St.Gallen besteht die Reifeprüfung

SPEKTAKULÄR ⋅ Der FC St.Gallen gerät bei den Young Boys früh in Rückstand, stellt dann aber das Spiel innerhalb von vier Minuten dank Albian Ajeti und Roman Buess komplett auf den Kopf. Am Ende trennen sich die Teams 2:2.
19. Februar 2017, 08:42
Patricia Loher, Bern

Patricia Loher, Bern

In den Schlussminuten in Bern musste sich St.Gallen erstmals in dieser Partie so richtig wehren. Die Young Boys griffen wütend an, ein 2:2 war ihnen im ersten Spiel nach dem 1:4 in Luzern zu wenig. St.Gallen beanspruchte in diesen Minuten ein bisschen auch das Glück, weil der Schiedsrichter eine Intervention von Karim Haggui an Michael Frey nicht als penaltywürdig taxierte und Daniel Lopar einmal knapp vor der Linie klärte. Auf der anderen Seite aber hatte Andreas Wittwer für St.Gallen Minuten zuvor den Matchball auf dem Fuss gehabt.

  • YBs Neuzugang Roger Assalé erzielt den Ausgleich gegen St.Gallens Goalie Daniel Lopar.
  • YBs Neuzugang Roger Assalé nimmt den Ball an gegen St.Gallens Silvan Hefti.
  • Die St.Galler Spieler jubeln nach dem 1:2 durch Roman Buess (rechts).

Zuerst führte YB, dann der FC St.Gallen - am Schluss gab es ein 2:2-Unentschieden. Die Tore für den FCSG erzielten Albian Ajeti und Roman Buess. (Bilder: Keystone)

Am Ende dieses spektakulären Abends erreichte St.Gallen in Bern ein Unentschieden. 2:2 hatten sich die beiden Teams im Stade Suisse schon in der Vorrunde getrennt. Aber gestern hatte man das Gefühl, dass die Ostschweizer dem ersten Sieg in Bern seit zwölf Jahren wesentlich näher standen als damals im Herbst.

Albian Ajeti, St.Gallens Lebensversicherung

Die Young Boys waren mit dem 1:0 im Rücken zwar angriffig zurückgekommen aus der Kabine, nur gelang es St.Gallen, innerhalb von vier Minuten das ganze Spiel auf den Kopf zu stellen. Zuerst erzielte Albian Ajeti in der 59. Minute das 1:1, in der 63. Minute war es Roman Buess, der die St.Galler in Führung brachte. Vor allem Ajetis Auftritt war einmal mehr beeindruckend. Gleich die erste Chance in diesem Spiel nutzte der erst 19-jährige Stürmer. In den vergangenen acht Partien hat er nun sieben Tore erzielt. Ajeti ist St.Gallens Lebensversicherung.

  • Daniel Lopar: Note 5. Der Torhüter war lange fast ohne Beschäftigung. Beim Penalty von Guillaume Hoarau in der elften Minute hatte er keine Abwehrchance. Als es schliesslich kurz vor Schluss darauf ankam, war Lopar auf seinem Posten und parierte einen Abschluss auf der Linie.
  • Silvan Hefti: Note 4. Der junge Goldacher liess sich von den physisch starken Gegenspielern nur selten überrumpeln, verlor aber trotzdem mehr Zweikämpfe als in den Partien zuvor. Spielt aber schon erstaunlich abgeklärt. Seine Flanke stand am Anfang vom Führungstreffer durch Roman Buess.
  • Karim Haggui: Note 4. Nach einem Corner verpasste er in der ersten Halbzeit mit seinem Kopfball nur knapp den Ausgleich. Dirigierte die Abwehr sicher, nur in der Schlussphase geriet St. Gallens Defensivverbund unter dem grossen Druck des Gegners ins Wanken. Fast hätte Haggui sein Team aber geschwächt, als er nach einer Verwarnung den Ball in Richtung des Teamkollegen Roy Gelmi drosch, was der Schiedsrichter auch mit einer zweiten gelben Karte hätte bestrafen können.

Unsere Sportredaktion bewertet nach jedem Spiel die Leistung der eingesetzten Spieler. Die Noten reichen von 1 - Totalausfall, 2 - Schwachpunkt, 3 - Mitläufer, 4 - Normalform, 5 – Leistungsträger bis 6 - Matchwinner. (Bilder: Keystone)

Die Gäste hatten diese Führung nicht gestohlen, vielmehr war sie verdient, weil St.Gallen lange ein ebenbürtiger Gegner war und den Young Boys, mit Ausnahme der Schlussphase, keine längeren Druckphasen zugestand. Die Reifeprüfung haben die Ostschweizer jedenfalls bestanden, trotz des Gegentores in der 77. Minute durch den eingewechselten Neuzugang Roger Assalé. Von den vergangenen neun Spielen haben sie nur eines verloren. Auffallend ist vor allem die Stabilität und Kontinuität. Keiner fiel ab, St.Gallen überzeugte als Kollektiv. Ein Wermutstropfen war einzig, dass Haggui nach einer Verwarnung Teamkollege Roy Gelmi den Ball anschoss.

«So ein früher Rückstand in Bern ist Gift»

Schon oft in den vergangenen zwölf Jahren hatten sich die St.Galler auf der Rückreise eingestehen müssen, dass die Young Boys die bessere Mannschaft gewesen waren. Aber gestern waren die Berner nicht besser, nicht überlegen, meistens auch nicht dominant. Sie hatten sich einfach früh schon einen Vorteil erspielt, weil Toko nach zehn Minuten einen Foulpenalty verschuldete, den Guillaume Hoarau problemlos verwertete. Solch ein früher Rückstand in Bern sei Gift, sagte Trainer Joe Zinnbauer. In der Folge trat St.Gallen aber clever auf. Toko machte seinen Fehler gut und war ein emsiger Antreiber. Sein Team riskierte zwar noch nicht allzu viel, griff dosiert an und war vor allem bemüht, dem Ball Sorge zu tragen. Allerdings kam vor allem in den Zweikämpfen die körperliche Überlegenheit der Young Boys zum Tragen. Trotzdem liessen die Ostschweizer defensiv lange nicht mehr viel zu und standen ab der 20. Minute zweimal dem Ausgleich nahe. Doch sowohl Buess als auch Haggui nach einem Corner scheiterten jeweils am brillanten Yvon Mvogo. Wie schon in den ersten beiden Partien dieser Rückrunde war augenfällig, wie sehr St.Gallens Corner und Freistösse dank Tranquillo Barnetta an Qualität gewonnen haben. Barnetta weiss mit jedem Standard etwas Sinnvolles anzufangen.


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