Wann ist es Zeit?

FUSSBALL ⋅ FC-St.Gallen-Präsident Dölf Früh ist sich weiterhin sicher: Eine Trainerentlassung bringt nichts. So nachsichtig wie er ist kein Clubchef der Super League – was der Blick auf Trainerentlassungen in der Liga der vergangenen fünf Jahre zeigt.

04. November 2016, 10:56
Ralf Streule

FUSSBALL. Es ist eine der schwierigeren Fragen, die Clubvorstände und -präsidenten gelegentlich beantworten müssen: Ist es Zeit, vom Trainer Abschied zu nehmen und einem neuen eine Chance zu geben? Dutzende Faktoren spielen mit, Tausende Zuschauer reden mit. Ein Christian Constantin beantwortet die Frage bekanntlich anders als ein Dölf Früh. Und der FC Basel entlässt auch einmal erfolgreiche Trainer, um neue Impulse zu setzen, während beim FC Thun ein Trainer kaum einmal in Frage gestellt wird, solange die Chemie stimmt.

Und dennoch: So dringlich wie derzeit in St.Gallen hat sich die Trainerfrage in der Super League lange nicht mehr gestellt. Präsident Früh beantwortet sie seit Wochen gleich: Nein, es ist nicht Zeit, Trainer Joe Zinnbauer zu ersetzen. «Wenn es nicht optimal läuft, kann man nicht einfach nur auf den Trainer schiessen», wiederholte er diese Woche auf «TVO». Zinnbauers Arbeit sei weiterhin gut. Und: «In der Mannschaft ist er gut akzeptiert.» Es sind Beobachtungen, die aus der Aussensicht je länger je weniger nachzuvollziehen sind. Kein Spieler zeigt derzeit das, was er einst konnte. Allein eine Frage der Negativspirale? Oder halt doch der Dynamik im Team – auf die der Trainer grossen Einfluss hat?

Irgendwann steigt der Druck der nackten Zahlen

Auch wenn ein Clubvorstand bei seinem Entscheid andere Grundlagen hat als der Zuschauer; und auch wenn Statistiker immer wieder gerne darauf hinweisen, dass der Punkteschnitt des Nachfolgers langfristig meist gleich hoch ist wie derjenige des Entlassenen: Irgendwann steigt der Druck der nackten Zahlen. Schaut man sich die Trainerentlassungen der vergangenen fünf Jahre in der Super League an, fällt Eines auf: Bei einem langfristigen Durchschnitt von einem Punkt pro Spiel wird es für praktisch alle Trainer der Liga brenzlig. Der Punkte-Mittelwert aus den letzten 20 Spielen vor der Entlassung gibt einen Hinweis auf die Geduld der Clubführung.

Die Grasshoppers hatten 2012 bei einem Schnitt von 0,85 ein Einsehen mit Ciriaco Sforza. Christian Gross kam auf 0,95 Punkte pro Spiel, als er die Young Boys verlassen musste. Anders als Uli Forte, der auf stolze 1,75 gekommen war. Einen schwachen Durchschnitt hatten beim FC Luzern Ryszard Komornicki (0,95) und Carlos Bernegger (0,85) aufzuweisen. Keine Bilanz eines Entlassenen ist aber so mager wie die des FC St.Gallen, der in den vergangenen 20 Spielen auf einen Schnitt von 0,75 Punkten kam.

Wie viel Zeit braucht eine Neuausrichtung?

Das Beispiel Gross zeigt wiederum etwas anderes. Dass er ein Trainer mit Qualitäten ist, hatte er zuvor beim FC Basel bewiesen. Dass es mit den Young Boys nicht funktionierte, muss auch mit anderen Faktoren zu tun haben. Doch wo ansetzen? Es muss ja nicht immer der Trainer sein.

Dass die Entscheidung aber manchmal auch zu spät gefällt wird, zeigt ein letztes Beispiel: Dasjenige von Sami Hyypiä beim FC Zürich, der erst drei Runden vor Schluss der vergangenen Saison entlassen wurde – obschon sehr viele Zeichen auf eine ungünstige Konstellation hingedeutet hatten. Eine «Neuausrichtung braucht Zeit», hat man Früh in den vergangenen Monaten oft sagen hören. Dasselbe sagte auch Young-Boys-CEO Ilja Känzig im April 2012. Wenige Tage, bevor Christian Gross gehen musste.


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