«Dann sind wir da, wo wir waren»

SANIERT ⋅ Weil Le Mont wie erwartet nicht um die Lizenz kämpft, bleibt der FC Wil in der Challenge League. Präsident Roger Bigger spricht über die Rettung, die Kritik an seiner Person - und die Schwierigkeit, in der zweithöchsten Liga auf einen grünen Zweig zu kommen.
07. Mai 2017, 12:42
Interview: Ralf Streule, Simon Dudle

Interview: Ralf Streule, Simon Dudle

Roger Bigger, der FC Wil bleibt in der Challenge League. Fühlen Sie sich als Retter des Clubs? Oder eher als Verursacher der Krise?

Weder noch. Beim Aktienverkauf an die MNG-Gruppe vor zwei Jahren waren es Grossaktionäre und der Verwaltungsrat, die entschieden. Wir kamen gemeinsam zum Schluss: Die Chancen sind grösser als die Risiken. Wir waren überzeugt vom Entscheid.

Also Retter?

Ich sagte schon 2015, dass ich da sein werde, sollte das Projekt scheitern. Doch nicht ich, sondern die ganze Task Force, die Mitarbeiter und die Geldgeber sind die Retter.

Wie gross ist der Imageschaden des FC Wil?

Natürlich hat der Ruf einen gewissen Schaden genommen. Es ist aber auch eine Chance: Es geht zurück zu den Wurzeln. Wir wollen unsere Philosophie mit jungen Spielern wieder aufnehmen, die Kommunikation weiter verbessern, dem Publikum näherkommen. Tatsache ist: Das Abenteuer hat Schiffbruch erlitten. Das gibt auch anderen Clubs die Einsicht, dass es mit ausländischen Investoren schwierig ist.

Ein Lehrstück, auch für Sie?

Ja. Wir hatten strukturell und sportlich gute Voraussetzungen, einen potenten Geldgeber, der bis zum Abgang alle Verpflichtungen eingehalten hat. Wenn das nicht funktioniert – was funktioniert dann?

Würden Sie ein ähnliches Angebot also ablehnen?

Wir hatten immer wieder Investorenanfragen, 30 bis 40 an der Zahl. Wir sagten stets ab, da lusche Geldgeber darunter waren. Investoren haben es im Schweizer Sport schwer. Es funktioniert nur, wenn Mittel und Herzblut vorhanden sind. Wie bei den Rihs-Brüdern in Bern, Constantin in Sion, Canepa in Zürich.

Wie nahe war der FC Wil dem Ende wirklich?

Sehr nahe. Dass unsere Anwälte die AG zurück in unseren Besitz holen konnten, war nicht selbstverständlich – ohne diesen Schritt wären wir verloren gewesen.

Noch gibt es Nachwehen. Mit Rémi Gomis soll ein Rechtsstreit offen sein.

Das Dossier ist bei der Schlichtungskommission der Liga. Gibt es keine Lösung, müsste man ordentliche Gerichtswege beschreiten. Unser Ziel ist es, den betreffenden Spieler im Sommer zu transferieren.

Allenfalls sind aber noch hohe Lohnzahlungen offen?

Das wird sich zeigen.

Spieler wie Mattia Bottani oder Gomis haben laufende Verträge über 2017 hinaus. Verdient sich Wil am Ende eine goldige Nase mit Transfers von Spielern, die seinerzeit dank türkischer Gelder nach Wil gelockt wurden?

Das Geld für Bottani oder Gomis wurde von der FC Wil 1900 AG ausgegeben, ihr gehören auch die Einnahmen aus allfälligen Transfers.

Ist es vertretbar, wenn man bei Spielern, die kleinere Löhne akzeptierten, bei den Verhandlungen auf einer langen Vertragsdauer besteht und Ihnen so einen Wechsel im Sommer erschwert?

Bei einigen Spielern sind Klauseln in den Verträgen: Sie dürfen aus dem Vertrag aussteigen, wenn sie einen Verein finden.

Bei welchen ist dies der Fall?

Vertragsdetails geben wir nicht bekannt, daran halten wir uns.

Wie will man künftig finanziell haushalten?

Sportlich hat die Challenge League Fortschritte gemacht, wirtschaftlich bleibt es schwierig. Sponsoringmarkt und Zuschauerinteresse sind klein. Der neue TV-Vertrag hilft uns, da wird mehr Geld fliessen. Die Sponsorenbasis können wir wieder ausbauen, das geplante 2,5-Millionen-Budget wird gestemmt. Dann sind wir da, wo wir waren.

Sie selbst sollen Geld zur Rettung beigetragen, aber auch vom Aktienverkauf an MNG profitiert haben. Haben Sie mehr verdient oder verloren mit dem Abenteuer?

Das ist mehr oder weniger ein Nullsummenspiel.

Konkreter?

Es war nie das Ziel, aus dem Clubverkauf Profit zu schlagen. Aber wir schätzten den Nutzen für Verein und Region als gross ein. Für Unternehmer geht es um Passion, nicht nur um Zahlen. Zwölf Jahre lang habe ich als Wil-Präsident viel meiner Arbeitszeit und meine Freizeit investiert, aber dafür nie Geld gesehen. Ähnlich sieht es für alle Verwaltungsräte aus: Man kann es karitatives Investment in den Sport nennen. Ein sehr zeitaufwendiges Hobby.

Wie sieht es mit der Trainerfrage aus?

Wir wollen die Saison gut zu Ende spielen. Mit Maurizio Jacobacci werden wir Gespräche führen. Er hat uns unterstützt und gezeigt, dass es im Fussball Freundschaft gibt.

Der ehemalige Wil-Trainer Axel Thoma wurde wieder an FC-Wil-Spielen gesehen...

Er gehört zur FC-Wil-Familie.Alles ist offen in der Trainerfrage.

Sie haben die zweite Sanierung hinter sich. War es schwieriger 2003 nach der Ära Hafen oder diesmal?

In der Hafen-Geschichte war es schwierig, da wir keinen Überblick hatten über all die Verpflichtungen, die noch bestanden. Und ich hatte damals noch wenig Erfahrung im Fussballgeschäft. Diesmal waren die Spielergespräche schwierig. Da wir das Team nicht selber zusammengestellt hatten, fehlte uns zu vielen Spielern der Bezug, ihnen fehlte die Identifikation mit dem Club.

In dieser Phase sagten Sie, dass Sie nicht wissen, ob Sie sich im Fussball weiter engagieren wollen.

Jedes Task-Force-Mitglied war am Anschlag. Jeder wollte einmal aufgeben, sich wieder seiner Arbeit und der Familie widmen. Wir stellten die Sinnfrage, als die AG noch nicht wieder in unserem Besitz war und Gespräche stockten. Wir haben uns gegenseitig zum Weitermachen ermuntert.

Wie sind Sie mit der Kritik an Ihrer Person umgegangen?

Es wird viel geschrieben, auch wenn es schwierig ist, von aussen in das komplexe Geschäft hineinzusehen. Dass ich als Präsident den Kopf hinhalten muss, ist klar. Ich hatte aber die Unterstützung der Familie und von Freunden. Es war eine Aufheiterung, als, kurz bevor die Januarlöhne endlich bezahlt waren, eine Zeichnung meiner Töchter an der Türe hing, als ich spät nach Hause kam. Darauf stand: «Papi, du bist unser Held.»

Für Challenge-League-Clubs sind Sie kein Held. Kritisiert wird, dass das Wiler Abenteuer die Liga verfälsche.

Ich würde mir nicht anmassen, über Konkurrenten zu urteilen. Das hat mit Niveau zu tun. Fürs Budget ist jeder selber verantwortlich, wir haben unter den Türken immer pünktlich bezahlt, und dann rasch neue Verträge ausgehandelt, die Pflicht erfüllt.

Wils Stadtpräsidentin Susanne Hartmann forderte, dass Sie den Verein retten und dann abdanken sollen.

Die Stadiongeschichte hat das Ganze raufgeschaukelt. Wir haben für die Rettung keine öffentlichen Gelder beansprucht, nun soll die Stadt einer privaten Gesellschaft auch nicht vorschreiben, wer sie zu führen hat. Es gab keinen Dank der Stadt, dass wir den Club gerettet haben. Das bedaure ich. Der Auftrag ist erfüllt.

Der Auftrag war, abzutreten.

Ich suchte ja die Rolle als Präsident nie, auch wenn es meine Passion wurde. Wir wollen den Verwaltungsrat erweitern und verjüngen. Irgendwann will ich die Nachfolge aufbauen.

Auch Ihre Doppelrolle als Liga-Finanzchef und Wil-Präsident ist heikel. Sie sind in der Liga in den Ausstand getreten. Kehren Sie zurück?

Gespräche stehen an. Die beiden Mandate haben nichts miteinander zu tun. In der Liga bin ich von Clubvertretern gewählt. Und ich denke, dass ich in den sechs Jahren gute, transparente Arbeit geleistet habe. Ich würde die Rücktrittsforderung verstehen, wenn wir Wil nicht gerettet hätten. Wir haben der Liga nicht geschadet.

Würden Sie wieder gewählt?

Wenn ich alles transparent darlegen darf, denke ich ja. Clubpräsidenten werden sich auch sagen: Der Mann ist krisenerprobt. Viele Vereine der Liga haben zudem von Wil profitiert: Durch Spielerverkäufe an Wil konnten sie teils hohe Transfererträge generieren.

Wie wird die Zusammenarbeit mit dem FC St. Gallen im Nachwuchs weitergehen? Diese stockte zuletzt.

Auch vor 2015 gab es Verständigungsschwierigkeiten. St. Gallens damaliger Sportchef Heinz Peischl war zurückhaltend darin, uns Spieler auszuleihen. Hier hoffen wir auf neue und konstruktive Zusammenarbeit. Es ist doch naheliegend, dass zum Beispiel ein Nicolas Lüchinger über Wil den Weg zurück zu St. Gallen findet – anstatt über Chiasso zu Sion.

Derzeit ist der Liga-Modus ein Thema. Wie stehen Sie dazu?

Lange war der Modus in Super und Challenge League gut. Das Niveau stieg. Nun ist die Spannung aber weg, ein Wechsel sinnvoll. Belgien hat ein interessantes Modell mit Europacup-Playoffs und einer 16er-Liga. Sollte man das auch in der Schweiz einführen, könnte die zweithöchste Liga zu einer Halbprofiliga werden, wo auch Clubs mit kleinerem Budget überleben würden. Die Liga prüft derzeit Optionen.

Die Lizenzanforderungen an Challenge-League-Clubs seien zu hoch, heisst es oft.

Es ist gut, wenn die Stadion- und TV-Vorgaben hoch sind. Auch finanzielle Auflagen sind wichtig. Aber in Sachen Sicherheit dürften die Hürden kleiner sein, zumal man die Hooligan-Szene einigermassen im Griff hat. Sobald man den neuen Modus kennt, muss man die Auflagen überprüfen.

Würde Wil einer grösseren Profiliga angehören?

Einer 16er-Liga schon, in kleineren Formaten stehen Servette, Aarau oder Xamax vor uns. Aber in einem Modus mit Auf-/Abstiegsrunde wäre Wil dabei, dann profitierten wir wohl von höheren Zuschauer- und TV-Einnahmen.


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