Wer Frühs Erbe antritt

VAKANZ ⋅ Weil Dölf Früh gesundheitsbedingt schnell kürzertreten muss, braucht der FC St.Gallen im Mai einen neuen Präsidenten. Wer der Nachfolger wird, ist offen. Die Anforderungen sind hoch, Kandidaten vorhanden.
11. April 2017, 09:21
Christian Brägger

Christian Brägger

«FC St.Gallen, was wird?», titelte gestern unsere Zeitung mit Blick auf die nahe sportliche Zukunft. Bereits heute hat diese Frage eine ganz andere Tragweite, weil Dölf Früh, der Verwaltungsratspräsident der FC St.Gallen AG und der FC St.Gallen Event AG, aus gesundheitlichen Gründen sein Amt im Mai an einer ausserordentlichen Generalversammlung vorzeitig niederlegt. Wie geht es mit dem Verein weiter ohne seinen Retter vor dem finanziellen Ruin, damals im November 2010?

Im Hintergrund hat vorerst insbesondere Früh mit der Suche nach dem Nachfolger begonnen, wobei hier von Beginnen nicht die Rede sein darf; der scheidende Präsident soll schon länger nach einem geeigneten Kandidaten Ausschau halten. So gab es in der Vergangenheit zumindest Situationen, in denen der passionierte Kickboxer und Skifahrer damit kokettierte, das Amt alsbald abgeben zu wollen. Dass ihn die Zukunft nun derart schnell einholt und alles in dieser Eile geschehen muss, damit konnte Früh nicht rechnen, und darin liegt gerade das Tragische. Es heisst, er habe zweimal etwas am Herzen gehabt und sei gesundheitlich angeschlagen. Es ist durchaus möglich, dass Früh, diesem Mann mit harter Schale und weichem Kern, sportliche Rückschläge wie der letzte Tabellenplatz des FC St.Gallen nach zwölf Runden doch mehr zusetzten, als er zugeben mochte. Und die Dinge ihm an die Substanz gingen. Zumal sich im vergangenen Frühherbst der Zorn des Volkes gegen den Trainer Joe Zinnbauer richtete, gegen den Trainer von Frühs Gnaden, und letztlich auch gegen seine Person.

  • Die Sensation: Der 53-jährige Jurist Bernhard Heusler hob den FC Basel als geschäftsführender Präsident auf ein derart hohes Niveau, dass heute in der Schweiz kein Club nur annähernd folgen kann. Nun hat Heusler genug, er hört nach dieser Saison auf und  sucht eine neue Herausforderung. Weshalb nicht beim FC St. Gallen? Die Verankerung des Clubs in der Region wäre dieselbe.
  • Die Überraschung: Der gebürtige Bündner Pierin Vincenz erfüllt das Anforderungsprofil bestens. Er war einst Chef der Raiffeisenbanken, die  Sponsor der Super League sind. Der 60-Jährige hat an der HSG studiert und wohnt in Niederteufen, besser vernetzt als der fachkundige Fan des FC St.Gallen könnte kaum jemand sein. Vincenz hat in seinem Leben alles richtig gemacht, er geniesst einen hervorragenden Ruf – und wäre finanziell unabhängig.
  • Der Favorit: Der 43-jährige Pascal Kesseli ist seit Sommer 2013 CEO der FC St.Gallen Event AG und gilt als Favorit auf die Nachfolge von Dölf Früh. Unter der Leitung von Kesseli konnte nach dem Ausstieg der AFG mit Kybun ein neuer Namensgeber für das Stadion gefunden werden und die Marke FC St.Gallen wurde dank intensivierter Marketingauftritte gestärkt. Kesseli, früher CEO der Firma Faserplast AG, leistet gute Arbeit.

Wer wird neuer Präsident des FC St.Gallen? Unsere Liste möglicher Kandidaten reicht von der grossen Sensation und dem Überraschungsmann bis zum Kronfavoriten.

Geht es Früh gesundheitlich schlechter als vermutet?

Und natürlich, wenn ein Rücktritt nicht freiwillig und abrupt erfolgt, gibt das Raum für Spekulationen. So soll es im Verwaltungsrat vermehrt Unstimmigkeiten gegeben haben wegen unterschiedlicher Ansichten, die Früh zusehends isolierten. Dem ist entgegenzuhalten, dass ein Verwaltungsrat ja gerade auch nur dann funktioniert, wenn es im positiven Sinn zu Reibungen kommt. Die Spekulationen gehen ebenfalls in diese Richtung: Geht es Früh viel schlechter als vermutet? Ist gar eine schwere Krankheit ausgebrochen? Dem «Blick», zu dem Früh seit 2007 und dem Verkauf seines Internet-Marktportals «Gate24» an Ringier einen guten Draht hatte, sagte der Präsident jedenfalls, auf den Rücktritt eine zwölfwochige Therapie folgen zu lassen. Für weitere Informationen war der dreifache Familienvater gestern nicht erreichbar, und es ist verständlich, dass sich der 65-Jährige diesem Thema entzieht, weil es seine Privatsache ist. Doch als Präsident des FC St.Gallen steht Früh in der Öffentlichkeit, dank ihm ist der Club heute finanziell mit fast sechs Millionen Franken Reserven so gut aufgestellt. Überdies hat er das Future Champs Ostschweiz ins Leben gerufen, die professionelle Jugendförderung mit eigener Akademie ist sein Baby, das er beschützt wie der Vater sein Kind. Falls nötig auch mit verbalen, bisweilen fast cholerischen Attacken – nicht nur hier.

  • Dölf Früh mit Tranquillo Barnetta.

Dölf Früh leitet seit 2010 die Geschicke des FC St.Gallen. Mit ihm als Präsident stiegen die Espen ab, stiegen auf und spielten in der Europa League. (Bilder: asdf)

Den Verein seines Herzens kann Früh aber nicht loslassen. Es gilt als gesichert, dass er sein Aktienpaket von knapp 40 Prozent an der Event AG, die über der FC St.Gallen AG steht, nicht an den Nachfolger verkaufen wird. Damit, und das irritiert, bliebe er Grossaktionär und Entscheidungsträger. So oder so dürfte es im FC St.Gallen künftig ein anderes Konstrukt geben als bisher. Auch ein angestellter, geschäftsführender Präsident mit Pascal Kesseli, dem CEO der FC St.Gallen Event AG, wäre denkbar – er hätte keine finanziellen Risiken zu tragen wie dazumal Früh. Das Kandidatenkarussell dreht sich jedenfalls, Peter Stadelmann, der frühere Sportchef des FC St.Gallen, sitzt ebenso drauf wie Bernhard Heusler, der scheidende Präsident des FC Basel. Oder Rolf Schubiger, der Besitzer des gleichnamigen Küchengeschäfts. Vielleicht aber wird Frühs Nachfolger gar Pierin Vincenz, der ehemalige Chef der Raiffeisenbanken. Die Anforderungen sind dank Frühs Wirken hoch angesetzt: Der neue Mann muss gut vernetzt und in der Region verankert sein; er sollte sich im Fussball bestens auskennen und eine Persönlichkeit sein; es ist nicht nötig, selbst Geld mitzubringen, weil der Verein jetzt anders aufgestellt ist, doch sollte er beruflich unabhängig sein; beinahe unabdingbar wäre es, in leitenden Positionen gewirkt zu haben. Und der Ruf muss tadellos sein.

Die Statuten sehen folgendes Szenario vor: Präsentiert Früh an der GV im Mai keinen Nachfolger, wird zumindest interimistisch Vizepräsident Michael Hüppi übernehmen. Er war einst bereits Präsident des FC St.Gallen.


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