«Kosovo wird überraschen»

FCSG ⋅ Der Stürmer des FC St. Gallen tritt am Donnerstag mit Kosovo zum ersten WM-Qualifikation-Heimspiel in der Geschichte des Landes an. Er spricht über seinen Bezug zur alten Heimat und über eine schwere Entscheidung, die ihm erspart blieb.

02. Oktober 2016, 08:16
Interview: Annika Schmidt, Ralf Streule Bilder: Urs Bucher

Albert Bunjaku, die Namen in der kosovarischen Nationalmannschaft lesen sich interessant. Ihr Trainer heisst fast wie Sie: Albert Bunjaki. Weitere Bunjakus waren bis vor kurzem im Kader. Ist die halbe Verwandtschaft mit von der Partie?

Auch wenn es sich seltsam anhört: Dass kurzzeitig gleich vier Bunjakus im Team waren, ist Zufall. So häufig ist der Name gar nicht in Kosovo. Und ich bin mit keinem der anderen Spieler verwandt.

Wenn Sie kommende Woche wieder zum kosovarischen Team stossen: Fühlt es sich dann eher an wie ein Zurückkommen in die Heimat oder wie eine Auslandreise?

Von beidem ein bisschen. Ich habe in Kosovo die ersten sieben Jahre meines Lebens verbracht, bevor unsere Familie 1992 unserem Vater in die Schweiz folgte. Natürlich ist Kosovo deshalb ein Teil von mir. Dennoch fühlt es sich an wie eine Reise ins Ausland. Weil ich, abgesehen von wenigen Verwandten, kaum mehr Verbindungen nach Kosovo habe. Der Grossteil meines Umfeldes lebt in der Schweiz. Ich könnte mir deshalb auch nicht vorstellen, wieder in Kosovo zu leben.

Dennoch stiessen Sie schnell zur kosovarischen Mannschaft, als diese 2014 die ersten Freundschaftsspiele austragen durfte. Da muss eine emotionale Bindung da sein.

Sicher. Aber es ging auch ums Sportliche. Als ich mit Kaiserslautern in der zweiten Bundesliga spielte, schwanden meine Aussichten, noch einmal für die Schweiz aufgeboten zu werden. So nahm ich die Chance wahr. Ich war als ehemaliger Bundesligaspieler auch so etwas wie ein Botschafter, der den jungen Spielern Mut machen konnte. Dass es nun so schnell ging, wir von Uefa und Fifa aufgenommen wurden und Qualifikationsspiele austragen dürfen, ist sensationell.

Angenommen, Sie wären noch einmal 20 Jahre alt und könnten sich für die kosovarische oder die Schweizer Nationalmannschaft entscheiden. Was würden Sie tun?

Ganz ehrlich: Ich weiss es nicht. Zum Glück bin ich nicht in dieser Situation. Ich habe mit der Schweizer Nationalmannschaft eine sehr schöne Zeit verbracht und an der WM in Südamerika teilnehmen können. Leider kam dann der Knorpelschaden im Knie dazwischen, der mich zurückwarf.

Für andere steht die Frage weiter im Raum. Kosovaren reden Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Co. ins Gewissen. Und die Schweizer Fans erwarten immer wieder ein klares Bekenntnis zur hiesigen Nati.

Diese Diskussion wird immer überflüssiger, weil viele Spieler ja Bekenntnisse zur Schweiz abgegeben haben. Ich weiss nicht, was ich den Spielern empfohlen hätte. Wir haben nun mal zwei Heimatländer. Für uns im kosovarischen Nationalteam wäre es natürlich riesig, wenn sich solche Spieler für uns entscheiden würden. Ich verstehe Kosovaren, die sagen: So viele gute Spieler kommen aus unserem Land, spielen aber nicht für uns. Aber ich verstehe auch die Schweizer, die finden: Die Leute sind hier aufgewachsen und sie wurden auch hier ausgebildet.

Das kosovarische Team profitiert fast ausschliesslich von Spielern, die im Ausland aufwuchsen. Wo steht die Nachwuchsarbeit in Kosovo?

Ganz am Anfang. Noch fehlt die Infrastruktur, doch dank des Nationalteams ist ein Aufbruch spürbar. Es wird in Jugendabteilungen investiert.

Viele Staaten akzeptieren die Unabhängigkeit Kosovos. Serbien sieht es weiter als serbische Region. Inwiefern hat die kosovarische Nationalmannschaft für Sie eine politische Komponente?

Ich sehe es nicht als politisches Statement, wenn ich Teil des Teams bin. Es geht mir ums Sportliche. Und es ist schlicht schön, an der WM-Qualifikation teilnehmen zu können und dabei in Europa herumzukommen.

Am Donnerstag folgt gegen Kroatien das erste Wettbewerbsspiel vor eigenem Publikum in der kosovarischen Geschichte.

Es ist schön, ein Teil dieser Geschichte zu sein. Wie es schon grossartig war, gegen Färöer das erste Tor des neu anerkannten Teams erzielen zu können. Leider tragen wir das Spiel am Donnerstag nicht in Kosovo, sondern im albanischen Scutari aus. Das Stadion in Pristina ist noch nicht ganz bereit, Notausgänge, Parkplätze und ähnliches entsprechen noch nicht den Vorgaben.

Welche Chancen rechnen Sie sich in der WM-Qualifikation aus?

Mit der Ukraine, Kroatien, Island und der Türkei haben wir eine sehr schwere Gruppe. Beim 1:1 gegen Finnland aber haben wir ein gutes Spiel gezeigt. Ich denke, Kosovo wird überraschen.

Wie erleben Sie die Euphorie im Land?

Das Qualifikationsspiel in Finnland fühlte sich an wie ein Heimspiel. Fans machten vor unserem Hotel Party. Kosovaren aus der ganzen Welt reisten an. Wäre das Stadion gross genug gewesen, es wären 40 000 Kosovaren am Spiel dabei gewesen. Die Leute sind aus dem Häuschen.

Wie unterscheidet sich der Schweizer vom kosovarischen Fussballer?

Vielleicht stellt der junge kosovarische Fussballer den Sport stärker ins Zentrum, weil er in ärmeren Verhältnissen aufgewachsen ist und die beruflichen Möglichkeiten begrenzt sind. In Kosovo gibt es als Freizeitbeschäftigung fast nur Fussball. Vielleicht ist diese Begeisterung aber auch schlicht angeboren.

Ihre Kinder spielen auch Fussball?

Der achtjährige Dion ist beim SC Brühl, ja. Ihm gefällt's. Ob er den gleichen Weg einschlagen will wie ich, wird sich zeigen. Mich würde es freuen. Tochter Elina ist erst vier, bei ihr ist das derzeit noch kein Thema.

Wie erlebten Sie Ihre erste Zeit in der Schweiz, als Sie mit sieben Jahren ankamen?

Ich kann mich erinnern, dass es für uns eine pure Freude war. Wir haben uns vor allem sehr darüber gefreut, unseren Papi öfters zu sehen, der schon im Jahr zuvor in Zürich Arbeit gefunden hatte. Alles war so neu für mich, so schön. Da waren Häuser, wie ich sie zuvor nie gesehen hatte. Die Armut in Kosovo ist weiterhin sehr gross. Wir unterstützen unsere Verwandten dort finanziell. Und ich habe eine kleine Stiftung aufgebaut, die versucht zu helfen, wenn Kinder medizinische Hilfe brauchen.

Im Nationalteam sind Sie Führungsspieler. In Kaiserslautern waren Sie Captain. In St. Gallen haben Sie die Leaderrolle nie ganz an sich reissen können. Woran lag's?

Das hatte wohl zu einem grossen Teil mit dem Sportlichen zu tun. Ich war nicht mehr der, der 15, 20 Tore erzielt. Ich bin aber Führungsspieler geblieben und übernehme Verantwortung. Das sieht auch die sportliche Leitung, denke ich.

Sie sind erst mit 14 Jahren dem FC Schlieren beigetreten. Danach, bei den Grasshoppers, legten Sie als Junior eine halbjährige Pause ein. War der Karrierestart halbherzig?

Nein. Bei den Grasshoppers hiess es: Es reicht dir nicht. Da hörte ich auf. Ich merkte aber, dass ich den Fussball brauchte, und kehrte zurück. Ich war schon überzeugt von mir. Nach kurzer Zeit in der 2. Bundesliga war ich mir als 21-Jähriger sicher, dass ich in der 1. Bundesliga durchstarten würde. Das gelang mir mit Nürnberg immerhin eine Saison lang.

Sie hatten sportliche Hochs und Tiefs in der Ostschweiz. Mit Ihnen das Team. Wie ist das zu erklären?

Ich weiss nicht, woran es liegt. Wir machen in den Trainings deutliche Fortschritte. Seltsamerweise können wir das nicht immer umsetzen. Auf den vergangenen Spielen können wir aber aufbauen. Für mich gilt: Das Leben eines Stürmers ist immer mit Durststrecken verbunden. Da heisst es: Weitermachen. Im Training das Einfache üben, dranbleiben. Das nächste Hoch kommt bestimmt.

Freuen Sie sich auf Tranquillo Barnetta?

Ja. Er kann sportlich und emotional etwas bewirken hier.

Der Rückkehrer war vergangene Woche mehr Thema als der FC St. Gallen selbst. Das dürfte euch Spieler auch etwas nerven, oder?

Nein, zumindest ich habe überhaupt kein Problem damit. Es ist klar, dass die Rückkehr gefeiert wird. Vielleicht fürchtet der eine oder andere Spieler um seinen Stammplatz. Aber ich finde: Das gehört dazu. Ich habe das Gefühl, das ganze Team freut sich auf ihn.

Ihre Karriere lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. 2010 waren Sie gemäss Transfer-Websites vier Millionen Euro wert. Nun sind es 300 000 Euro. Verfolgen Sie diese Werte?

Nein. Es gibt halt Zeiten, in denen man mal Glück, mal Pech hat. Der Bruch kam ja nach der WM 2010. Ich war voller Selbstvertrauen, dann kam die erwähnte Verletzung, die mich zurückwarf. Doch ich blieb dran.

Ganz grundsätzlich steigen die Werte von Fussballern in riesige Höhen. Kann ein Fussballer 100 Millionen Euro wert sein?

Welche Summen für Fussballer bezahlt werden, ist wirklich extrem. Aber wenn man hört, dass Real Madrid, nachdem es für Ronaldo 94 Millionen Euro ausgegeben hatte, das Geld innert kürzester Zeit mit dem Verkauf von Ronaldo-Trikots wieder einnahm, muss man sagen: So falsch können die Beträge auch wieder nicht sein. Irgendwie geht es auf.

Haben Sie den Schritt je bereut, von Deutschland zurück in die Super League zu wechseln?

Nein. Ich denke, immer die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Aber natürlich bin ich nicht ganz zufrieden, wie es mir in St. Gallen bisher lief. Aus familiärer und privater Sicht war der Wechsel aber sicher richtig. Wir wollten, dass die Kinder ein Zuhause erhalten und hier eingeschult werden. Wie ich den Schritt nach der Karriere aus sportlicher Sicht beurteilen werde, wird sich wohl erst noch zeigen.

Wie schwierig ist es, das Vatersein mit Ihrem Beruf zu vereinen?

Überhaupt nicht schwierig. Als Fussballprofi arbeitest du ja nicht von 8 bis 18 Uhr durchgehend – da gibt's Freiheiten. Das ist für mich und die Familie sehr schön.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach der Fussballkarriere?

Ich befasse mich erst am Rande damit. Ich will noch zwei bis drei Jahre weiterspielen. Aber es wird in Richtung Management im Fussball gehen. Eigentlich wollte ich auch mal vom Sport wegkommen – aber wenn du das ganze Leben damit zu tun hattest, wird das schwierig.


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