Halb voll, halb leer

FC ST.GALLEN ⋅ Wo steht der FC St.Gallen? Aufschluss über die wahre Stärke des Teams hat das 2:2 bei den Grasshoppers nicht gegeben. Weil in der zweiten Halbzeit vieles vergessen ging, das vor der Pause noch Mut gemacht hatte.

28. November 2016, 13:08
Ralf Streule
Am Samstagabend im Letzigrund, tief in der Nachspielzeit, kam Caio doch noch zum Matchball. Er zog ab, der Ball streifte den Kopf von Goalie Daniel Lopar, prallte an die Latte. Und als danach der Schlusspfiff für Ruhe sorgte, musste nicht nur Lopar seinen Kopf wieder ordnen. Was war da passiert? Wieso musste man beim 2:2 gegen die Grasshoppers am Ende so viel Glück in Anspruch nehmen, nachdem man in der ersten Hälfte doch die spielbestimmende Mannschaft gewesen war? Es war Top und Flop auf engstem zeitlichem Raum. Und ein Spiel, das auch den Betrachter etwas ratlos lässt: Wo steht dieser FC St.Gallen nun wirklich? Wie stabil ist er? Man kann das Glas halb voll sehen. Aber auch halb leer.

Die Konstanz, die Zweikämpfe, die Defensivarbeit
St.Gallens Trainer Joe Zinnbauer tat nach dem Spiel eindeutig Zweiteres: Er sei «nicht gut drauf» nach dieser zweiten Hälfte. Von Glück sprechen wie Grasshoppers-Trainer Pierluigi Tami wolle er aber nicht: «Schliesslich hätten wir in der ersten Halbzeit vorlegen müssen.» Nach der ballsicheren Vorstellung vor der Pause habe man sich «fahrlässig» verhalten. Er kritisierte unter anderem seine Offensivspieler, die sich zu wenig an der Defensivarbeit beteiligt hätten. Andreas Wittwer sprach nach dem Spiel von fehlender Zweikampfstärke nach der Pause. Und auch Präsident Dölf Früh, zwar glücklich über die vier Spiele ohne Niederlage in Folge, machte sich Sorgen über «fehlende Konstanz». Eine Hauptfrage des Abends: Bringt das neue System mit Dreierabwehr nun Ordnung und Freiheiten im Spiel nach vorne – oder ist es, wenn der Gegner presst, doch zu anfällig?

Wer das Glas halb voll sieht, wird eine funktionierende Moral anbringen, schliesslich konnten die Ostschweizer zweimal postwendend auf einen Gegentreffer reagieren. Der Optimist wird auch erwähnen, dass man vor der Pause einen FC St.Gallen mit einem klaren Plan im Spiel nach vorne sah – etwas, das man zuletzt oft genug vermisst hatte. Nicht zuletzt wird er auf den sechsten Tabellenplatz hinweisen. Genau hier wird der Pessimist einwenden: Nur drei Punkte trennen St. Gallen vom Letzten Vaduz. Das Super-League-Mittelfeld ist zu eng, um bald durchatmen zu können. Und: Zumindest der Sieg in Lugano, wohl auch der Punkt in Zürich, kamen glücklich zustande. Wie viel Gewicht darf man den jüngsten Erfolgen geben? Antworten könnten die verbleibenden Hinrundenspiele geben – punktet St. Gallen gegen Sion oder gar in Basel, wird man sich beruhigt in die Winterpause begeben. Sonst weniger.

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