Heikle Flucht nach vorn

KOMMENTAR ⋅ Die Lage beim von der Pleite bedrohten FC Wil ist angespannt. Dass dies Präsident Roger Bigger Kraft und Nerven koste, sei verständlich, schreibt unser Sportredaktor Ralf Streule in seinem Kommentar. Wer am Pranger stehe, habe aber weniger Lust auf eine Einigung.
03. März 2017, 06:51
Ralf Streule

Seit die türkische Geldquelle versiegt ist, wird die Lage des FC Wil von Tag zu Tag aussichtsloser. Bis zum kommenden Montag muss der Club mit allen Spielern neue Löhne ausgehandelt haben, sonst werden drei Punkte abgezogen und es droht der Konkurs. Weiterhin sind es nur wenige Fussballer, die auf ihren alten, hohen Gehältern beharren. Und dies hartnäckig. So wird die Endzeitstimmung in Wil immer greifbarer. Dies zeigt sich unter anderem in den schwachen sportlichen Leistungen – beim 0:3 in Schaffhausen hatte offensichtlich kaum einer der Wiler Spieler seine Gedanken beim Fussball. Weiter drückt dem Club aufs Gemüt, dass der Support in der Region immer dünner wird. Wils Stadtrat hat sich diese Woche fürs Erste entschieden, keine Sanierungszahlung an den Club zu leisten.

Auch beim Clubvorstand scheint man immer weniger an die Rettung zu glauben. Präsident Roger Bigger sinniert öffentlich über sein Engagement im Fussball. Dass die tage- und nächtelangen Verhandlungen mit Spielern und Spielerberatern Kraft und Nerven kosten, ist verständlich. Wenn er nun aber öffentlich die Namen der Mitarbeiter nennt, die noch keine neuen Verträge unterzeichnet haben, macht er einen gefährlichen Schritt. Nicht nur begibt er sich auf juristisches Glatteis. Vielmehr gefährdet er auch die Verhandlungen: Wer am Pranger steht, hat weniger Lust auf eine Einigung.

Bigger verkauft die Massnahme als Zeichen der neuen, transparenten Kommunikation des Clubs. Und tatsächlich war diese seit dem Abgang des Investors vorbildlich. Das Nennen der Namen aber lässt sich nur mit Verzweiflung erklären. Es ist die Flucht nach vorne. Alles oder nichts. Diese Devise galt vor eineinhalb Jahren schon einmal: Als man einen türkischen Investor ins Boot holte.

Ralf Streule
ralf.streule@tagblatt.ch

 

Ralf Streule

ralf.streule

@tagblatt.ch


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