FC St.Gallen

Zu Hause

FC ST.GALLEN ⋅ Tranquillo Barnetta hat den USA den Rücken gekehrt, nun hat ihn St. Gallen wieder. Die Vorfreude des 31-Jährigen auf seinen neuen alten Club ist gross. Für beide Parteien wird es um viel gehen.

11. November 2016, 14:00
Christian Brägger

Da steht er, auf dem Rasen des Espenmoos. Seines Stadions. Einen Steinwurf entfernt ist Tranquillo Barnetta in der Notkersegg aufgewachsen. Später schenkte ihm die ehemalige Heimat des FC St. Gallen einmalige, unvergessliche Momente. Und umgekehrt. Das ist über ein Jahrzehnt her. Barnettas Gedanken kreisen, Erinnerungen kommen hoch. Der Blick schweift zu dem Tor, hinter dem der Espenblock bei den Heimspielen jeweils Stellung bezogen hatte. Genau wie er, damals als kleiner Bub mit dem Vater und dem Bruder. Und plötzlich sei er als 17-Jähriger selbst im Espenmoos aufgelaufen. «Das war grandios. Aber der allergrösste Moment hier war, als ich gegen Basel mein erstes Tor in einem Heimspiel erzielte. Flach in die Ecke habe ich Zubi vor den Augen von Familie und Freunden bezwungen.» Später kreuzte sich sein Weg mit Pascal Zuberbühler, dem damaligen Basler Goalie, in der Nationalmannschaft wieder.

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Am Dienstag ist Barnetta aus den USA heimgekehrt. Eineinhalb Jahre hat er für Philadelphia gespielt, etwas abrupt endete vor knapp zwei Wochen das Fussballabenteuer gegen Toronto. «So sind die Playoffs. Auf einen Schlag ist die Saison fertig. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Es war bitter.» Die letzten Tage in Philadelphia seien nicht leicht gewesen, es hiess – und das gehört zum Beruf des Fussballers – für immer Abschied nehmen von den Leuten, die ihm ans Herz gewachsen waren. Es schmerzte ihn, also hielt sich Barnetta daran fest, was kommen und zumindest zweieinhalb Jahre lang sein Leben bestimmen würde: am FC St. Gallen. Diese Gedanken halfen. Und als er vor drei Tagen in Zürich empfangen wurde von Familie, Freunden und seinem 3jährigen Göttikind, da spürte er: «Jetzt bin ich wieder zu Hause.»

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Der Rucksack, mit dem Barnetta zurückkehrt, ist prall gefüllt. Der Ostschweizer hat mit dem «American way of life» genau das erfahren dürfen, wonach er letztlich gesucht hat. Überdies sind es die Begegnungen, von denen er noch heute zehrt. Und die Wertschätzung, die ihm von allen Seiten und selbst dann noch entgegengebracht worden war, als sein Weggang längst feststand. «Es gab nie ein negatives Wort.» In jener Zeit steckte Philadelphia bereits in der Negativspirale fest – und fand nicht mehr heraus. Der letzte Sieg datierte vom August, und Barnetta spielte zuletzt nicht mehr nur gut. Doch der St. Galler will nicht zurückschauen, weil das nichts bringt, und von Sätzen, die mit «wenn» und «aber» beginnen, hält er schon gar nichts.

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Vieles in der Karriere des Mittelfeldspielers war weiss, weniges schwarz, natürlich gab es Grautöne. Weil mit dem FC St. Gallen Weiss dominieren soll, will sich Barnetta bereits jetzt ans Team herantasten – und nicht erst nach der Winterpause. Nächste Woche soll er ins Training integriert werden. «Nicht zu hundert Prozent, weil ich aus einer langen Saison komme. Aber so, dass ich topfit bleibe.» Dafür müssen zuerst mit Philadelphia die Vertragsdetails geregelt werden – bis zum Jahresende noch gehört Barnetta den US-Amerikanern. In St. Gallen erwartet ihn keine einfache Aufgabe, sportlich gab es schon bessere Zeiten, Trainer und Team stehen in der Kritik. Barnetta sagt: «Es könnte dramatischer sein. Es ist alles so eng beisammen.» Er weiss, dass die Resultate bis zum Ende der Vorrunde auch für ihn wichtig sein werden. Je nachdem wird der Druck, der auf ihm im nächsten Jahr lastet, ein anderer, ein noch grösserer sein. Doch im Grunde sind Vorfreude und Erwartungen ohnehin überdimensional gross. Barnetta ist nun nicht mehr das junge Talent. Jetzt ist er Routinier, Rückkehrer, Hoffnungsträger, Identifikationsfigur, Leithammel und Vorbild in Personalunion. Etwas gar viel für einen, der lange weg war. Er sagt: «Man muss wissen: Mit mir wird nicht alles auf einen Schlag besser.»

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Beim FC St. Gallen würde Barnetta am liebsten direkt hinter den Spitzen agieren, da er dann mehr im Spiel sei. «Je mehr Bälle ich habe, desto besser läuft es mir.» Und es sei wichtig, dass in St. Gallen die Achse funktioniere. «Ist das der Fall, kannst du fast nicht verlieren.» Vorab sieht es der 75fache Schweizer Nationalspieler als seine Aufgabe, die Mitspieler mitzuziehen und die Anhänger dazu zu bringen, dass das Heimstadion wieder eine Festung wird. «Der Funke zu den Fans muss springen. An jedem Spieltag muss das stattfinden. Dafür ist die ganze Mannschaft nötig.» Den Gedanken, dass er an Ansehen verlieren könnte, wenn es nicht laufen sollte, kennt er. Doch er lässt ihn nicht zu. «Meine Karriere bestand eigentlich immer aus lauter Drucksituationen. Ich kann in St. Gallen auch viel gewinnen.» Er hoffe, dass er jene Figur sein werde, die man sich von ihm erwarte.

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«Ab jetzt ist St. Gallen gleich Job und nicht mehr gleich Ferien», sagt Barnetta. Wann immer es ihm beliebt, kann er fortan seine Familie und die Freunde sehen. «Ich bin nicht einer, der nur an Fussball denkt. Ich werde nun noch besser abschalten können. Zum Beispiel beim Jassen.» Neu war für den Fussballprofi überdies, dass er sich in St. Gallen definitiv anmelden musste. Zumal er ja keinen Clubwechsel mehr anpeilt. Also wird «Quillo» nach all den Jahren im Ausland auch erstmals eine Steuererklärung ausfüllen. Ja, St. Gallen hat ihn wieder. Und umgekehrt. Barnetta ist wieder zu Hause.


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