Der verschwundene Milliardär

MEHMET NAZIF GÜNAL ⋅ Mehmet Nazif Günal wollte den kleinen FC Wil in einen Spitzenclub verwandeln. Doch wer ist der türkische Industrielle, der von heute auf morgen sein Engagement beendete? Eine Spurensuche.
05. März 2017, 08:52
Yusuf Barman

Yusuf Barman

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Mehmet Nazif Günal, der abgesprungene FC-Wil-Investor, gehört zu den zwanzig reichsten Türken. Trotzdem ist in seinem Heimatland der Name des Selfmade-Milliardärs nur wenigen geläufig. Günal ist keiner, der regelmässig in den Klatschspalten auftaucht. Praktisch jeder Türke kennt jedoch seine Initialen. Als Autofahrer auf türkischen Strassen begegnet man regelmässig den dunkelblauen Lastwagen mit der Aufschrift «MNG Kargo». Das Transportunternehmen gehört zu Günals diversifiziertem, international tätigen Konzern MNG.

Günal wurde 1948 in Arhavi, in der Provinz Artvin, in eine bescheidene Familie hineingeboren. Als Teenager und junger Erwachsener arbeitete er auf dem Bau. Dann schaffte er den Sprung in die Hauptstadt Ankara und ­studierte an der technischen Universität des Nahen Ostens Bauingenieurwesen. Noch während seines Studiums arbeitete er als Bauleiter in einem Bauunternehmen. Danach gründete er seine erste Firma, die Günal Insaat ve Ticaret Sanayi A. S. Das grosse Geschäft machte er jedoch erst später mit seiner MNG-Gruppe unter Staatspräsident Turgut Özal. Als dieser Anfang der 1990er-Jahre die türkische Wirtschaft umbaute und zahlreiche staatliche Unternehmen privatisierte, war Günal einer der Profiteure. Mittlerweile ist er mit seiner MNG-Gruppe nicht nur in der Türkei erfolgreich tätig. Laut Firmenwebseite ist der Konzern an Bauprojekten in Algerien, Libyen, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Aserbaidschan und Georgien beteiligt.

«Herrn Günal müssen wir im Griff haben»

Seit Günal 2015 den FC Wil übernahm, sorgte er in der Schweiz für Schlagzeilen. Zuletzt, als er Anfang Februar ohne weitere Erklärungen die Aktienmehrheit am Club wieder verkaufte. Wie schon andere Investoren vor ihm, hat Günal mit seinem kurzen Engagement einen Scherbenhaufen hinterlassen. In der türkischen Medienlandschaft hat sein abrupter Ausstieg beim FC Wil allerdings keine Erwähnung gefunden. Über Günal wird in der Türkei im allgemeinen nur selten berichtet. Für lokale Aufmerksamkeit sorgen hin und wieder Demonstrationen von Umweltschützern, die kritisieren, dass MNG für seine Bauprojekte Naturgebiete abholzt. Weder in türkischen Internetforen noch in Print- oder Onlinemedien wird über ihn diskutiert. Mit einer wichtigen Ausnahme: Gemäss der türkischen Zeitung «Takvim» wird der Name Mehmet Günal in einem Telefongespräch zwischen dem islamischen Prediger Fe­thullah Gülen und dem Generalsekretär des Gülen-nahen Arbeitgeberverbands Tuskon, Mustafa Günay, erwähnt. In den Aufnahmen, die 2014 ins Internet gelangten, fragt Günay, ob er Günal mit «chinesischen Geschäftspartnern» in Verbindung bringen dürfe. Gülen antwortet: «Das könnt ihr machen. Herrn Günal müssen wir gut im Griff haben.» Laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua verhandelte Günal ab 2012 mit einem führenden chinesischen Gleisbauunternehmen über eine Partnerschaft für Bauprojekte in Tunesien.

Günal dürfte aus geschäftlichen Gründen die Nähe zu den Herrschenden gesucht haben. So sicherte sich MNG auch eine Beteiligung am Bau des dritten Grossflughafens in Istanbul. Während der Grundsteinlegung 2014 pries Günal Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als Mann, der «grösser als Atatürk» sei. Diese Aussage machte besonders in regierungskritischen Zeitungen Schlagzeilen.

In Wil fragt man sich immer noch, mit welcher Absicht ein Bauunternehmer einen Fussballclub gekauft hat. Ein ehemaliger Mitarbeiter des türkischen Senders TV-8, der Günal gehörte, nannte seinen ehemaligen Boss einen «knallharten Geschäftsmann» und schätzte die Tätigkeit beim Fussballverein als Türöffner für den Schweizer Markt ein. Vielleicht wollte sich der Fenerbahce-Fan auch nur wie andere Milliardäre einen Fussballclub gönnen. In einem Interview mit «Post», einer türkischsprachigen Zeitung, die in der Schweiz ­erscheint, sagt der ehemalige Sportchef des FC Wil, dass Günal durch den Kauf des FC Wil in erster Linie den Schweizer Fussball mitgestalten wollte.

Laut einem Spielerberater hat Abdullah Cila, ehemaliger operativer Leiter und Verwaltungsrat des FC Wil, jeweils auf Telefonanrufe von Günal reagiert, wenn dieser Einfluss auf Aufstellungen nehmen wollte. Günal habe manchmal auch von der Wiler Tribüne aus Auswechslungen angeordnet. Mit seinen Massnahmen hat Cila beim FC Wil für Unsicherheit gesorgt. Auch bei Trabzonspor soll er gemäss einer türkischen Sport-Website zuvor als Manager nicht sonderlich beliebt gewesen sein. Zudem kam 2012 bei einem Gerichtsprozess in der Türkei im Zusammenhang mit Spielmanipulationen heraus, dass sich Cila die Antworten für seine Fussballmanagerprüfung, die er 2011 bei der türkischen Fussball-Federation abgelegt hatte, erschlichen hatte. Er soll sie gemäss Tageszeitung «Hürriyet» anschliessend dem hauptangeklagten Fussballmanager Olgun Peker zugesteckt haben.


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