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Tagblatt Online
10. September 2016, 16:55 Uhr

«Die Arbeit beginnt erst»

Nach seinem Wechsel zum FC St.Gallen im Sommer hat Toko gleich das Captainamt übernommen. Der 25-jährige Schweiz-Kongolese über seine Rolle, Pfiffe von Zuschauern und Komplimente von Teamkollegen.

RALF STREULE

Toko, im Sommer stiessen Sie zum FC St.Gallen und wurden gleich zum Captain erkoren – dies mitten in einer sportlichen Krise. War der Sprung ins kalte Wasser schwierig?

Toko: Nein, ob ich Captain bin oder nicht: Bei mir verändert sich damit nichts. Es ist mein Naturell, mich einzubringen – mit oder ohne Captainbinde. Wenn ich etwas auf dem Herzen habe, muss ich es direkt ansprechen. So kennt man mich.

Martin Angha wollte nach der schwachen Rückrunde das Captainamt abgeben, um sich wieder auf den Fussball konzentrieren zu können, wie er sagte. Einen gewissen Druck scheint man also doch zu tragen als Captain – zumindest wenn es schlecht läuft.

Toko: Ich verstehe Martin absolut. Er ist noch etwas jünger als ich und hat die sportlich schwierige Rückrunde mitgemacht. Ich persönlich verspüre überhaupt keinen Druck. Und: Ich spüre in der Mannschaft keine Krise, wie sie von aussen teilweise gesehen wird. Die Saison hatte kaum angefangen, schon wurde vieles in Frage gestellt.

Was wohl auch mit der schwachen Rückrunde zu tun hat.

Toko: Immer wieder sprechen Medien oder Fans von der schwachen Rückrunde – das interessiert mich nicht. Natürlich kann man sie nicht ganz ausblenden. Ich wünschte mir aber, das Umfeld würde auch mit uns nach vorne schauen. Das Wichtigste ist: Wir haben einen klaren Plan.

Der klare Plan war von aussen betrachtet nicht immer erkennbar. Das brachte Trainer Joe Zinnbauer Kritik ein. Hat das Team den Trainer nie hinterfragt?

Toko: Überhaupt nicht. Er tüftelt von morgens bis abends daran, wie er die Mannschaft verbessern kann. Und er passt mit seinen Emotionen zum FC St.Gallen. Der Gedanke, die schwierige Phase könnte mit dem Trainer zu tun haben, kommt uns Spielern gar nicht. Aber klar, das ist das Geschäft: Die Leute werden schnell ungeduldig, der Trainer hat wenig Zeit, um Resultate zu liefern.

Bemängelt wurde zuletzt auch, dass es an Leaderfiguren und einer klaren Hierarchie fehlt. Haben Sie dies auch so wahrgenommen?

Toko: Nein. Eine Hierarchie ist etwas vom Wichtigsten im Mannschaftssport – und wir haben eine solche. Die älteren Spieler, die mit dem Verein Geschichten geschrieben haben, stehen in der Hierarchie ganz oben, nicht der Captain. Als ich erfahren habe, dass ich Captain werde, habe ich diesen erfahrenen Teamkollegen gesagt: Ihr seid die Wichtigsten. Ich sehe sie als Stützen und will sie mit mir haben. Ich glaube, das ist mir bis jetzt gut gelungen. Diese Hierarchie soll bleiben. Ein Älterer soll im Notfall auch einmal auf den Tisch hauen.

Das passiert?

Toko: Seit ich hier bin, brauchte es das nicht. Es passt im Team, wir haben eine gute Mischung.

Nach dem 3:0-Heimsieg gegen Luzern war zu sehen, wie Sie das Team in einem Kreis versammelten und eine flammende Rede hielten. Was haben Sie Ihren Kollegen gesagt?

Toko: Wir hatten schwierige Wochen. Ich war stolz auf die Mannschaft, die hart trainiert und das nun endlich umgesetzt hat. Gleichzeitig habe ich gesagt, dass der Sieg nur ein erster Schritt war. Die Arbeit beginnt erst.

Wie gingen Sie und die Mannschaft damit um, als man eine Woche zuvor im Spiel gegen Vaduz am Ende Pfiffe und Schmährufe einiger Anhänger über sich ergehen lassen musste?

Toko: Wir überlegten uns nach dem Spiel: Stellen wir uns den Fans oder gehen wir in die Kabine? Wir stellten uns. Denn Fans haben Rechte, sie unterstützen uns und wir müssen auch mit ihrer Kritik leben, sonst dürfen wir uns nicht Profifussballer nennen. Wer pfeift, muss damit aber nicht unbedingt fachlich recht haben. Viele Zuschauer haben an jenem Nachmittag gesehen, dass sich etwas zum Positiven verändert hat. Alle können dreinreden, das ist für mich kein Problem. Wir müssen aber schlicht bei uns und unserem Plan bleiben. Schon nach dem 0:1 in Vaduz habe ich die Spieler zusammengerufen und gesagt: «Jungs wir spielen stark, weiter so!»

Fordert Trainer Zinnbauer konkret solche Ansprachen von Ihnen?

Toko: Nein, das nicht. Aber er wusste ja schon als ich zum Team stiess, dass ich so funktioniere. Dass mir die Spieler manchmal sagen: «He, Toko, du motivierst mich echt!» – das ist das grösste Kompliment, das ich mir denken kann.

Sie scheinen viel Gelassenheit mitzubringen. Spielt Ihr christlicher Glaube hier eine Rolle?

Toko: Der Glaube ist alles für mich, ja. In vielem verlasse ich mich auf Gott, ich kann eh nicht alles selber entscheiden und beeinflussen – diese Einstellung gibt mir viel Ruhe. Einmal in der Woche besuche ich mit meinem Teamkollegen Kofi Schulz eine Bibelstunde.

Wie sieht es mit den Einsätzen für das kongolesische Nationalteam aus?

Toko: Derzeit gehöre ich nicht dem Aufgebot an, das Team war zuletzt mit anderen Spielern auf meiner Position erfolgreich. Aber ich bin im erweiterten Kader und stets im Kontakt mit dem Trainer. Ich bekomme sicher meine Chance wieder: Ehrliche Arbeit wird immer belohnt. Es ist auf jeden Fall eine grosse Sache, mit dem Nationalteam zu spielen. Da sind im Training schon bis zu 30'000 Zuschauer anwesend. Es ist etwas sehr Emotionales, ein Land vertreten zu dürfen, in dem so viel Armut und gleichzeitig so viel Enthusiasmus herrscht.

Dem morgigen Heimspiel mit St.Gallen gegen Lugano schauen Sie gelassen entgegen?

Toko: Ja. Obwohl es schwierig wird. Nach dem Sieg gegen Luzern erwartet das Publikum von uns auch morgen gegen Lugano einen Erfolg. Man wird sagen: «Jetzt wollen wir sehen, ob die Mannschaft wirklich etwas kann.» Wir müssen uns also bestätigen, ich bin guter Dinge, dass uns das gelingt. Aber man muss auch sehen: Die Luganesi machen sehr viel aus ihren Möglichkeiten, sie bringen viel Einsatz und Leidenschaft ins Spiel. Das wollen wir auch tun: Wir dürfen uns für nichts zu schade sein.



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