Yannis Tafer - ein Megatalent im Joker-Elend

GEGENTRIBÜNE ⋅ Als Yannis Tafer am Sonntag gegen YB eingewechselt wurde, war das nur noch eine Randnotiz. Sekunden später fiel prompt der vierte Treffer der Berner. Eine Gelegenheit, sich Freuden und Leiden des Joker-Daseins zu widmen.
02. Oktober 2017, 09:44
Fredi Kurth
Ein deutscher Fussballer, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, hat einmal gesagt: "Bundesligaprofi zu sein ist ein schöner Beruf - wenn am Samstag nur die Spiele nicht wären." Das war natürlich nur ein flotter Spruch. Denn das Ziel eines jeden Akteurs ist es, am Wochenende in der Startaufstellung zu stehen.
 

Karrierebruch

Yannis Tafer spielt bereits die vierte Saison beim FC St.Gallen und war anfänglich unumstrittener Stammspieler. Mit acht Toren und acht Assists gehörte er 2014/15 zu den besten Skorern der Liga. Auch in der darauffolgenden Saison startete er mit fünf Treffern beachtlich in die erste Hälfte der Saison, ehe er im Match gegen Luzern nach einer groben Attacke eines Gegenspielers mit einem Bänderriss für den Rest der Saison ausfiel.

Das Beispiel Tafer zeigt, wie eine Verletzung für einen Spieler einen Karrierebruch bedeuten kann. Danach nämlich erreichte das grosse Talent algerischer Herkunft, das ab 16 Jahren in allen Juniorennationalteams Frankreichs auflief und U-19-Europameister wurde, nie mehr ganz seine frühere Leistungsfähigkeit und mutierte vom Stammspieler zum Joker.
 

Nur nicht auf die Tribüne

Das Selbstverständnis eines Profis hat sich in wenigen Jahren gewandelt. Durch die grossen Kader mit bis zu 30 Spielern ist ein Fussballer inzwischen bereits froh, wenn er nicht auf die Tribüne gesetzt, sondern als geschätzter Bankangestellter Platz nehmen und irgendwann vielleicht sogar ins Geschehen eingreifen darf.
 

Tafer erfolgreich mit richtiger Einstellung

Ich weiss nicht, welche Überlegungen sich Yannis Tafer macht. Aber nach aussen hin scheint er seinen Teilzeitjob mit professioneller Einstellung zu akzeptieren. Das mag an seinem Charakter liegen. Nie rastet er aus, nie reklamiert er, immer versucht er, mit viel Engagement das Beste zu geben. Und was dabei herauskommt, ist sehr beachtlich: In der vergangenen, so schwierigen Saison wurde er 15 Mal eingewechselt. Insgesamt erzielte er acht Tore und bereitete drei vor. Dreimal überwand er dabei den gegnerischen Torhüter, als er von Beginn weg dabei war.

In dieser Saison mit bisher fünf Einwechslungen und drei Spielen von Beginn weg dauerte es bis zum Match gegen Thun, als Tafer nach der Pause den Ball magistral zum 2:0 versenkte und den ersten Skorerpunkt verzeichnete.
 

Traumjob Joker

Um die Ironie des eingangs erwähnten Bundesligaspielers wieder aufzunehmen, könnte man auch vom Traumjob Joker reden. Der Bankangestellte muss bei gleichem Lohn ein viel geringeres Arbeitspensum leisten als jener, der sich über 90 Minuten plus Überzeit abrackern muss. Oder man kann den Joker auch mit einem Teilnehmer an einem 10-Kilometer-Rennen vergleichen, der erst ab Kilometer acht, noch völlig frisch, eingreifen kann. Auch damit ist der Erfolg vieler Spieler mit später Mission zu erklären. Voller Energie kann der neue Hoffnungsträger durch die gegnerischen, schon ermüdeten Abwehrreihen sprinten.
 

Petersen – das Vorbild

Nils Petersen ist der Hero unter den Jokern. Er spielt beim SC Freiburg und verpasste vergangene Saison nur ein Spiel. 26 Mal stempelte der Deutsche aber erst im Verlaufe des Spiels ein, wie sich TV-Reporter Dani Kern ausdrücken würde, und kam nur sieben Mal von Beginn weg zum Einsatz. Nur eines seiner zehn Tore erzielte er bei normalem Arbeitsbeginn.

Rodriguez, der Ungeduldige

Einer, der einst beim FC St.Gallen den Sinn seiner Tätigkeit nur bei vollem Pensum erfüllt sah, war Roberto Rodriguez. Er figurierte zwar in allen acht Europa-League-Spielen in der Startelf. Aber in der Super League verzeichnete er in der ersten Saison bei den Ostschweizern 14 Startplätze und 16 Einwechslungen bei vier Toren. In der zweiten Saison, 2014/15, lautete das Verhältnis 14:14 bei sieben Toren. Fünf dieser sieben Einschüsse gelangen ihm nach einer Einwechslung. Sonst lief er sich übermotiviert meistens im gegnerischen Abwehrdispositiv fest.

Yannis Tafer indessen dürfte sich in Bern am Sonntag bloss noch als Bürolist vorgekommen sein, der den Papierkorb leeren musste.
 

Aufgefallen

Kein Spitzenkampf in Bern. Der FC St.Gallen war für den Match im Stade de Suisse nicht bereit. Wie fast immer. Am Schluss war ich froh, dass es nicht eine Zweistellige absetzte. Solche Spiele kann es geben, könnte man einwenden. So, wie kürzlich die gelb-schwarzen Dortmunder die heterogene Gladbacher Borussia mit 6:1 nach Hause schickten, tanzten auch die nicht minder gelb-schwarzen Young Boys die St.Galler mit demselben Ergebnis aus. Aber nicht, dass sich diese nun geehrt fühlen. Denn die Mannschaft aus der Gallusstadt ist fast immer von allen guten Geistern verlassen, wenn sie in der Bundeshauptstadt antritt. Und wenn sie mal mit einem Pünktchen im Gepäck zurück in die Ostschweiz fährt, hat sie meistens auch Glück beansprucht. Dieses fehlte diesmal, weil schon der erste Angriff der jederzeit imposant aufspielenden Berner sass. Später, in der entscheidenden Phase nach der Pause, fehlte ein erfahrener Organisator wie Tranquillo Barnetta, der die "Demontage in 20 Minuten" vielleicht hätte abfedern können. So aber fiel St.Gallen schliesslich im Kollektiv auseinander, und es war müssig, darüber nachzudenken, ob die Umstellung mit Nicolas Lüchinger auf der für ihn eher ungewohnten linken Seite und rechts mit Philippe Koch geschickt gewesen war. Nicht als Ausrede und schon gar nicht als Entschuldigung diente der Umstand, dass sich die St.Galler erneut auf dem Kunstrasen sehr schwerfällig präsentierten. Die Spieler wirkten unbeholfen, wie wenn sich in der benachbarten Allmend-Eishockeyhalle ein Gegner des SC Bern ohne Schlittschuhe im Gleichgewicht zu halten versuchte. Eigenartigerweise tut sich St.Gallen im Thuner Stadion weniger schwer. Das liegt auch an der unterschiedlichen Qualität der beiden Gegner. Aber die künstliche Unterlage wirkt dort, zumindest von aussen betrachtet, eher als federnder Rasen denn der Billardtisch in Bern.

Bundesliga nur noch Nummer 4. In Deutschland schrillen die Alarmglocken. Alle sechs Bundesliga-Vertreter haben vergangene Woche Niederlagen erlitten. In der Europa League haben Hoffenheim, Hertha und Köln in sechs Partien bisher total gerade mal einen Punkt gewonnen. Wer das als Momentaufnahme abtut, täuscht sich wahrscheinlich. Die Tendenz, vor allem in der Europa League, ist seit ein paar Jahren erkennbar. "Ciao Germania!" hiess es vergangene Woche in einer italienischen Sportzeitung. Denn inzwischen hat Italien in der Wertung der europäischen Klubwettbewerbe Deutschland vom dritten Platz verdrängt. Just aus Deutschland kamen immer wieder mal bemitleidenswerte Kommentare über den Fussball in Italien, was das sportliche wie auch das strukturelle Niveau betrifft. Doch inzwischen ist der Fussball der Serie A in den meisten Partien attraktiver anzusehen als jener der Bundesliga, wo die Klubbosse mittlerweile ebenfalls ein zünftiges Hooligan-Problem zu bekämpfen haben. Der sportliche Unterschied ist einfach zu erklären: In Italien wird Fussball primär gespielt, in Deutschland primär gearbeitet. In der Bundesliga geht es für fast alle Teams um einen Existenzkampf. In Italien bemühen sich viele um attraktiven Fussball: Napoli, Lazio, Roma, Juventus, Inter Mailand, Atalanta Bergamo, um nicht einmal alle zu nennen. Entsprechend entfalten zahlreiche Spieler viel besser ihre fussballerische Klasse, während in der Bundesliga immer noch die Laufkilometer gezählt werden. Allmählich dämmert es allerdings auch in jenem Land, das sich von den beeindruckenden Leistungen seines Nationalteams blenden lässt: Dieter Hecking, Trainer von Borussia Mönchengladbach, hat kürzlich einmal gesagt: "Ich würde gerne einmal in Italien trainieren. Dort gibt es eine unglaubliche taktische Vielfalt." (th)

 
 
 
 

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