Was wirkt Wunder?

AUFBRUCH ⋅ Jeder Trainerwechsel bringt Bewegung in ein Team. Vom Zauber des Wechsels profitiert derzeit auch St.Gallen. Doch besteht Hoffnung, dass das Hoch unter Giorgio Contini mehr ist als nur ein Strohfeuer.
27. Mai 2017, 14:40
Ralf Streule

Ralf Streule

Die Lobeshymnen an die Adresse von Giorgio Contini sind fast kitschig derzeit. Anhänger des FC St.Gallen sind sich sicher, dass die Europa League Form­sache gewesen wäre, hätte man den Trainer schon im Herbst gewechselt – auch wenn damals Contini noch gar nicht zur Verfügung gestanden wäre. Mit seiner Startbilanz – drei Siege in vier Spielen – nährt der Trainer die Hoffnungen für kommende Saison. Die ketzerische Frage heisst: Ist es nicht der Trainerwechsel an sich, der Wunder wirkt und den Spielern Lockerheit und Freude zurückgebracht hat? Um die Erwartungen zu dämpfen, muss auch gesagt sein: Die drei Siege hat Contini gegen drei Teams erreicht, die in der Tabelle hinter den Ostschweizern liegen. Und: Fast immer wirken sich Trainerwechsel statistisch gesehen nur kurzfristig aus.

«Bei einem neuen Trainer nimmst du mehr Infos auf»

Und dennoch spricht einiges dafür, dass Contini mit dem Team auch langfristig Erfolg haben kann. Unter anderem die Tatsache, dass er obenstehende Frage selbst zurückhaltend beantwortet. «Ich kenne es aus meiner Zeit als Spieler: Bei einem neuen Trainer nimmst du einfach mehr Informationen auf, bist fokussierter.» Was bei Contini aber darüber hinaus zuversichtlich stimmt: Seine Erwartungen an ein Spiel decken sich mit dem Präsentierten. «Ich fordere eine mutigere Haltung», sagt Contini. Übernommen wird dies im Spiel von vielen Akteuren. Es ist aber besonders Silvan Hefti, der – bereits zuvor solid – plötzlich mit deutlich forscherem und mutigerem Auftreten auffällt. Es ist auch eine neue Ruhe im Spiel, selbst wenn das Team in Rückstand gerät. Wo zuletzt meist lange Bälle im dichten Mittelfeld landeten, wird nun auch unter Druck in der Defensive der einfache Pass gesucht. Was die Gefahr von Fehlern birgt, aber eben auch dem Spielaufbau gut tut. Contini: «Ohne Fehler kann ich nicht besser werden – aber es muss immer jemand da sein, der Fehler ausbügelt.» Auch dieser Wunsch ist bei den Spielern angekommen. Das viel zitierte Wir-Gefühl scheint stärker als zuletzt.

Was auch für Contini spricht: Seine taktischen Wechsel zeigten oft Wirkung, zuletzt gegen die Grasshoppers mit Yannis Tafer und Marco Aratore. Und: Nach der Pause scheint der FC St.Gallen oft neue Wege zu finden, den Gegner zu bedrängen – was für Continis Fähigkeit spricht, die Spieler in der Pause zu erreichen. Noch steht Continis Arbeit in St.Gallen am Anfang. Entscheidend wird sein, wie er sein Team in der kommenden Saison formt. Und wie die Mannschaft funktioniert, wenn sich erste Stammformationen herauskristallisieren – und sich damit erste Verlierer abzeichnen. Und dennoch ist derzeit vor allem eines sicher: Die Freude der Spieler ist zurück. Darauf lässt sich aufbauen.


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