vergessen. Der gelernte Maler kam nicht aus einer Nachwuchs-Akademie nach oben, sondern über Umwege. Solothurn, Thun, YB, Basel, Quantensprünge in jeglicher Beziehung. Ab und zu, in einer kleinen Runde mit den Copains von früher, werde ihm bewusst, «wie schnell alles gegangen ist», wie sehr er inzwischen auf das Sport-Business fokussiert sei.

«Das Leben um den Fussball hat sich verändert. Ich trage extrem Sorge zu dem, was ich mir erarbeitet habe.» Timeouts wie in Bern kommen längst nicht mehr infrage. Bei YB habe er in zwei, drei schwierigen Perioden «im falschen Moment das Falsche gemacht». Die Flausen sind passé: «Ich habe begriffen, um was es geht.»

Hohe Siegchancen
Das Pendeln zwischen den komplett verschiedenen Dimensionen fällt ihm nicht mehr schwer. Die unberechenbare Komponente seines Alltags beschränkt sich auf das Terrain, neben dem Platz handelt Steffen überaus strukturiert. In ruhigen Minuten schafft er Ordnung, baut bewusst Spannung auf, die Vielfalt der Herausforderungen ist zu bewältigen: «Ich konzentriere mich auf die einzelnen Themen.«

Mit der für Schweizer Verhältnisse unüblich anforderungsreichen Basler Agenda hat sich der Aargauer nahezu problemlos arrangiert. Unter Druck stehe er wegen des anspruchsvollen Umfelds nicht. Die hohen Erwartungen interpretiert er als Bestätigung, am richtigen Ort tätig zu sein: «Wenn man gut arbeitet, weiss man hier, dass die Chance gross ist, das Spiel zu gewinnen.»

Vereinzelte Pfiffe wie nach dem einzigen Remis gegen Thun (1:1) legt der Mittelfeldspieler nicht als grundsätzliches Misstrauensvotum aus: «Die Leute haben das Recht, so zu reagieren.» Zur Leistungskultur gehöre auch Kritik. Ihm, der manchmal bis zur Verbissenheit um jeden Quadratmeter Raumgewinn kämpft, gefällt das Temperament des Publikums.»

Fortschritt als Genugtuung
Basel tut ihm offensichtlich gut. Steffen schätzt die im Vergleich zur Konkurrenz überdimensionale Plattform. Seine erste Saison in der Champions League setzt zusätzliche Energie frei: «Ein faszinierender Wettbewerb.» Selbst der Lehrstunde in London gewinnt er Positives ab: «Man bekommt zu spüren, was es noch braucht, um Fuss zu fassen. Nur wenn alles zu 100 Prozent stimmt, wenn jeder mit dem höchsten Rhythmus spielt, können wir auf diesem Niveau mitreden.»

Und mitreden will Steffen in den kommenden Jahren auf allen Ebenen − auch im Nationalteam. «Ich setze mir keine Grenzen, ausgelernt habe ich nie.» Nur das Maximum interessiere ihn. Seit seiner Kindheit träumt er von der Premier League. Am TV beobachtet er Ikonen wie Cristiano Ronaldo und Neymar. «Ich will auch mal bei einem Topklub im Ausland spielen.» Jeder weitere Karriereschritt wäre für den ehemals in die 2. Liga abgeschobenen Aarauer Junioren eine nächste Genugtuung. Er habe gespürt, «auch ganz oben mithalten zu können». Vom Gaspedal wird Steffen zeitnah nicht gehen. Er will Boden gutmachen: «Ich habe weniger Zeit als andere, weil ich relativ spät eingestiegen bin.» Zuzutrauen ist dem unbequemen Sprinter und versierten Dribbler aus dem Couloir alles − auch eine nächste kräftige Empfehlung für höhere internationale Aufgaben im Pariser Parc des Princes. (sda)

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