Ein unerwartetes Lebenszeichen

FUSSBALL ⋅ Was niemand ausgerechnet in Lugano für möglich hält, trifft ein: Der FC St. Gallen gewinnt ein nervenaufreibendes, höchst emotionales Spiel 3:2. Es ist sein erster Vollerfolg seit dem 20. September.

07. November 2016, 09:25
Christian Brägger/Lugano

FUSSBALL. Plötzlich lag Albian Ajeti im Cornaredo regungslos am Boden. Aufruhr auf dem Rasen, Pfiffe von den 3055 Zuschauern, Rücksprache zwischen Schiedsrichter Stephan Klossner und seinem Assistenten, dann das Urteil: rote Karte für Fulvio Sulmoni, der dem St. Galler Stürmer ins Gesicht geschlagen hatte. Und Penalty, doch hier lag Klossner falsch, weil das Rencontre der beiden Kontrahenten ausserhalb des Sechzehners stattgefunden hatte. Also noch mehr Pfiffe.

Das beeindruckte Marco Aratore nicht, er verwertete sicher, 3:2 stand es jetzt, und St. Gallens Trainer Joe Zinnbauer ballte die Faust. 15 Minuten waren noch zu spielen, der Gegner dezimiert, nun sollte es doch klappen mit dem ersten Vollerfolg nach zuletzt fünf sieglosen Spielen in der Super League, die die öffentlich geforderte Absetzung Zinnbauers zur Folge hatten. Bezeichnend für den FC St. Gallen dieses Jahres, dass es nochmals brenzlig wurde. Einmal hätte Klossner nach einer Intervention Ajetis auf Penalty gegen die Ostschweizer entscheiden müssen – der Nichtpfiff erhitzte die Gemüter noch mehr. Und kurz vor Schluss vergab Ezgjan Alioski den Ausgleich.

Tumulte beim Gang in die Kabine

Schlusspfiff, Zinnbauer versammelte seine Spieler im Kreis, lobte ihre Leistung, es ging in Richtung Kabine. Was danach folgte, war kaum zu beschreiben. Vor dem Eingang kam es zu wüsten Szenen, Handgreiflichkeiten inklusive. Die beiden Tessiner Torschützen Alioski und Davide Mariani suchten sich in ihrem Frust auf Schiedsrichter und Spielverlauf den St. Galler Martin Angha aus, von dem sie sich beleidigt fühlten. Auch andere gerieten ins Visier aufgebrachter Tessiner, die in der zweiten Halbzeit zudem Platzverweise für ihren Coach und den Teammanager zu verkraften hatten. Die Übersicht ging verloren; erst als die St. Galler den Schutz ihrer Kabine fanden, legten sich die Emotionen. Und der nicht unverdiente Sieg, mit dem die Ostschweizer mit 14 Punkten Zweitletzte bleiben, konnte genossen werden. Zinnbauer sagte: «Wir haben harte Wochen hinter uns. Ich freue mich nicht einmal so sehr für mich, vielmehr fürs Team. Wir dürfen uns aber nicht ausruhen, verlieren wir die nächste Partie, geht das ganze Theater weiter.»

In der Tat hatte man St. Gallen in Lugano wenig Kredit gegeben. Einerseits waren da die fast chronisch lauen Auftritte in dieser Saison, andererseits lag hier der letzte Auswärtssieg in einem Meisterschaftsspiel 26 Jahre zurück. Dass sich ausgerechnet noch der Winter bei der Fahrt über den San Bernardino heftigst zeigte, verstärkte das ungute Gefühl. Ebenso die kurzfristige Verletzung Daniel Lopars, den Dejan Stojanovic im Tor ersetzte. Und als Alioski dann das Heimteam entgegen dem Spielverlauf früh in Führung brachte, sprach so rein gar nichts mehr für die St. Galler. Doch dieses Mal blieben die Ostschweizer zur Überraschung aller ruhig, fokussiert und hielten im neuen 3–4–3-System dagegen. Besonders wussten sie auf der kämpferischen Ebene zu überzeugen, mit Captain Toko in der Vorreiterrolle. Es waren kleinste Fortschritte, die Zinnbauers Team offenbarte. Und endlich belohnte es seine Bemühungen. Vor der Pause nickte Ajeti zum 1:1 ein, ehe mit dem 2:1 Albert Bunjakus die Überzeugung wuchs, dass in diesem ruppigen Spiel trotz Marianis nicht unhaltbarem Ausgleichstor aus der Distanz mehr möglich ist.


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