TV-Wylers Frontalangriff auf die Wil-Türken

INTERVIEW ⋅ Fussball-Kommentator Dani Wyler lebt seit Jahren in Wil. "Die türkischen Investoren hatten vom Fussball-Business keine Ahnung - und offenbar auch keinen grossen Anstand", sagt er.
09. Februar 2017, 15:25
Daniel Walt
Herr Wyler, was sagen Sie zum Schlamassel, in dem der FC Wil steckt?
Dani Wyler: Das ist eine Katastrophe. Der FC Wil verfügt eigentlich über eine starke Verankerung in der Stadt, die in den letzten Monaten allerdings Schaden genommen hat. Die Distanz zwischen dem Club und der Bevölkerung ist gewachsen. Die türkischen Investoren waren leider nicht hellhörig genug, um das zu bemerken.
 
War es vorhersehbar, dass das Engagement der Türken so enden würde?
Wyler: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich meinerseits habe nie wirklich verstanden, welche Absichten die türkischen Investoren hatten und weshalb sie sich ausgerechnet den FC Wil für ihr Engagement aussuchten.
 
Wie beurteilen Sie das Wirken der Türken in den vergangenen eineinhalb Jahren?
Wyler: Eine solche Übernahme birgt immer Gefahren für einen Verein. Solange die Gelder flossen, konnte man hoffen. Vom Fussball-Business hatten diese Leute allerdings keine Ahnung. In kürzester Zeit haben sie viele Trainer verbraucht, wahllos teure Spieler verpflichtet und dabei von einem raschen Aufstieg sowie europäischen Spielen gesprochen. Das zeugt nicht von Fussball-Sachverstand – ein Team muss wachsen. Und auch von Anstand haben sie offenbar keine grosse Ahnung. Es ist zwar ihr gutes Recht, sich zurückzuziehen – auf Französisch verabschiedet man sich aber einfach nicht.
 
Sie wohnen in Wil, spielen bei den Senioren des Vereins und sind immer wieder auch bei Partien der ersten Mannschaft zugegen. Von daher dürfte Sie die aktuelle Situation der Wiler speziell berühren.
Wyler: Sie macht mich traurig. Über viele Jahre war der FC Wil ein spannender Verein – ich erinnere mich beispielsweise an den Cupsieg der Wiler im Jahr 2004, den ich kommentieren durfte. Schon bevor ich nach Wil zügelte, kam ich für Spielberichte immer gerne hierher und fühle mich mittlerweile mit dem Verein verbunden.
 
Roger Bigger hatte bereits das Engagement des Ukrainers Igor Belanow zu verantworten, das im Desaster geendet hatte. Hat er fahrlässig gehandelt, als er den FC Wil im Sommer 2015 erneut in ausländische Hände gab?
Wyler: Nein. Er hatte zuvor monatelang abklären lassen, ob die türkischen Investoren wirklich seriös sind und über genügend Geld verfügen. So, wie ich Bigger kenne, will er nur das Beste für den Verein. Man muss einfach sehen, dass es enorm schwierig ist, einen Challenge-League-Verein zu führen – es gibt kaum TV-Gelder, die Sponsoring-Möglichkeiten sind beschränkt, und allein mit den Zuschauereinnahmen kann man einen Club kaum über Wasser halten. Bigger sah im Engagement der Türken die Möglichkeit, dass sich in Wil etwas entwickeln könnte. Jetzt ist er auf dem Boden der Tatsachen gelandet.
 
Der FC Wil schiebt der Stadt eine Teilschuld am Absprung der Türken zu – sie soll Mehmet Nazif Günal möglicherweise vergrault haben, weil sie die Stadion-Erweiterung auf die lange Bank schob. Was sagen Sie dazu?
Wyler: Wir können nur mutmassen. Ich könnte mir aber schon vorstellen, dass das ein Grund für die Türken war, auszusteigen. Die Stimmung in der Stadt war sehr kritisch gegenüber den Stadion-Ausbauplänen – man hatte Angst, dass Folgekosten auf die Steuerzahler zukommen würden. Klar: Die Finanzen müssen im Lot sein – aber vielleicht war die Stadt tatsächlich zu wenig bereit, auf die Pläne von Herrn Günal einzugehen. Wir sind manchmal schon sehr zurückhaltend, was solche Dinge angeht.
 
Ausländische Investoren haben schon bei anderen Schweizer Clubs einen Scherbenhaufen zurückgelassen – Stichworte: Xamax Neuchâtel oder Servette Genf. Gibt es Unterschiede zur aktuellen Situation beim FC Wil?
Wyler: In anderen Fällen waren Betrügereien mit im Spiel. Im Fall Wil liegen die Dinge anders.
 
Trotzdem: Ausländische Investoren dürften es nach dem Fall Wil nun noch schwieriger haben, in der Schweiz auf Akzeptanz zu stossen.
Wyler: Das ist so. Schweizer Clubs können vermutlich keine ausländischen Geldgeber mehr präsentieren, ohne dass die Leute die Nase rümpfen. Dabei können die Dinge auch mit Schweizer Investoren schieflaufen. Ausländische Geldgeber sollten nicht einfach des Teufels sein.
 
Wenn Sie Stand heute 100 Franken setzen müssten: Schafft der FC Wil die Rettung, oder geht er pleite?
Wyler: Ich bin ein positiver Mensch – ich glaube und hoffe, dass es der Verein schafft.
 
Und wenn nicht?
Wyler: Dann habe ich meine Wette verloren. Nein, Spass beiseite: Das wäre schlimm für die Stadt, es ginge vieles verloren. Und Ereignisse wie der Cupsieg 2004 wären dann auf lange Sicht nicht mehr möglich.
 

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