Machtkämpfe in St. Gallen

FC ST.GALLEN ⋅ Der Grund für die Freistellung von Martin Stocklasa bleibt im Dunkeln, der FC St. Gallen informiert nicht über Hintergründe. Vieles deutet auf interne Querelen hin. Geht es um Stocklasas Rolle als Talentmanager?

17. November 2016, 19:12
Ralf Streule/Christian Brägger
Die Nachricht kam überraschend. Für das Umfeld auf jeden Fall, vermutlich auch für Martin Stocklasa selbst. Der 37jährige Liechtensteiner, der seit Anfang Jahr als zweiter Assistent von Trainer Joe Zinnbauer und darüber hinaus als Talentmanager des FC St.Gallen arbeitete, wird per sofort freigestellt (Ausgabe vom Donnerstag). Über den Grund der Entlassung schweigt sich der Club nach wie vor aus. Und auch Stocklasa selbst äussert sich nicht. Personen aus dem Umfeld des Vereins sprechen davon, Stocklasa sei vom Club ein Maulkorb verpasst worden, nachdem er sich am Dienstag von der Mannschaft verabschiedet hatte.

Es ist eine schleierhafte Entmachtung, und sie wirft in der aktuellen Situation, in welcher St. Gallen sportlich keine positiven Schlagzeilen macht, Fragen auf. Weil sich die Führungscrew um Präsident Dölf Früh, Sportchef Christian Stübi und Trainer Joe Zinnbauer zur Causa ausschweigen und nicht – wie in Krisensituationen üblich – mit Wortmeldungen hinstehen, tragen Spekulationen selbstredend Blüten. Ob es sich demach um einen Machtkampf zwischen Stocklasa und Trainer Zinnbauer handeln könnte, wie der «Blick» vermutete, ist nicht erwiesen. Nach aussen hin schienen die Beiden nicht zerstritten; zudem wird Stocklasa nachgesagt, fürs Gesamtwohl des Clubs zu arbeiten.

Zuletzt schien der Liechtensteiner innerhalb des Trainer-Trios mit Zinnbauer und Tarone immer mehr Verantwortung zu tragen. Was eigentlich für ihn zu sprechen scheint, kann auch seine Schattenseite haben: Wurde der Einfluss des Liechtensteiners, der bei den Spielern mit seiner direkten Art ein hohes Ansehen genoss, zu stark für den Cheftrainer? Oder für Tarone? Oder gab es am Ende eine Verfehlung, in der Stocklasa einen der beiden willentlich destabilisierte? Hinweise darauf fehlen.

Letzter Verbliebener der alten Crew innerhalb FCO
Auf der Suche nach Gründen wird von Personen im Umfeld des Clubs auch auf Stocklasas Rolle im Nachwuchsbereich des FC St.Gallen hingewiesen. Im Sommer 2014 wurde er nach seiner Aktivkarriere als «Leiter Préformation» beim Nachwuchsprojekt Future Champs Ostschweiz (FCO) installiert, später war er für die Nachwuchs-Partnerschaften verantwortlich, bevor er dank Stübi ins Trainerteam der ersten Mannschaft geholt wurde und Stocklasa froh war, dort weiter wirken zu dürfen.

Während seiner Zeit bei FCO wurde das Projekt kontinuierlich verändert, auf den Schlüsselpositionen  wurden Personen entlassen, teils ebenso ohne nach aussen nachvollziehbaren Begründungen. Auf FCO-Leiter Roger Zürcher folgte Marco Otero, auf U21-Trainer Armand Benneker folgte Boro Kuzmanovic, später Hakan Yakin. Stocklasa ist gewissermassen ein letztes Überbleibsel des vorherigen Teams. Im Umfeld des Clubs wird er als kritisch gegenüber der neuen FCO-Leitung beschrieben. Meinungsverschiedenheiten mit Otero sollen bereits der Auslöser gewesen sein, dass Stocklasa näher zur ersten Mannschaft und weg von FCO rückte. Als Talentmanager war er aber weiterhin Bindeglied zum Nachwuchs. Haben ihm diese Verquickungen den Job gekostet oder wird ihm angelastet, hoffnungsvolle junge Fussballer nicht näher an die erste Mannschaft gebracht zu haben?

Wer also hat aus welchem Grund angeordnet, Stocklasa von seinen Aufgaben zu entheben? Wer ist Nutzniesser? Weiter tappt man im Dunkeln. Die These, Stocklasa könnte ein Bauernopfer in sportlich schwierigen Zeiten sein, muss nicht falsch sein. Das wiederum könnte letztlich auf Zinnbauer – das Team ist völlig nach seinem Gusto erstellt – zurückfallen, wenn der Erfolg weiter ausbleibt. Oder auf den Sportchef. Jedenfalls gibt es in diesem in Eigenregie angeschoben Prozess der Selbstzerfleischung heute schon einen grossen Verlierer: den FC St. Gallen.

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