«Vielleicht wollte er mich schonen»

PRÄSIDENT ⋅ Mit dem krankheitsbedingten Rückzug von Dölf Früh verliert Joe Zinnbauer im FC St. Gallen einen Vertrauten. Der Trainer über ihre Beziehung, die Auswirkungen des Rücktritts und seine Zukunft bei den Ostschweizern.
12. April 2017, 10:42
Interview: Christian Brägger

Interview: Christian Brägger

Joe Zinnbauer, wie sehr hat Sie die Nachricht von Dölf Frühs Krankheit und seinem Rückzug als Präsident des FC St. Gallen getroffen? Es heisst, sie beide seien befreundet.

Es hat mich sehr betroffen gemacht. Wir haben eine normale Präsidenten-Trainer-Beziehung. Unser Verhältnis geht vielleicht deswegen ein wenig tiefer, weil er mich gestützt hat in den schwierigen Zeiten, in denen mich keiner mehr hierhaben wollte. Er war loyal zu mir, genauso loyal bin ich zu ihm. Das läuft aber immer noch unter Geschäftsbeziehung. Schlimmer ist, dass ein Mensch, der uns hier so viel ermöglicht, schwer krank ist.

  • Dölf Früh mit Tranquillo Barnetta.

Dölf Früh leitet seit 2010 die Geschicke des FC St.Gallen. Mit ihm als Präsident stiegen die Espen ab, stiegen auf und spielten in der Europa League. (Bilder: asdf)

Es wird vermutet, Früh müsse sich einer Chemotherapie unterziehen. Wissen Sie, was er hat?

Nein. Er hat nichts erzählt. Das wissen nur er und seine Familie, das ist zu respektieren. Er wird für längere Zeit weggehen. Er hat mir einfach mitgeteilt, dass er krank sei. Vielleicht wollte er mich auch nur schonen. Er hat mir noch gesagt, er komme wieder zurück, er schaffe es. Ich habe ihn dann gefragt, ob ich mir ernsthaft Sorgen machen ­müsse. Seine Antwort war Nein, und dass ich doch wisse, dass er ein Kämpfer sei. Wenn jemand erkrankt, ist das immer schlimm. Und jetzt ist das ausgerechnet der Präsident, dieser feine Mensch.

Sie wirken ein wenig verärgert. Weshalb?

Das mag stimmen. Wir sind immer noch auf dem sechsten Platz, aber man beginnt jetzt schon wieder, Unruhe reinzubringen und Panik zu schüren. Die Medien packen nun erneut Dinge aus, die vor einem halben Jahr passiert sind. Dabei geht es doch jetzt nur um Präsident Dölf Früh und um nichts anderes. Und dann liest man über seine Person in gewissen Medien vier Zeilen – und der Rest sind negative Rückblicke. Das kann ich nicht verstehen. Man muss doch einem kranken Menschen, der für die Schweiz und den Verein so viel gemacht hat, ein bisschen mehr Respekt zollen.

Pascal Kesseli gilt als Favorit für seine Nachfolge. Was denken Sie?

Ich kenne ihn gut, will mich aber nicht an Spekulationen beteiligen. Das müssen andere Leute entscheiden.

Was bedeutet Frühs Rückzug für den FC St. Gallen?

Ich glaube, vorerst nicht so viel. Dölf überlässt nichts dem Zufall. Er ist ein Geschäftsmann, er ist gradlinig und weiss, wie er die Dinge organisieren muss, wenn er einmal ausfallen sollte. Das Tagesgeschäft wird normal weitergehen.

Früh war für Sie eine Art Schutzpanzer in schwierigen sportlichen Zeiten. Haben Sie Angst vor dem, was nun auf Sie zukommen könnte?

Ich habe aus Prinzip nie Angst in meinem Leben. Wovor auch?

Dass es im Verein vielleicht Strömungen gegen Sie geben könnte?

Es gibt keine Strömungen gegen mich. Und wenn es sie gäbe, hätte Früh auch keinen Einfluss. Der Präsident hat alles immer im Team vernünftig analysiert, man hat gemeinsam entschieden. Er war kein Alleingänger, und Alleingänge wird es auch in Zukunft nicht geben. Wovor also soll ich Angst haben? Wir wollen am Montag in Luzern gut aussehen, und dann wollen wir gegen Thun gewinnen. Das interessiert mich jetzt.

Um gut auszuschauen, muss sich St. Gallen wieder steigern.

Ich war am Sonntag in Vaduz und habe dort Luzern beobachtet. Wir wissen, was wir zu tun haben und werden sicher eine Chance haben in der Zentralschweiz.

Setzt Sie die gut besetzte Ersatzbank des FC St. Gallen unter Druck? Tüfteln Sie deshalb wieder an der Aufstellung herum?

Wir haben gegen die Grasshoppers nur eine Position verändert. Toko hat ein Jahr lang in der Türkei als rechter Verteidiger gespielt. Zudem haben die Ersatzspieler eine faire Chance verdient. Ich mache mir keine Sorgen. Wir haben ein Ziel herausgegeben. . .

. . . den fünften Platz?

Das ist das Ziel der Medien und der Anhänger. Deswegen sind ja alle so emotional dabei, weil alle Europa League spielen wollen. Wir aber versuchen allen klarzumachen, dass wir die Punkte brauchen, um nicht in den Abstiegskampf zu geraten. Dann können wir auch von Europa träumen.

Aber ist das Kader nicht zu gut, um nur in diese Richtung zu denken?

Gewisse Teams sind schon besser besetzt. Dafür haben wir ein tolles Stadion, prächtige Fans – deshalb kann ich ja nachvollziehen, dass jeder Fünfter werden will. Wir haben es geschafft, stabiler zu werden, und nun wollen die Leute mehr. Wir wollen das ja auch, aber wir sind immer noch im Umbruch.

Haben Sie das Gefühl, man lässt Sie nicht in Ruhe arbeiten?

Es ist natürlich, dass man immer nach mehr strebt. Vor ein paar Monaten sprach man noch vom Abstieg. Hätten wir jetzt in Zürich gewonnen, wäre dies zwar fürs Umfeld gut gewesen, aber für die Spieler vielleicht nicht. Weil wir noch Zeit brauchen. Wir haben eine Zielvorgabe: Wir wollen besser sein als im Vorjahr – also sind wir im Soll.

Gibt es Anzeichen für eine vorzeitige Vertragsverlängerung mit Ihnen?

Nein.

Dann kommt es Ihnen gelegen, dass Sie mit Nürnberg in Verbindung gebracht werden?

Nein. Es ehrt mich zwar, wenn mein Name gehandelt wird. Aber ich konzentriere mich auf den FC St. Gallen. Es gibt keine Anfragen, ich erfülle hier meinen Vertrag.

Klicken Sie sich nachstehend durch die wichtigsten Stationen in Dölf Frühs Karriere als FCSG-Präsident:

 


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