Wenn die Mannschaft dem Trainer hilft

GEGENTRIBÜNE ⋅ Fussballtrainer nehmen auf vielseitige Art Einfluss auf die Leistung einer Mannschaft. Im Training, in der taktischen Vorbereitung, durch das Auftreten vor Spielern und Kameras und mehr. Aber auch wenn einer in allen Fächern der Ausbildung glänzt, ist er abhängig von einem einzigen Faktor.

04. Oktober 2016, 06:46
Fredi Kurth
Roger Stilz ist an meinem Wohnort Tübach aufgewachsen. Im vergangenen März hat er an der Sporthochschule Köln als einer der besten Absolventen den höchsten Trainerschein im deutschen Fussball erworben. Etwas besser war noch der Klassenprimus, Julian Nagelsmann, der letzte Saison im Alter von 29 Jahren als jüngster Trainer der Bundesliga-Geschichte 1899 Hoffenheim aus dem tiefsten Abstiegskeller gelotst hat.

Stilz wäre mit 39 Jahren ebenfalls noch ein junger Wilder, der sich im Fussballgeschäft einen Namen machen könnte. Er war auch schon im Zusammenhang mit dem FC St.Gallen erwähnt worden. Da aber der Prophet im eigenen Land wenig zählt, könnte Stilz eher in Deutschland Karriere machen - die im Grunde dort schon begonnen hat.

Er zeichnete sich als erfolgreicher Organisator der Nachwuchsabteilung und Co-Trainer bei Victoria Hamburg  aus und sammelte wertvolle Erfahrungen als Co-Trainer beim Hamburger SV und beim 1. FC Nürnberg. Beim HSV, wo die Trainer fast schneller wechseln als in Sion, hat er in einem Jahr drei Cheftrainer kennengelernt: Thorsten Fink, Bert van Marwijk und Mirko Slomka. Als Stilz den HSV verliess, reichte es nur noch zu einem Händedruck mit Joe Zinnbauer, der damals beim Bundesliga-Dinosaurier als weiterer Retter in der Not übernahm.

Mehr als nur Trainingsplatz
Stilz ist seit ein paar Monaten Nachwuchschef beim 2. Ligisten St.Pauli und damit Vorgesetzter von rund 60 meist hauptberuflich Angestellten dieser Abteilung. Er zählte mir ein halbes Dutzend ganz unterschiedlicher Kompetenzen auf, über die ein Trainer in der Bundesliga verfügen muss. "Versagt er nur in einem Bereich, hat er kaum eine Chance", sagt Roger Stilz. Auf einen Faktor, den wichtigsten, könne ein Fussballcoach allerdings nur beschränkt Einfluss nehmen, nämlich die Qualität des Spielerkaders, und zwar immer im Rahmen der oft beschränkten finanziellen Möglichkeiten des Arbeitgebers.

Haggui, Ajeti, Barnetta
Bezogen auf den FC St.Gallen, hat die Qualität der Mannschaft seit Meisterschaftsbeginn zugenommen. Mit Karim Haggui wurde ein Abwehrorganisator gefunden, vielleicht sogar vom Typ Philippe Montandon. Und Albian Ajeti verstärkt die Alternativen im Sturm. Wie er beim Ausgleich in Bern Albert Bunjaku (im Verbund mit Marco Aratore) freispielte, inmitten der komplett versammelten YB-Defensive, deutete seine Klasse an. Und im Winter kommt dann noch Tranquillo Barnetta.

Wie ein Bundesrat
Ein St.Galler Bundesrat oder eine St.Galler Bundesrätin hätte nach der Wahl in den regionalen Medien kaum mehr Würdigung erfahren als Rückkehrer Barnetta aus den USA. Dafür konnte man nach einem leichten Schmunzeln Verständnis haben: Ein besserer und erfolgreicherer Fussballer ist noch nie aus dem Nachwuchs des FC St.Gallen hervorgegangen und somit auch nie zurückgekehrt. 75 Länderspiele und 250 Bundesligaspiele sind auf Barnettas Karriereblatt zu finden. Und im Alter von 31 Jahren verfügt er nicht nur über immense Erfahrung, sondern immer noch über gute physische Möglichkeiten. Mario Frick war bei seinem Super-League-Einstand bereits 35 Jahre alt, was ihn nicht hinderte gegen Basel gleich zum 1:0 einzuschiessen. Womit wieder der Bogen zu "Quillo" gespannt ist: Als er am 27. Juli 2002, ebenfalls gegen Basel, in der Meisterschaft debütierte, erzielte er sogleich das einzige Tor beim 1:1 auf dem Espenmoos.

Andere verlorenen Söhne finden nur selten den Weg zurück. Der bekannteste war der Fussballgott persönlich, wobei die Aufmerksamkeit geringer war: Marc Zellwegers Abstecher zum 1. FC Köln und zum FC Wil dauerte nicht einmal zwei Jahre. Sein Versprechen zum Comeback nicht mehr einlösen konnte Ivan Zamorano, der seine internationale Laufbahn ebenfalls auf dem Espenmoos lancierte. Dem smarten Chilenen sei‘s verziehen.

Auf die Dichte kommt es an
Das Netz der Spieler, die den FC St.Gallen auf ein höheres Niveau hieven könnten, wird also immer dichter. Darauf kommt es an, denn damit multipliziert sich sozusagen die Qualität einer Mannschaft. So funktionieren im Übrigen - wenn auch auf anderer Ebene - die europäischen Spitzenteams, die in der Meisterschaft in Deutschland, Spanien, Italien und England ihrer Konkurrenz weit voraus galoppieren. Ein einziger Spieler, wie noch Rolf Blättler in der ersten Hälfte der 1970er Jahre, kann auch bei St.Gallen schon lange nicht mehr den Unterschied ausmachen.

Präsident Dölf Früh war denn auch gut beraten, die Euphorie bereits vergangene Woche zu dämpfen: "Wir ändern das Saisonziel nicht." Das da lautet, ohne finale Zitterpartien den Ligaerhalt zu sichern. Dennoch könnte der Kader nun stark genug sein, um Konstanz auch im Erfolg zu zeigen.

Trainer haben ja die Aufgabe der Mannschaft zu helfen. In diesem Fall könnte die Mannschaft den Trainer stützen. Das mag despektierlich klingen, ist es aber nicht. Schon Christian Gross hat einmal auf die Frage, was denn ein guter Trainer benötige, schlicht geantwortet: "Gute Fussballer." Es gibt nur wenige in der Branche, die aus bescheidenen Mitteln oder hoffnungslosen Situationen erfolgreiche Teams formen. Spontan kommt mir einzig Lucien Favre in den Sinn, auf gutem Weg scheint auch Kölns Peter Stöger zu sein.

Es gibt aber einige, die fast ausschliesslich von der Mannschaft getragen werden oder wurden. Das galt einst für Tschik Cajkovski, den Trainer von Bayern München mit Akteuren wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Rainer Ohlhauser, Sepp Maier oder Bulle Roth. Das galt für Helmut Schön, den deutschen Bundestrainer. Andere sind einfach hineingerutscht, weil sie als Fussballer Weltklasse waren und kraft dieser Autorität und Erfahrung andere Spieler beeindrucken können. Das heisst nicht, dass ihre Aufgabe einfach wäre. Bei einer Ansammlung von Stars braucht ein Trainer immer auch viel Einfühlungsvermögen, um die Truppe bei Laune zu halten. Einige wenige dieser Trainer-Kategorie können indessen auch mit hervorragendem Spielermaterial nicht viel anfangen. In diese Kategorie ist zuletzt Roberto Mancini als Trainer von Manchester City und Inter Mailand abgerutscht.

Die Achterbahn von Bern
Die Partie bei den Young Boys liess in dieser Hinsicht keine weiteren Deutungen zu, weil es sich im Stade de Suisse immer um besondere Spiele handelt. Diesmal sauste der FC St.Gallen über eine Achterbahn. 17:7 lautete das Chancenverhältnis zugunsten der Berner, attraktiv war es allemal. Dennoch verdiente sich Zinnbauers Team den Punkt. Denn, mit den Paraden von Daniel Lopar glich sie einfach den Kunstrasen-Vorteil der Berner aus, der sich in diesem Fussballjahr besonders bemerkbar zu machen scheint. Auswärts hingegen hat YB erst einmal gewonnen – gegen St.Gallen.

Aufgefallen

Der Schiedsrichter der Partie St.Gallen gegen Basel hat das Eigentor zum 1:2 definitiv zu Unrecht anerkannt. Die indirekte Bestätigung erfolgte am Sonntag in einer wenig beachteten Situation in der 72. Minute im Wankdorf. Der YB-Verteidiger Von Bergen schoss den Ball wuchtig in Corner, während der St.Galler Mario Mutsch unweit davon  in Positionsoffside stand, ohne aber ins Geschehen einzugreifen. Der Ref in Bern entschied auf Freistoss für YB. Nach der (falschen) Logik von St.Gallen hätte es in Bern Eckball für die Espen geben müssen. Entscheidend ist aber: Zuerst war das Positionsoffside, erst dann flog der Ball über die Behindlinie – wie in St.Gallen, dort aber über die Torlinie.

Der Aufsteiger der Super League müsste im Grunde umgetauft werden auf Leicester Sport. Was Lausanne aktuell zeigt, ist vergleichbar mit dem Meister der Premier League, auch wenn der Titelgewinn ausser Reichweite liegt. Die Begeisterung lässt allerdings zu wünschen übrig: Nur 3670 Zuschauer erschienen zum Spitzenspiel gegen Lugano. Im Eishockey, wo der HC Lausanne ebenfalls ungeahnte Höhen erklimmt, liegen die Zuschauerzahlen wesentlich höher. Ebenfalls gegen Lugano waren zuletzt die Plätze mit 6543 Fans besetzt. In andern Ländern wie Deutschland wäre das eine unvorstellbare Entwicklung. Die Fussball-Verantwortlichen hierzulande müssten sich Fragen stellen. Antworten darauf habe ich in dieser Kolumne auch schon gegeben. (th)


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