"Die ganze Ostschweiz trägt eine Mitschuld"

FC WIL ⋅ Manuel Vögtlin ist langjähriger Fan und ehemaliger Anheizer der Wiler Fankurve. Nach dem Abgang der türkischen Investoren ärgert er sich über Besserwisser. Seine grösste Angst ist es, dass der FC Wil zu einem Farmteam des FC St.Gallen wird.
10. Februar 2017, 16:30
Tim Naef
Herr Vögtlin, wie steht es um Ihre Gefühlslage nach dem Knall beim FC Wil?
Manuel Vögtlin:
Zum einen habe ich natürlich Angst, dass der Club die Saison nicht fertig spielen kann und zwangsrelegiert wird, zum anderen bin ich genervt. Und zuletzt ist die Ernüchterung einfach riesengross.

Die Angst ist verständlich. Aber weshalb sind Sie genervt?
Vögtlin:
Weil jetzt viele Leuten sagen: 'Ha! Wir haben es ja von Anfang an gesagt, dass es so herauskommen wird.' Dabei haben sich die meisten nicht einmal mit der Situation auseinander gesetzt.

Und weshalb die Ernüchterung?
Vögtlin:
Weil es nun doch nicht funktioniert hat. Zu Beginn sah es wirklich gut aus.

Am Anfang hatten Sie also Vertrauen in die türkischen Investoren?
Vögtlin:
Vertrauen würde ich nicht sagen. Uns war aber klar, dass das Geld vorhanden war und Mehmet Günal kein zweiter Bulat Tschagajew ist. Gleichzeitig wussten wir, dass Roger Bigger mit Herzblut dabei ist, und dass er den Deal nicht ohne gute Gründe einging.

Demnach hatten Sie Vertrauen in Roger Bigger?
Vögtlin:
Definitiv. Und das habe ich immer noch. Man muss wissen, dass wir vor der Ära der Türken beinahe abgestiegen wären. Bigger sagte damals - und davon bin ich ebenfalls überzeugt -, dass ein Abstieg in die Promotion League ohne sofortigen Wiederaufstieg den FC Wil ruiniert hätte. Ich bin davon überzeugt, dass die Anhänger Roger Bigger keinen Vorwurf machen und hinter ihm stehen. Gleichzeitig habe ich immer gehofft, dass es einen Plan B gibt.

Einen Plan B?
Vögtlin:
Dass im Hintergrund Planungen stattfinden, sodass man den FC Wil retten könnte, falls das Projekt mit den ausländischen Investoren scheitert. Was es nun ja auch ist.

Wann haben Sie und auch die Fans zu zweifeln begonnen?
Vögtlin:
Das ist schwierig zu sagen. Wie gesagt, zu Beginn sah es gut aus. Vielleicht als ein Trainer nach dem anderen entlassen wurde. Auch die Entlassung des langjährigen Stadionsprechers oder die ganze Posse rund um Abdullah Cila und seine Arbeitserlaubnis wurde in der Kurve mit Argwohn beäugt.

Die Entwicklung des Clubs hat also nicht mehr gestimmt. War es am Schluss überhaupt noch Ihr FC Wil?
Vögtlin:
Eigentlich schon. Uns war immer klar, dass es Veränderungen geben würde. Auch als das Bergholz unbenannt wurde, haben wir es verstanden. Vielleicht hat uns der Traum von Super-League-Spielen in Wil einfach zu sehr geblendet.

An der Medienkonferenz vom Mittwoch haben die Verantwortlichen des FC Wil der Stadt eine Mitschuld am Scheitern gegeben. Wie sehen Sie das?
Vögtlin: Ich will der Stadt Wil nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Unschuldig am ganzen Debakel ist sie aber sicher nicht. Zum einen hatte ich Verständnis, dass die Stadt Herrn Günal nicht einfach machen liess - schliesslich leben wir in einer Demokratie. Zum anderen hätte die Kommunikation sicherlich besser sein können. Unverständlich war vor allem die letzte Verschiebung der Volksabstimmung über das Stadion um weitere sechs Monate. Aber nicht nur die Stadt, auch die gesamte Ostschweiz trägt eine Mitschuld.

Wie meinen Sie das?
Vögtlin:
Für den FC Wil war es extrem schwierig sich wirtschaftlich und sportlich zu entwickeln. Einen Hauptgrund dafür sehe ich beim FC St.Gallen. Grün-Weiss überstrahlt in der Ostschweiz alles. Der FC Wil hingegen erfährt in der Ostschweizer Sport- aber auch Wirtschaftswelt zu wenig Beachtung. Ich hoffe das wird sich ändern.

Was wäre das Schlimmste, was dem FC Wil nun passieren könnte?
Vögtlin:
Ich hoffe auf seriösen und stabilen Challenge-League-Fussball und dass wir eine Lizenz für die nächste Saison erhalten. Das Schlimmste wären ein Konkurs und ein Zwangsabstieg. Für mich persönlich wäre es das Letzte, wenn der FCSG finanziell einspringen würde und der FC Wil anschliessend zu einem Farmteam degradiert wird.











 

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