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Tagblatt Online
11. September 2016, 12:24 Uhr

Was St. Gallen erwartet

Die Erwartungen an den FC St. Gallen seien in Anbetracht der finanziellen Möglichkeiten zu hoch, hiess es von Clubverantwortlichen zuletzt oft. Doch es gibt auch eine andere Wahrnehmung.

PATRICIA LOHER

Dank des 3:0-Erfolges vor zwei Wochen gegen Luzern hat sich der FC St. Gallen ein wenig Luft verschafft. Mit dem Messer am Hals gelang der Mannschaft ein Befreiungsschlag, den sie heute im Heimspiel gegen Lugano bestätigen muss. Gegen Luzern haben die Ostschweizer erst zum zweitenmal in dieser Saison die Erwartungen ihres Publikums erfüllt.

Im vergangenen halben Jahr, als sportliche Fortschritte ausblieben und der Druck auf den Trainer zunahm, waren die Ansprüche der St. Galler Zuschauer immer wieder ein Thema. Die Verantwortlichen befanden, die Erwartungen an das Team seien in Zeiten des Umbruchs und in Anbetracht der weiterhin bescheidenen finanziellen Möglichkeiten zu hoch. Als nach dem einen oder anderen Rückpass zum Torhüter in der heimischen Arena gepfiffen wurde, drohte gar die Entfremdung zwischen Anhängern und Club. Die Beziehung zwischen Publikum und Verein wurde in den vergangenen Monaten auf eine harte Probe gestellt. Trainer Joe Zinnbauer kritisierte die Pfiffe, er selber hörte nach der Niederlage in Vaduz von den Rängen, wie seine Entlassung gefordert wurde. Und Präsident Dölf Früh sagte in einem Interview mit dem «Sonntags-Blick»: «Die Menschen, die uns anrufen, auch manchmal anonym, oder E-Mails schreiben, halten uns eigentlich nur von der Arbeit ab.» Doch Fussball ist ein einfacher Sport. Gelingt der Mannschaft heute gegen Lugano erneut ein Sieg, wird St. Gallen wieder näher zusammenrücken.

Die Diskrepanz

St. Gallen bedeutete früher: Kampf, Grätsche und Leidenschaft. Die Anhänger sagen, das genüge ihnen noch heute, um nach einem Spiel zufrieden nach Hause zu gehen. So waren es zum Saisonstart gegen die Young Boys und in Sitten auch nicht unbedingt die Resultate, die Kopfzerbrechen bereiteten, sondern die Auftritte an sich, als über weite Strecken vieles nicht klappte. Erschwerend kam die vergangene, schwache Rückrunde hinzu, die keiner vergessen hatte.

Es herrschte eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung von Anhängern und den Analysen der Clubverantwortlichen. Während die einen monierten, es fehle vor allem an Mut und Leidenschaft, glaubten die anderen, die Unzufriedenheit auf den Rängen sei primär eine Folge der schlechten Resultate. Dabei kann das Publikum sehr wohl unterscheiden. Gegen die Young Boys, beispielsweise, oder gegen Basel erklärt es Siege nicht zur Pflicht. St. Gallens Verantwortliche aber glauben, die Ansprüche in den vergangenen Jahren hätten sich gewandelt, Kampf und Leidenschaft alleine würden seit dem Umzug in die Arena im Westen der Stadt und der überraschenden Qualifikation für die Europa League 2013 nicht mehr genügen. So klaffen die Wahrnehmungen auseinander und die Clubleitung muss sich Gedanken machen, wie sie diese Diskrepanzen verkleinern kann.

Erkennbare Leidenschaft

Aber sind die Ansprüche in St. Gallen unterdessen tatsächlich unrealistisch hoch? Es wäre selbstverständlich diskutiert worden, wenn die St. Galler ihre Dominanz zu Hause gegen Luzern nicht mit einem Sieg belohnt hätten. Wenn sie trotz vieler guter Tormöglichkeiten das Spiel nicht gewonnen hätten. Aber es wäre nach diesem guten Auftritt verkraftbar gewesen – weil Fortschritte und Leidenschaft erkennbar waren.

Das professionelle Umfeld

Natürlich hielten seit dem Höhenflug gleich nach dem Wiederaufstieg und der sensationellen Qualifikation für die Europa League die sportlichen Leistungen des FC St. Gallen nicht immer Schritt mit der Entwicklung neben dem Rasen. Die Marketingauftritte sind professionell, auf allen Kanälen wird geworben, das Angebot an Fanartikeln wurde ausgebaut. Im Stadion selber stimmt einer der wohl besten Trailer der Super League auf die Partie ein.

Es hat sich fast alles verändert seit dem Jahr 2008 und dem Umzug vom Espenmoos in die neue Arena, die seit dieser Saison Kybunpark heisst. Der Club ist vom Präsidenten über den CEO und die Angestellten in der Event AG bis hin zur ersten Mannschaft professionell aufgestellt. In den Jahresbilanzen funktioniert der FC St. Gallen seit dem Beinahe-Kollaps im Jahr 2010 und seit der Übernahme durch Präsident Früh bestens, vor finanziellen Hiobsbotschaften brauchen sich Aktionäre und Anhänger jedenfalls nicht mehr zu fürchten. Langjährige Begleiter des FC St. Gallen wissen, dass das nicht selbstverständlich ist.

In der fünften Saison seit dem Wiederaufstieg wünscht sich das Publikum auch auf dem Platz vor allem solide Arbeit. Es wünscht sich nicht die Champions League, es wünscht sich nur, dass der FC St. Gallen mit seinem grossen Einzugsgebiet und dem dritthöchsten Zuschauerdurchschnitt nicht zu einer grauen Maus der Super League verkommt.

Verfolgen Sie das Spiel

in unserem Liveticker auf www.ostschweiz-am-sonntag.ch



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