Ex-Präsident des FC Wil: "Es war ein Horror-Jahr"

GROSSES INTERVIEW ⋅ Nach 15 Jahren ist Roger Bigger als Präsident des FC Wil und als Liga-Finanzchef zurückgetreten. Zum Abschied spricht er vom Wiler Neuanfang, von den Krankheiten der Challenge League und seinem Vorhaben, wieder mehr Sport zu treiben.
21. Dezember 2017, 06:11
Ralf Streule/Simon Dudle
Roger Bigger, beim Hinrunden-Abschluss, dem 1:2 gegen Schaffhausen vor einer Woche, haben Sie erstmals nach ihrem definitiven Rückzug ein Wiler Spiel gesehen. Wie fühlte sich das an?
Ich war emotional gleich dabei wie immer. Ich kann ja nicht den Schalter kippen und sagen, der Verein interessiert mich nicht mehr. Aber es war auch befreiend. Als Teleclub-Gast konnte ich etwas offener reden, kritischer gegenüber der Mannschaft sein. Dass das Team nach 18 Runden die vielen individuellen Fehler noch nicht abgestellt hat, ärgert mich schon.

Sportlicher Stillstand beim FC Wil?
Man hat einfach noch nicht das ideale Spielsystem gefunden für diese spielstarke Mannschaft. 22 Punkte im ganzen Jahr – eigentlich müsste man das ganze 2017 ausblenden. Es war ein Horrorjahr. Nach der Rettung im Frühjahr war uns klar: Es wird eine wirtschaftlich schwierige Saison. Dass es nun aber sportlich nicht läuft, ist schwer nachvollziehbar.

Sind die Wirren von Anfang Jahr noch in den Köpfen der Spieler?
Das kann man so nicht erklären. Im Sommer stiessen viele neue Spieler und ein neues Trainerteam dazu. Es war ein Neuanfang, die Geschichte rund um den türkischen Abzug  und die Rettung des Clubs hatten die meisten nicht selber miterlebt.

Sie sprechen vom falschem Spielsystem. Das tönt nach Kritik am Trainer.
Damit würde man es sich zu einfach machen. Es gab viele individuelle Fehler, oft waren es knappe Niederlagen. Und doch: Ich hatte mir vom Neuanfang mehr Elan erhofft. Das Umfeld stimmt: Wir haben im Trainerstaff vollamtliche Stellen geschaffen mit Cheftrainer, Assistenztrainer, Torwarttrainer, Videoanalysten und im Teilzeitmandat Teammanager, einen Physiotherapeuten, Masseure – wir waren noch nie so gut aufgestellt.

Im Frühjahr sagten Sie, im Fussball laufe so viel schief, dass Ihnen die Lust vergehe. Was meinten Sie konkret?
Wir hatten zu viele Spieler, die keinen Bezug zum Verein hatten. Ihnen war es egal, was mit dem Club passiert. Vor der Investorenzeit war der FC Wil für alle Spieler stets eine wichtige Plattform, sich sportlich zu präsentieren. Bei der Rettung mühten wir uns wochenlang ab, es war zermürbend, dass sich einige Spieler in den Lohnverhandlungen nicht bewegten und das Ende des Clubs in Kauf nahmen. Viele Spieler zieht es heute nur noch dort hin, wo sie am meisten Geld erhalten.

Damit hätte man 2015 bei der Übergabe an die Türken ja rechnen müssen.
Nein, wir hatten bei den Verhandlungen nie von so hohen Budgets gesprochen. Eine Budgetverdoppelung hätte das ganze System nicht derart aufgeheizt. Wenn gleich 12 Millionen gestemmt werden, geht die Relation verloren. Man hätte mit etwas mehr Demut und Geschick ein besseres Team zusammenstellen können. Ich sage noch immer: Mit dem fremdem Kapital und eigenem Know-How hätten wir reüssieren können.

Der FC Wil hat noch immer mit Altlasten zu kämpfen. Noch hat man sich nicht mit allen Spielern der Saison 2016/17 geeinigt, was die Löhne betrifft. Ist es nicht unangenehm, den Verein so zu hinterlassen?
Bei einem Rücktritt lässt man immer Pendenzen zurück. Ja, es gibt die Fälle um Rémi Gomis, David Roesler und Ivan Audino, die noch nicht gelöst sind. Aber wir haben eine Chance, dass der internationale Sportgerichtshof im wichtigen Fall Gomis zu unseren Gunsten entscheidet.

Gleichzeitig mit dem Präsidentenamt haben Sie auch das Amt als Finanzchef der Swiss Football League abgegeben. War das Vertrauen nach der Investorengeschichte zu klein geworden?
Ich war im Gremium ein langjähriges, gut verankertes Mitglied. Aber es hatte ohnehin einen Umbruch gegeben, 2017 schieden Bernhard Heusler, Dölf Früh und Jean-Claude Donzé aus. Als ich mich entschied, das Präsidentenamt in Wil abzugeben, war für mich der Entscheid klar. Es ist von Vorteil, wenn die Komiteemitglieder eine führende Funktion bzw. Verantwortung in einem Club haben.

Gab es in Wil während der Günal-Ära einen Rückgang bei den Sponsorengeldern?
Ja, klar. Wenn jemand so massiv die Ausgaben steigert, und dabei die Verbindung zu den bisherigen Gönnern und Sponsoren zu wenig pflegt, ist das nicht überraschend. Aber die Situation bessert sich jetzt wieder.

Die ganze Geschichte zeigt: In der als Pleiteliga verschrienen Challenge League lässt es sich ohne Verluste nicht leben.
Das ist so. Die Kommerzialisierung und Professionalisierung schreiten voran, die TV-Gelder sind für die Clubs nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Ohne Mäzene wird es auch für Super League-Clubs schwierig. In der Challenge League machen Sponsorengelder einen sehr grossen Teil des Kuchens aus. Und wenn Zuschauer fehlen, ist man auch für Sponsoren nicht mehr attraktiv. Darum: Ich hätte die Aufstockung der Super League begrüsst, auf zwölf oder mehr Teams. Dann hätte man in der ebenfalls vergrösserten Challenge League auch dem Halbprofitum wieder eine Chance geben können – mit kleineren Vorgaben der Liga, was zum Beispiel die Infrastruktur betrifft. Wil, Wohlen, Chiasso, Rapperswil haben Probleme, auch Schaffhausen mit einem so grossen Stadion dürfte es langfristig schwer haben.

Als es um den neuen Modus ging, waren Sie in der Liga-Kommission noch dabei. Weshalb wurde kein Modus mehrheitsfähig?
Die Analyse der holländischen Firma Hypercube hatte viel hergegeben, es gab viele interessante Ligamodelle. Aber kein Vorschlag kam durchs Komitee, da kann ich natürlich keine Details preisgeben. Ich jedenfalls hätte eine Änderung nicht gebremst. Das Modell Belgiens wäre spannend gewesen. Ich denke weiterhin: Der Zuschauer will nicht viermal Lugano - Lausanne sehen. Und eine Aufstockung wäre ja für Super-League-Clubs ja ein Investitions-Schutz gewesen: Die Chancen, dass ein grosses Team in einer 12er- oder 14er-Liga absteigt, ist viel kleiner. Auch der Entscheid gegen die Barrage war eine riesige Enttäuschung. Für den Sport war das nicht gut. Da waren letztlich einfach die Partikularinteressen der Super-League-Clubs entscheidend.

Abgesehen vom Modus: Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit die Challenge League einen höheren Stellenwert erhält?
Die Solidarität zwischen den Vereinen der Swiss Football League muss besser spielen. Von der Liga sollten mehr Gelder für Challenge-League-Teams gesprochen werden, damit die Mannschaften überleben können. Sonst wird es schwierig, überhaupt zehn wettbewerbsfähige Teams in der Challenge League zu stellen.

Wird der FC Wil überhaupt eine Lizenz für die kommende Saison erhalten?
Es wird ein Kampf, wie jedes Jahr. Wir sind von Transfereinnahmen abhängig. Und da ist es mit sportlichem Misserfolg auch schwieriger. 2,5 bis 3 Millionen Franken braucht es, will man langfristig im gesicherten Mittelfeld landen.

Die Zuschauerzahlen sinken auch in der Super League. Ist das Publikum gesättigt?
Die Zuschauerzahlen, vor allem in der Challenge League, sind frustrierend. Die Leute wählen selektiver aus. Auch, weil so viel Fussball im Fernsehen gezeigt wird. Die Gesellschaft hat sich verändert. Man pickt sich nur noch die Leckerbissen heraus.

Braucht es mehr eigene junge Spieler, um die Identifikation in der Region wiederherzustellen?
Das Nachwuchsförderungssystem «Effizienzkriterien» der Swiss Football League will dies ja fördern, fast eine Million Franken wird verteilt. Aber wenn es ums Überleben geht, bringt man halt doch die Erfahrenen. Das finde ich verwerflich: Es braucht den Mut, Junge einzubauen. Murat Yakin zeigt, dass es geht. Geschenktes Vertrauen kommt zurück. Und in Wil waren es zuletzt ja nicht unbedingt die Jungen, die schlechte Spiele zeigten.

Man könnte reglementarisch eingreifen und in der Challenge League mehr Talente aus der eigenen Abteilung vorschreiben.
Klar, aber dann stellt sich wieder die Frage nach der Qualität der Liga. Und dann gibt es ja viele Junge, die nicht aus der Region stammen, aber in einem Challenge-League-Team eine neue Chance erhalten wollen, weil sie es in einem Top-Club nicht geschafft haben. Die würden dann ebenfalls geschnitten. Aber ja: Fördern muss die Liga das weiterhin, vielleicht noch stärker. Identifikation und Wurzeln sind für einen Club wichtig.

Ein anderer Ansatz, um Ruhe in den aufgeheizten Markt zu bringen, wäre eine geschlossene Liga.
Vertieft haben wir das im Liga-Komitee nie angeschaut. Ich finde es einen interessanten Ansatz, er ist aber aufgrund der gerade ausgehandelten neuen TV-Verträge in den kommenden Jahren wohl kein Thema. In der Schweiz gibt es 14 bis 16 Teams, die aufgrund der Infrastruktur in einer geschlossenen obersten Liga spielen könnten. Das amerikanische System zeigt, dass dies keine schlechte Lösung ist, wenn das schwächste Team in der Folgesaison die besten Spieler unter Vertrag nehmen kann. Dazu kommen Lohnbegrenzungen, damit das System nicht ausartet. Auch wenn unsere Tradition anderes vorsieht: Das wäre kein schlechter Weg. Es spricht vieles dafür. Die grosse Frage wäre aber: Welche Teams gehören da rein? Es gäbe Verlierer.

Weiter sind Sie im Beirat des FC Wil. Wie sehen Sie dort Ihre Rolle?
Der Ball ist beim neuen Verwaltungsrat. Wenn ich um Rat und meine Einschätzung gefragt werde, bin ich da.

War die ganze Entwicklung in der Challenge League, die Sie vorhin erwähnten, mit ein Grund für ihren Entschied, das Präsidentenamt abzugeben?
Nein, oder besser gesagt: Vielleicht teilweise. Nach 15 Jahren müssen sie schlicht die Gnade haben, frischen Kräften die Führung zu überlassen. Ich stand dem Club als Gesicht vor, was auch sehr viel Kraft braucht: Bei Misserfolg – ob sportlich oder wirtschaftlich - fällt es auf den Präsidenten zurück, auch wenn ein ganzes Führungsteam Entscheide getroffen hat. Und eine schwarze Null wird als selbstverständlich gesehen. Das kann auch zermürben. Ich trete darum gerne in den Hintergrund. Mein ganzer Kalender hatte sich nur um den FC Wil und die SFL gedreht. Ich habe noch andere Sachen vor. Meine Firmen wachsen auch im Ausland. Zudem will ich auch mehr Zeit mit der Familie verbringen. Und mehr Sport treiben.

Fussball?
Nein, eher Ausdauersport. Ich bin früher Marathons gelaufen. Und den Engadiner Skimarathon habe ich auch schon absolviert, vor 15 Jahren letztmals. Vielleicht bin ich bis zur Austragung 2019 wieder in Form.

Die Ära Bigger begann 2003

Roger Bigger wurde im Januar 2003 FC-Wil-Präsident. Mit einem Unterbruch von August 2015 bis Januar 2017, als die türkische MNG-Gruppe übernahm, hatte er das Amt inne. Nun ist er zurückgetreten. Der langjährige Verwaltungsrat Maurice Weber ist neuer Präsident –er hatte nebst Bigger, Christian Meuli, Manfred Raschle, Mischa Sammer zur Task-Force gehört, die den Club nach dem Abgang der Türken gerettet hatte. Bigger ist Inhaber der Vermögensberatungsfirma Azemos und der Immobiliengesellschaft R&B, beide mit Sitz in Frauenfeld. Als Finanzchef und Kommiteemitglied (seit Nov. 2008) der Swiss Football League ist Bigger ebenso zurückgetreten. Der 48-Jährige lebt mit seiner Frau und drei Kindern (1-, 4- und 8-jährig) in Wil. (rst)


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