«Ich habe noch gute Jahre vor mir»

RÜCKKEHR ZUM FCSG ⋅ Ab 2017 spielt Tranquillo Barnetta wieder für den FC St.Gallen. Der Mittelfeldspieler spricht über Ziele, über Vertragsverhandlungen, sein Alter – und über den Ausdruck «Karriere ausklingen lassen», den er so nicht hören möchte.

28. September 2016, 06:05
Christian Brägger
Tranquillo Barnetta, können Sie das Gefühl beschreiben, das die Rückkehr zum FC St.Gallen auslöst?
Das ist schon sehr speziell für mich, mein Traum ist wahr geworden. Ich habe stets betont, dass eine Heimkehr mein grösster Wunsch ist. Jetzt bin ich einfach nur glücklich, dass es klappt und freue mich drauf, nach der Winterpause in grünweiss im Stadion aufzulaufen.

Wann ging es Ihnen letztmals so gut?
Das kann ich so gar nicht beantworten. Es war schon gigantisch, als ich erstmal mit 17 Jahren für den FC St.Gallen spielen durfte. Dann war ich lange im Ausland und damit auch weit weg von Familie und Freunden. Ich sehe nun alle wieder, das verstärkt natürlich meine Gefühle noch viel mehr.
  • Jubel für den FC St.Gallen: Der junge Tranquillo Barnetta freut sich mit Alex Tachie-Mensah im Sommer 2003 über ein Tor gegen den FC Zürich.
  • Seine Heimat war das Espenmoos: Tranquillo Barnetta nach seiner Rückkehr aus den USA im früheren Stadion des FC St.Gallen.
  • So fing alles an: Tranquillo Barnetta im Sommer 2002 im Dress der Espen.

Der grosse Tag ist da: Nach zwölf Jahren schnürt Tranquillo Barnetta am Montag erstmals wieder seine Fussballschuhe für den FC St.Gallen. Ein Blick zurück auf die Karriere des St.Gallers, von dessen Rückkehr sich die Espen-Fans so viel erhoffen. (Bilder: Keystone)



Wie hat Philadelphia reagiert?
Der Verein war schon enttäuscht. Doch er akzeptiert meinen Entscheid. Unser gemeinsamer Fokus liegt sowieso derzeit auf der Liga, wir wollen ins Playoff benötigen dafür wohl noch einen Sieg.

Gerüchteweise hat es schon länger geheissen, Sie würden wieder in die Ostschweiz kommen. Weshalb hat es dennoch ein wenig gedauert?
Ich stand mit St.Gallen immer in Kontakt, konkreter wurde es seit diesem Sommer. Ein halbes Jahr vor Auslaufen des Vertrags beginnt man sich in Europa umzuschauen. So musste auch ich zusehen, wie es weitergeht. Es gibt mehrere Faktoren, bis es zur Unterschrift kommt. Auch spricht man sich ab, zu welchem Zeitpunkt alles offiziell werden soll. Zum Glück ist es jetzt soweit.

Wann haben Sie unterschrieben?
Das geschah Ende vergangener Woche.

Waren es zähe Verhandlungen?
Sie liefen im gewohnten Ausmass ab. Am Schluss sassen beide Parteien glücklich am Tisch. Übers Finanzielle brauchten wir ohnehin nicht zu diskutieren – wir waren uns rasch einig.

Geld spielte also keine Rolle. Obwohl Ihr Marktwert noch einiges hergeben könnte?
Nein. Ich habe früher schon betont, dass der Verein sich für mich finanziell nicht aus dem Fenster lehnen muss.

Sie werden für die Einen Identifikationsfigur und Hoffnungsträger sein. Die Anderen werden an Ihren Fähigkeiten zweifeln, weil der Ruf der Major League Soccer nicht nur positiv ist. Wie gut sind Sie noch?
Es gibt verschiedene Meinungen, die ich akzeptiere. Als Profi verspürt man immer einen gewissen Druck – das ist für mich kein Problem. Ich habe es geschafft, bei Philadelphia ein Leistungsträger zu werden. Wir müssen uns in der Major League Soccer nicht vor der Super League verstecken. Ich bin davon überzeugt, St.Gallen helfen zu können.

Was entgegnen Sie den Leuten, die denken, Ihre Rückkehr erfolge im Alter von 31 Jahren zu spät?
Ich fühle mich sehr gut. Ich erwarte von mir, Spiele wie hier bei Philadelphia mitentscheiden zu können. Es wird aber immer Leute geben, die anders denken – ich hoffe, ich kann ihnen das Gegenteil beweisen. Ich habe noch gute Jahre vor mir.

Lassen Sie Ihre Karriere in St.Gallen nun ausklingen?
Ich will nicht mehr von St.Gallen weggehen. Ausklingen lassen tönt aber so, als ob man keine Leistung mehr bringt.

Wie ist Ihr Eindruck von St.Gallens Trainer Joe Zinnbauer?
Von Coach Zinnbauer habe ich einen guten Eindruck, auch wenn ich nur sporadisch mit ihm Kontakt hatte. Wir stehen beide mitten in der Saison, weswegen die Gespräche natürlich mehrheitlich mit Sportchef Christian Stübi geführt wurden. Wissen Sie, in meiner Karriere hatte ich schon so viele Trainer mit verschiedenen Führungsstilen, auch in kurzfristiger Zeit. Ich bin es gewohnt, mich anzupassen. Wichtig ist, dass ich Zinnbauer gut kennen lerne und dann umsetze, was er von mir erwartet.

Mit Karim Haggui spielt ein ehemaliger Weggefährte aus Ihrer Leverkusener Zeit bei St.Gallen.
Das ist ein schöner Zufall und freut mich sehr, wieder mit ihm zusammenspielen zu können. Unser Kontakt ist nie abgebrochen und seine Erfahrung wird dem Team viel bringen.

Wie schätzen Sie die Qualitäten des FC St.Gallen ein?
Es ist viel zu schnell unruhig geworden. Wenn man Lugano besiegt hätte, wäre der Saisonstart eigentlich ganz normal gewesen. Die Leistung gegen Basel war gut. Was fehlt, ist die Konstanz. Ein schlechtes Zeichen wäre es, wenn es gar keine guten Spiele gäbe.

War das früher schon so, dass die Anhänger rasch zweifeln?
Ja, das ist nicht neu. Und in anderen Vereinen ist das nicht anders. Es ist doch schön, dass St.Gallen so eine grosse Fangemeinde hat. Man darf einfach nach so kurzer Zeit nicht alles hinterfragen.

Verspüren Sie auch eine gewisse Angst, nicht mehr das St.Gallen vorzufinden, das sie vor zwölfeinhalb Jahren verliessen?
Es wird nicht mehr derselbe FC St.Gallen sein. Das erwarte ich auch nicht. Aber ich weiss, was mit ihm möglich ist.

Was wird möglich sein?
Wir können nicht alles gewinnen. Aber wir müssen als Team in jedem Spiel alles probieren und alles geben – dann ist das Publikum auch für uns.

Könnte das Nationalteam mit guten Leistungen wieder Thema werden?
Daran denke ich nicht mehr. Das hat sich mit der Unterschrift nicht geändert.
 

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