Unser Sohn Tranquillo

FAMILIENBANDE ⋅ Morgen tritt Tranquillo Barnetta gegen Lausanne erstmals seit zwölf Jahren wieder vor eigenem Publikum an. Die Eltern haben seine Höhen und Tiefen miterlebt, es waren Jahre zwischen Hoffen und Bangen, Jahre des Mitfieberns und Mitreisens.

11. Februar 2017, 10:43
Christian Brägger

Christian Brägger

Die Eltern hatten diesen Traum, dass ihr Sohn einst wieder für den FC St.Gallen spielt. Irgendwann. Er ist der Verein ihres Herzens, hier in der Stadt sind sie gross geworden.

Gerade einmal 19 Jahre alt war Tranquillo Barnetta, als er die elterliche Wohnung in der Notkersegg verliess. Leverkusen war das Ziel, Bundesland Nordrhein-Westfalen. Nicht die grosse, weite Welt, doch für einen Jugendlichen seines Alters war es eben gerade das: die grosse, weite Welt. Gleichaltrige entscheiden sich in dieser Phase ihres Lebens für den nächsten Berufsabschnitt, gehen studieren oder planen einen Sprachaufenthalt. Barnetta aber spielte einfach Fussball, von Kindsbeinen an, weil er seinem fünf Jahre älteren Bruder Alessandro nacheifern wollte, der sein Vorbild war. Die Mutter Andrea sagt, heute noch falle ihr das Loslassen nicht schwer: «Als er fortging, hatte ich keine Angst. Natürlich war da Wehmut. Doch unser Kontakt blieb eng, weil wir ihn ja so oft wie möglich besuchten.»

Der Werksclub bot ein familiäres Klima, das half. Zudem war er gut geführt, gerade das war den Eltern wichtig, niemand in Deutschland hatte ja auf diesen Jungspund aus der Schweiz gewartet. Der Vater managte den Sohn damals wie heute. Er, der ebenfalls Tranquillo heisst, sich aber «Willo» nennt, sagt: «Bundesliga hatten wir ja immer geschaut. Für mich war das schon eine riesige Sache, als Leverkusen anklopfte. Doch das Wichtigste war: Für Quillo musste es stimmen.»

Aus Leverkusen wurde vorerst Hannover, zur Reifung und wegen zu starker Konkurrenz auf der offensiven Mittelfeldposition. Die Zeit in Niedersachsen war für Tranquillo junior nicht einfach, er war ja erst 19-jährig, es gab Heimwehgefühle, Sinnfragen. Die Eltern standen ihm bei, beinahe jedes Wochenende reisten sie zu ihrem Sohn. Und dann riss bei Tranquillo das Kreuzband, im Herbst 2004 war das. Angst und Bangen, dass die Karriere nun bedroht sein würde? Die 54-jährige Mutter verneint und sagt: «Mir ging es nur um die Gesundheit meines Sohnes, nie um seine Karriere.» Der 56-jährige Vater ergänzt: «Wenn es damals vorbei gewesen wäre, wäre mein Sohn nicht in eine Depression verfallen.»

Opa Kurt fährt den Enkel ständig ins Training

Die Barnettas. Um sie zu begreifen, muss man sie erleben: aufgestellte Menschen, offen, zuvorkommend, einnehmend im positiven Sinn, vor allem eine Einheit. So habe es von der Seite des älteren Bruders nie Eifersüchteleien gegeben, nie. Obwohl es Alessandro war, der eigentlich Profi werden wollte. Bis in die erste Mannschaft des SC Brühl schaffte er es. Doch Tranquillo bewies beim FC Rotmonten mehr Talent, die Eltern forcierten es aber nie. Bis auf eine Ausnahme, als der Vater, ebenfalls ein passionierter Fussballer, den 11-jährigen Tranquillo dem FC St.Gallen mit den Worten anpries: «Ich habe das Gefühl, mein Sohn spielt ein wenig besser Fussball als die anderen.» Die erste Antwort des Clubs: «Dieses Gefühl haben alle Väter.»

St.Gallen schaute sich den Knaben trotzdem an, und fortan fuhr Opa Kurt, Tranquillos grösster Fan, seinen Enkel ins Training zum FC St.Gallen. Und mit 17 Jahren debütierte Barnetta in der ­ersten Mannschaft. Im Büro der Mutter hängt ein Bild mit dem Konterfei des Sohnes und der Aufschrift: «Da stand ich also auf dem Platz, und all meine Kollegen befanden sich in der Fankurve.»

Nach der Rückkehr zu Leverkusen folgte sportlich die beste Zeit, und die Eltern geraten ins Schwärmen. Cupfinal, Europacuppartien, Mitspieler wie Michael Ballack oder Bernd Schneider, dazu Jupp Heynckes als Trainer. Oder Manuel Friedrich und Pirmin Schwegler, Barnettas Freunde fürs Leben. Oft besuchten die Eltern ihren Sohn, mehr als die Hälfte seiner Spiele sahen sie live vor Ort. «Wir führten quasi das Leben eines Profis. In diesen Momenten boten wir Tranquillo Familie, Heimat», sagt die Mutter. Besonders die Spiele in München gegen die Bayern hatten es in sich, und weil in St.Gallen der Hype um Barnetta anstieg, nahm der Vater einmal in vier Bussen 200 Leute mit dahin. Es war eine gute Zeit, für alle. Bis die Probleme in Barnettas Knie begannen, wegen deren er fast die ganze Saison 2011/12 verpasste. Schlimm für die Mutter? «Ich leide mehr im Stadion. Mir war es wichtig, dass er wieder normal laufen kann.»

Unterstützung erst recht für Schalke

Statt Southampton wurde es danach Schalke, und es wurde für Tranquillo schwieriger, weil er weniger spielte. «Das war für mich das Schlimmste. Ich fühlte mit ihm», sagt die Mutter. Trotzdem seien die Reisen an die Partien, in denen er nicht eingesetzt wurde, nie vergebens gewesen. «Nach solchen Spielen hat er uns ja fast noch mehr gebraucht. Huub Stevens war aber auch ein spezieller Trainer», sagt der Vater. Die Erfahrung Schalke sei dennoch unglaublich gewesen, fast tausend Fans seien ins Trainingslager mitgereist. Auch wenn es sportlich nicht immer nur gut lief, einen Höhepunkt kann den Barnettas keiner mehr nehmen. Das Spiel im Estadio Santiago Bernabéu gegen Real Madrid in der Champions League. Gegen Cristiano Ronaldo. Mit dem eigenen Sohn, vor ihren Augen. Die Mutter sagt: «Wenn dein Bub dort auf dem Rasen steht, läuft es dir kalt den Rücken hinunter. Da sind die Tränen an vorderster Stelle.»

Später dann wurden die Reisen länger, Philadelphia war weit weg. «Bei dieser Wahl ging es nur um Quillo. Er wollte das so. Doch tief im Herzen spürte ich: Er wird eines Tages zum FC St.Gallen zurückkehren», sagt die Mutter. Teilweise sei der Kontakt gar intensiver gewesen, man habe täglich telefoniert. Trotz der Distanz flog insbesondere der Vater oft dahin. Und im Playoff, als der Club an Toronto scheiterte, waren sie wieder alle vor Ort vereint. «Das war der emotionalste Abschied. Jeder kam zu uns und dankte für unseren Sohn: Weil er so ist, wie er ist», sagt die Mutter bewegt.

Auch nach Dänemark waren die Eltern gereist, als Barnetta mit der Schweizer Nationalmannschaft an der U17-EM teilnahm, natürlich taten sie das. Sie verlängerten ihren Aufenthalt bis in die K.o.-Runde, und weil die Schweiz gar Europameister wurde, blieben sie bis zum Ende des Turniers. Der eigene Betrieb, der Industrieküchen liefert, musste auf sie halt verzichten. So waren die Barnettas, und selbstredend waren sie in der Folge auch gewohnte Gäste bei der Schweizer A-Nationalmannschaft. Der Vater, ein gelernter Koch, sagt, er habe etwa 70 Länderspiele seines Sohnes gesehen. 75 hat dieser absolviert. «Wenn es dem Spieler nicht läuft, egal ob im Nationalteam oder im Club, dann braucht er dich. Das war auch bei Quillo so.» Es sei fast zum Ritual geworden, dass sie sich vor und nach jedem Spiel auf diskrete Weise kurz trafen. Wurden Tranquillo diese vielen Besuche niemals peinlich? «Ich hatte wirklich das Gefühl, dass er es mochte», so die Mutter. Und ergänzt: «Tranquillo hat einmal gesagt, wenn wir Eltern nicht mehr kommen dürften, dann höre er sofort auf mit Fussball.»

Er musste nicht aufhören, und so kam es auch zum Erlebnis im Wembley, als Tranquillo 2011 gegen England zwei Tore erzielte. Oder 2006 in Dortmund, als die Schweiz Togo 2:0 an der WM besiegte. Unter den Torschütten: Barnetta. «Das kann man fast nicht fassen. Diese rot-weisse Wand, und mein Bub erzielt das Tor.» Die Mutter blieb damals nach dem Schlusspfiff lange sitzen, sie konnte das eben Gesehene kaum begreifen. Der Vater ergänzt: «Und fünf Tage später ­verschiesst er den Penalty. Es geht so schnell, das ist extrem. Wir litten brutal.» Auch in der Türkei war der Vater an jenem skandalösen Barragespiel, an dem es 2005 zu Ausschreitungen kam, der Schweiz aber die WM-Teilnahme brachte. «Es war das einzige Mal, dass ich mich nach dem Schlusspfiff nicht als Fan zu erkennen gab. Alessandro hatte gar eine «Hürriyet» unter dem Arm, als Tarnung. Und Tranquillo sagte uns danach, dass er Angst hatte.»

Der grösste Traum erfüllt sich

Die Mutter traut ihrem Sohn zu, den grossen Druck nach der Rückkehr zum FC St.Gallen aufzufangen. Sie werde ihn wie immer genauestens beobachten, und nur ihn. «Ich hoffe einfach, dass die Fans ihn nicht fallenlassen, wenn es nicht läuft», sagt sie. Einen Vorgeschmack haben die Eltern in Vaduz erhalten, die im Rheinpark aufgehängten Spruchbänder zu Ehren des 31-jährigen Sohnes gingen ihnen unter die Haut. Der Vater sagt: «Für mich schliesst sich der Kreis. Es ist meine grösste Freude, dass sich sein Traum erfüllt.»

Tranquillo Barnetta hatte diesen Traum, dass er einst wieder für den FC St.Gallen spielt. Irgendwann. Er ist der Verein seines Herzens, hier in der Stadt ist er gross geworden.


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