"Jeder fragt sich: Was passiert wohl morgen?"

FC WIL ⋅ Für die Spieler des FC Wil ist nicht sicher, ob sie von ihrem Arbeitgeber je wieder einen Zahltag erhalten. Die Akteure hielten sich bisher mit Meinungsäusserungen zurück. Nun spricht Captain Steven Deana. Ein Streik wäre für ihn der falsche Ansatz.

12. Februar 2017, 08:10
Simon Dudle
Für die Spieler des FC Wil ist die Lage verzwickt: Seit dem abrupten Ausstieg des türkischen Investors Mehmet Nazif Günal hat der Verein keine flüssigen Mittel mehr. Unterschreiben die Akteure die teilweise markant tiefer dotierten Verträge, verdienen sie noch einen Bruchteil ihres bisherigen Lohnes. Treten sie nicht auf die neuen Offerten ein und finden bis zur Schliessung des Transferfensters Ende Monat keinen neuen Arbeitgeber, treiben sie den Club wohl in den Konkurs und werden demnach gar kein Geld sehen. Die Verunsicherung innerhalb des Teams ist darum gross.

Nachdem den Spielern zwischenzeitlich ein Redeverbot auferlegt worden war, äusserst sich nun Captain und Goalie Steven Deana zur auch für ihn schwierigen Situation. Er war im vergangenen Sommer gekommen, um mit einem wohlhabenden Verein in die Super League aufzusteigen und sportlich den nächsten Schritt zu machen. Nun ist er bei einem Club, der weiter denn je von der höchsten Spielklasse entfernt ist und ums nackte Überleben kämpft.
 
Steven Deana, bereuen Sie, im vergangenen Sommer zum FC Wil gewechselt zu haben?
Steven Deana: Nein, ich bereue gar nichts. Ich habe in diesem halben Jahr sehr viel profitiert und Spielpraxis gesammelt.

Die türkischen Investoren sind vor ein paar Tagen Knall auf Fall gegangen, und die Januarlöhne sind noch immer nicht bezahlt.
Deana: Es ist im Moment eine sehr ungewisse Zeit. Nicht nur für mich und für uns Spieler, sondern für alle beim FC Wil. Schlaflose Nächte habe ich deswegen aber nicht. Wenn ich solche hätte, dann wäre alles schon vorbei. Wir können deswegen nicht einfach aufhören zu leben, es geht weiter.

Auch Ihnen dürfte ein neuer Vertrag mit markant tieferem Lohn angeboten worden sein. Haben Sie diesen unterschrieben?
Deana: Nein, bis jetzt ist noch nichts unterzeichnet.

Warum nicht? Die Aussicht, vom FC Wil je wieder Geld zu sehen, dürfte auf diesem Weg klein sein.
Deana: Weil ich mehr Zeit brauche für eine so wichtige Entscheidung. Dazu reichen 24 Stunden nicht. Mir ist aber klar, dass es keine andere Lösung gibt, um den Verein vor dem Konkurs zu retten. Darum verstehe ich das Vorgehen des Verwaltungsrats voll und ganz.

Wie hoch ist die Lohneinbusse, die Sie nach aktuellem Angebot hinnehmen müssten?
Deana: Das ist eine private Angelegenheit, über die ich in der Öffentlichkeit nicht sprechen möchte.
 
Die meisten Vereine sind im Februar nicht auf der Suche nach einem Goalie. Es dürfte schwierig für Sie sein, irgendwo unterzukommen.

Deana: Es ist effektiv anspruchsvoll mitten in der Saison. Im Fussball kann es allerdings schnell gehen. Das betrifft aber nicht nur mich. Alle im Verein sind derzeit im Ungewissen.

Wie ist die Stimmung innerhalb der Mannschaft?
Deana: Es fragt sich jeder immer wieder: Was passiert wohl morgen? Wir befinden uns aber immer noch mitten im Meisterschaftsbetrieb. Das ist gut, um abschalten zu können. Am nächsten Samstag im Heimspiel gegen den FC Zürich wollen wir zeigen, dass wir noch hier sind. Das ist ein schönes und wichtiges Spiel für uns.

Wird der FC Wil gegen Leader Zürich überhaupt antreten, oder gab es wegen des ausstehenden Januarlohns innerhalb der Mannschaft schon Gespräche über einen möglichen Streik?
Deana: Nein, solche Gespräche gab es nicht. Ganz im Gegenteil. Ein Streik wäre in dieser Situation meines Erachtens die falsche Lösung. Ich stelle mich voll und ganz drauf ein, dass wir gegen Zürich spielen werden.

Hat der FC Wil in einer solchen Partie sportlich überhaupt Ambitionen? Oder läuft er als krasser Aussenseiter auf?
Deana: Wir haben in dieser Saison dem FC Zürich schon zweimal gut Paroli geboten, daheim unentschieden gespielt und auswärts unglücklich verloren. Wir haben nach wie vor ein gutes Team beisammen und wollen das am Samstag unter Beweis stellen.

Gab es innerhalb der Mannschaft schon so etwas wie eine Krisensitzung?
Deana: Es versteht sich von selbst, dass nicht alle die gleiche Meinung haben. Das braucht nun aber auch etwas Zeit. Die Gespräche der Vereinsleitung mit allen Spielern müssen zuerst abgeschlossen werden.

An diesem Wochenende hat der FC Wil spielfrei, da das Stadion in Schaffhausen noch nicht freigegeben ist. Ein Vor- oder Nachteil in der aktuellen Situation?
Deana: Ich denke, das ist positiv. Wir haben über das Wochenende auch keine Trainings und können mal durchschnaufen. Es ist für alle eine stressige Zeit. So können wir die Batterien laden und dann am Montag mit voller Energie in den Trainingsalltag zurückkehren.

Trotzdem: Sind die Trainingseinheiten eine Art Therapie auf dem Kunstrasenfeld?
Deana: Die Trainings tun schon gut. Da kann man ebenfalls abschalten und sich voll und ganz auf den Fussball konzentrieren. Es ist eine wichtige Möglichkeit, um für einen Moment loszulassen.

Die Mannschaft vermittelte in der Hinrunde wiederholt den Eindruck, keine verschworene Einheit zu sein. Wie sehen Sie das?
Deana: Auf dem Platz haben wir nicht immer gezeigt, dass wir eine Mannschaft sind. Es war aber auch schwierig, da die Spieler von überall her auf der Welt nach Wil gekommen sind. Darum ist nun das Wichtigste, dass wir zu einer Einheit zusammenwachsen. Ich bin überzeugt, dass uns die aktuelle Situation zusammenschweissen wird.

Der Verein bestätigt auf Anfrage, dass Johan Vonlanthen und Silvano Schäppi die neuen Verträge unterzeichnet haben. Wer sonst noch?
Deana: Es liegt am Verein und nicht an mir, das zu kommunizieren.

Seit dem letzten Spiel der Hinrunde sind Sie Captain. Wie interpretieren Sie Ihre Rolle?
Deana: Für mich ist wichtig, dass ich mit der Mannschaft reden kann. Wir müssen uns auf den Fussball konzentrieren und diese Situation gemeinsam überstehen. Das versuche ich zu vermitteln.

Mit einer starken Hinrunde dürften Sie es auf den einen oder anderen Notizblock geschafft haben. Was sind Ihre mittelfristigen Ziele?
Deana: Es ist mein Anspruch, irgendwann in der Super League zu spielen. Mit diesem Ziel bin ich nach Wil gekommen. Eigentlich wollte ich mit dem FC Wil den Aufstieg schaffen. Nun sieht es aber etwas anders aus. Aber wie gesagt: Im Fussball kann es immer schnell gehen.

Wird die Rettungsaktion des FC Wil erfolgreich sein?
Deana: Ich hoffe es von ganzem Herzen. Jeder von uns muss dran glauben. Die Verantwortlichen arbeiten hart, das spürt man. Aber die Gewissheit, dass es klappt, gibt es leider nicht. Ich als Captain stehe zwar in regelmässigem Kontakt mit der Vereinsleitung, und wir tauschen uns fast täglich aus. Allzu viele Details kennen wir Spieler aber nicht.

Keiner kommt auf mehr Einsatzminuten

Der bald 27-jährige Goalie Steven Deana wechselte im vergangenen Sommer vom FC Aarau zu Wil, wo er einen Vertrag bis Sommer 2021 unterschrieben hat. In den beiden Saisons zuvor war der gebürtige Schaffhauser beim FC Sion meist Ersatztorhüter, kam aber doch zu zwölf Einsätzen in der Super League. Zudem wurde er mit den Wallisern 2015 in und gegen Basel Cupsieger, ohne beim 3:0-Finalsieg aber gespielt zu haben. Beim FC Wil ist Deana, der nun in Zuzwil wohnt, seit seiner Ankunft unbestrittener Stammgoalie. Als einziger Wiler Spieler bestritt er alle 19 Meisterschaftspartien dieser Saison über die volle Distanz. Mit wiederholt starken Leistungen hat er dafür gesorgt, dass die Ostschweizer nicht weiter hinten klassiert sind in der Challenge-League-Tabelle. Nur sein ehemaliger Teamkollege Andris Vanins hat mit Leader Zürich noch weniger Gegentore zugelassen. Neun Mal in dieser Saison kassierte Deana keinen Gegentreffer. (sdu)

 
 
 

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