Wieder Gianluca sein

LERNPHASE ⋅ Der FC St.Gallen und Gianluca Gaudino - das will bis jetzt nicht richtig klappen. Für den 20-jährigen Deutschen scheinen es verlorene Jahre in der Ostschweiz zu sein. Er verneint.
10. März 2017, 13:16
Christian Brägger

Christian Brägger

Blitzlichtgewitter, Livestreams, Journalisten en masse, TV-Kameras, die Augen und Linsen auf ihn gerichtet, Gianluca Gaudino, den 19-jährigen Mittelfeldspieler des FC Bayern, der ein wenig scheu wirkt und von dem es heisst, er sei ein Wunderknabe. Ein derartiges Brimborium mit einer eigens einberufenen Pressekonferenz hatte der FC St.Gallen bis dahin für keinen seiner Neuankömmlinge veranstaltet, damals, am 14. Januar 2016. Die Erwartungen waren geschürt, sie waren immens, und Gaudino sagt: «Der Wechsel, die Arbeit mit den Journalisten, alles war neu für mich, der Schritt gross.»

Am vergangenen Sonntag, dem 5. März 2017, spielt der nun 20-jährige Gaudino über die volle Distanz mit St.Gallens U21 gegen Mendrisio, 3:3 endet die 1.-Liga-Partie in Wil. Beinahe zeitgleich schafft in Sitten die erste Mannschaft des FC St.Gallen mit dem 2:1-Sieg ein Husarenstück. IGP Arena statt Tourbillon, keine Einsatzminute in der Rückrunde der Super League, die Realität hat Gaudino eingeholt, selbst wenn er mit zwei Millionen Euro Marktwert laut Transfermarkt wertvollster Akteur der Ostschweizer ist, und er sagt: «Es ist nicht schön, wenn man nicht im Kader steht. Aber das gehört dazu.» Wenigstens habe er so wieder einmal Spielpraxis sammeln können.

Lernen aus den schlechten Phasen

Aus dem Konzept bringen lässt sich Gaudino deswegen nicht, dafür hat er schon zu viel erlebt in der jungen Karriere, mit Einsätzen für Bayern München in Bundesliga und Champions League. Dennoch müsste er sich im falschen Film wähnen, jetzt, wo es ihm, dem filigranen Techniker, so überhaupt nicht laufen will mit dem FC St.Gallen. Wieder nicht, nach all den gesundheitsbedingten Rückschlägen, die ihn seit einem Jahr mehr oder weniger begleiten. «Es gibt schlechte Phasen. Daraus muss ich lernen. Aber verlorene Jahre sind es mit St.Gallen definitiv nicht für mich.» Weil er derzeit in der Mannschaft von Coach Joe Zinnbauer keine Rolle spielt, ist die Situation für den Kopf schwierig, sagt Gaudino. Dennoch will er genau solche Dinge mit auf seinen Weg nehmen – weil sie ihn für die Zukunft härter machen.

Das Gesamtbild hat Gaudino trotz allem nicht aus den Augen verloren, die ganz grossen Ziele, die er langfristig verfolgt und an denen er dranbleiben will. Die da heissen: Champions League spielen, auch für die deutsche Nationalmannschaft, und mit ihr Turniere wie die WM oder EM bestreiten. Dafür lebt der zentrale Mittelfeldspieler, mit diesem Fokus ist er aufgewachsen. Ohne dass sein berühmter Vater Maurizio hier Einfluss genommen hätte, einst selbst ein begnadeter Fussballer in Deutschland, der sagt: «Wichtig ist, dass Gianluca sich für nichts zu schade ist und nun beim FC St.Gallen alle Facetten des Fussballs kennenlernt. Bayern München ist mit nichts auf der Welt vergleichbar, dort verlässt du den Platz in den meisten Fällen als Sieger. In St.Gallen aber geht es um die Existenz des Vereins, das ist doch das eigentliche, das normale Fussballerleben. Die Realität ist nicht die Champions League.»

Nach der frühen Trennung der Eltern wuchs Gianluca bei der Mutter in München auf, wohin später auch der Vater zog, um näher bei seinem Sprössling zu sein. Der Sohn sagt: «Mama ist Mama, Geborgenheit. Papa ist Papa, und Fussball.» So sei es allein sein Entscheid, sein Wille gewesen, Fussballprofi zu werden. «Wenn etwas ohne den Druck von anderen geschieht, kann man sich am besten entfalten.» Gaudino junior tauscht sich oft mit Gaudino senior aus, nicht nur jetzt, wo es schlecht läuft, sondern generell. Der Vater berät ihn, er ist sein Vorbild, er hat die grossen Fussstapfen hinterlassen, in die Gianluca treten möchte. Und gerade weil Gianluca mit Nachnamen Gaudino heisst und er von den Bayern kam, lastete in der Ostschweiz ein grosser Druck auf ihm. Der Vater sagt: «Rückschläge können vorkommen. Gianluca ist in der Entwicklungsphase, mental und körperlich. Es ist gut, dass diese riesige Erwartungshaltung, die nach der Ankunft auf den Schultern meines Jungen lastete, nun weg ist, weil der FC St.Gallen heute eine bessere Mannschaft ist. Jetzt kann mein Sohn endlich wieder der Gianluca sein.»

Der Vater steht mit den Bayern in Kontakt

Vom deutschen Rekordmeister, dem er nach dem Ende der Leihe im Sommer ein weiteres Jahr gehört, hat Gianluca bisher nichts vernommen. Die Gespräche laufen ohnehin über den Vater, der sagt, dass die Bayern natürlich seinen Sohn beobachten.

Die Frage, ob der Schritt nach St.Gallen im Nachhinein ein Fehler war, drängt sich auf. Doch der älteste Nachwuchs der Münchner spielt in der vierthöchsten Liga, diese hätte das Talent nicht weitergebracht. Also sagt der 20-Jährige: «Der Wechsel war richtig. Mal passt’s, mal nicht, so ist der Fussball. St.Gallen bringt mich trotzdem weiter. Und ich bin gesund und habe noch immer dieselbe riesige Freude am Fussball.» Ab einem gewissen Punkt fange man automatisch an zu zweifeln, das sei eben genau das, was man eigentlich nicht machen dürfe. So kann es auch nicht Gaudinos Anspruch sein, darauf zu warten, bis es dem Team wieder schlechter läuft, damit er den Weg zurück ins Kader findet. «Aber abgefallen bin ich bisher nicht.»

Gaudino sagt, jeder Spieler brauche eine gewisse Zuneigung. Doch sei es die beste Lebensschule, wenn man in andere Ligen gehe, andere Charaktere kennen und mit diesen umzugehen lerne. Mit neuen Trainern sei das nicht anders. «Natürlich ist immer alles besser, wenn man spielt. Doch das Verhältnis zu Zinnbauer ist okay», sagt der Spieler. Würde er den Wechsel denn wieder vollziehen, wenn er wüsste, wie es hier läuft mit dem FC St.Gallen, mit Zinnbauer? «Der Gaudino von heute würde ja sagen, der Gaudino von damals vermutlich nein. Es wäre mir wohl zu kompliziert gewesen, weil ich den einfacheren Weg gesucht hätte.» So stört es Gaudino auch nicht, dass es schon hiess, er würde schlecht trainieren – weil er dies anders sieht. Selbst hier wird deutlich, nichts ist mehr da von früherer Scheu. Vielmehr erkennt man, wie ihm die Monate hier gutgetan haben müssen.

Der Folgeschritt nach dem Wechsel

Der Vater sagt: «Ich habe immer mal wieder Kontakt mit Joe. Er weiss, wie es läuft, er muss entscheiden, wer spielt. Gianluca muss jetzt einfach so trainieren, dass der Coach nicht an ihm vorbeikommt.» Der Sohn sagt: «Das mache ich sowieso.» Abgeschlossen mit St.Gallen hat Gianluca Gaudino jedenfalls nicht. «Ich arbeite weiter an mir, ich bin Optimist.» Also wird es Zeit, dass Gianluca auch in St.Gallen wieder zeigen kann, was es heisst, der Gianluca zu sein. Es wäre der Folgeschritt nach dem Wechsel zum FC St.Gallen. Und die nächste Stufe der Karriere.


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