Immer schneller abwärts

RATLOS ⋅ Auch nach der wirtschaftlichen Rettung findet der FC Wil sportlich nicht aus dem Tief. Die ausgedünnte Mannschaft hinterlässt wiederholt einen desolaten Eindruck. Anzeichen der Besserung sind keine auszumachen.
25. April 2017, 13:13
Simon Dudle

Simon Dudle

Noch Minuten nach dem Schlusspfiff sassen die beiden Wiler Goalies Steven Deana und Noam Baumann frustriert sowie in Gedanken versunken auf dem Spielfeld am Boden. Drinnen in den Katakomben des Stadio Riva IV zu Chiasso flossen Tränen. Diese Szenen zeigen, wie sehr die aktuelle Situation an den Spielern des FC Wil nagt. Sie wirken gefangen in einer Abwärtsspirale, die sich immer schneller dreht und auf direktem Weg in die Drittklassigkeit zu führen droht.

Vorausgegangen waren 90 Minuten, welche die aktuelle Lage der Ostschweizer bestens widerspiegeln. Der FC Wil war einem Gegner verdientermassen unterlegen, bei dem derzeit ebenfalls vieles nicht zusammenstimmt, der in den beiden Partien zuvor acht Gegentore zugelassen hatte, bei dem ein Präsident geht, noch bevor er das Amt angetreten hat. Den Tessinern gelang es unter dem neuen Trainer Baldo Raineri aber deutlich besser, die Nebenschauplätze auszublenden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Deutliche Worte des Trainers

Die Wiler blieben zum wiederholten Male den Beweis schuldig, die Klasse und auch die Bereitschaft zu besitzen, um im Abstiegskampf zu bestehen. In der Rückrunde war die Leistung bisher ein einziges Mal wirklich behellend – beim 1:1 auf der Winterthurer Schützenwiese. Viel zu oft ergibt sich die Equipe ihrem Schicksal. Viel zu oft passieren immer wieder die gleichen Fehler. Trainer Maurizio Jacobacci wählte deutliche Worte: «So wie wir gestanden sind, ist es nicht würdig für eine Challenge-League-Mannschaft. Immer wieder geraten wir durch krasse Eigenfehler in Rückstand.»

Mit gewissen Spielern ging er hart ins Gericht, ohne sie beim Namen zu nennen. «Beim ersten Gegentor ist für jedermann klar, dass der Ball weggeschlagen werden muss», sagte Jacobacci. Die Kritik ging an Routinier Arnaud Bühler. Zum dritten Gegentreffer sagte der Trainer: «Wir sind nicht auf Kunstrasen. Wenn man den Ball mit der Sohle stoppen will, passieren solche Sachen.» Gemeint war Frano Mlinar, der mit einer missglückten Ballannahme das dritte Gegentor einleitete.

Vier Innenverteidiger in einem Spiel

Die Wiler hinterlassen je länger, je mehr einen ratlosen Eindruck. Dazu passte, dass in Chiasso mehrere taktische Umstellungen vorgenommen wurden. Alles in allem spielten vier Akteure in der Innenverteidigung. Nachdem Bühler und Basil Stillhart dort begonnen hatten, agierten am Schluss Mlinar und Enis Latifi zentral in der Defensive. «Daran sieht man, woran es hapert. Wir haben in der Abwehr grosse Probleme. Dadurch können auch die Offensivspieler nicht wunschgemäss agieren», sagte Jacobacci. Tatsächlich fehlt es auch im Angriff. Der Sturm ist ein laues Lüftchen. In den mittlerweile 17 Spielen hintereinander ohne Sieg wurde nie mehr als ein Treffer pro Partie erzielt.

Seit Sonntag sind die Wiler Letzte. Werden diese Woche, wie von der Liga angedroht, sechs Punkte abgezogen, ist es mit sieben Punkten Rückstand schon zappenduster. Helfen könnte dann wohl nur noch, wenn einem anderen Verein die Lizenz für die nächste Saison verwehrt würde. Wobei gerade in Chiasso die finanzielle Situation prekär zu sein scheint. Ansonsten resultiert für Wil der Abstieg, obwohl die Taskforce den Verein wirtschaftlich in extremis gerettet hat. Immer mehr bestätigt sich der Eindruck, dass bei der Sanierungsaktion zu viel Qualität abgegeben werden musste, um nun zu bestehen.


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