Warum der FC St.Gallen jetzt träumen darf

ERFOLGSWELLE ⋅ Der zweite Platz des FC St.Gallen nach dem ersten Saisonviertel ist zwar nur eine Momentaufnahme. Doch es gibt mehrere Signale, die darauf hindeuten, dass sich die Ostschweizer auch mittelfristig im ersten Drittel der Tabelle festsetzen können.
25. September 2017, 16:15
Christian Brägger
Im Cup im Achtelfinal, auswärts gegen Delémont. Machbar. Zuletzt in vier Meisterschaftsspielen acht Zähler totalisiert – dabei gegen die Arrivierten wie die Young Boys, Zürich und Basel gepunktet. Alles eitel Sonnenschein. In der Tat sind in diesen Tagen am St.Galler Horizont kaum Wolken zu sehen. Und die Gründe dafür nicht beim schönen Herbstwetter zu suchen.
 

Der Trainer

Zugegeben, nach Joe Zinnbauer konnte alles nur besser werden. Der FC St.Gallen war unter dem Deutschen tief gefallen, sportlich und irgendwie auch emotional. Mit Giorgio Contini steht heute ein Coach an der Seitenlinie, der taktisch versierter ist, der weiss, was seine Mannschaft kann. Und was nicht. Seit der Amtsübernahme im Mai hat es der Zürcher geschafft, seinen Spielern eine gewisse Stabilität und damit Konstanz zu geben. Er sagt: "Heute können wir den Matchplan durchziehen, den wir uns jeweils vorgenommen haben." St.Gallen akzeptiert in den Spielen seine Rolle, sei es jene des Favoriten oder jene des Aussenseiters. Was aber nicht gleich bedeutet, dass es sich seinem Schicksal ergibt. Es gibt Partien wie in Lugano, da wartet es – eher überraschend – ab. Oder es gibt Auftritte wie gegen Basel, da startet es – eher überraschend – mit einem Furioso.

Kurzum: Der FC St.Gallen, Ausgabe Contini, versteht es derzeit, mit der Taktik zu spielen. Einziger Wermutstropfen: Der Trainer ist nach dem Rückzug von Sportchef Christian Stübi der einzige Mann im Verein, der absolutes fussballerisches Know-how besitzt. Ansonsten ist die sportliche Führung gelinde gesagt unübersichtlich.

  • Daniel Lopar - Tor - Note 4,5 - Der Romanshorner erlebt einen ruhigen Abend und feiert den dritten Shutout in dieser Saison.
  • Nicolas Lüchinger - Verteidigung - Note 5 - Zweites Spiel, erster Assist (46.). Hat Philippe Koch defintiv aus der Stammformation verdrängt.
  • Silvan Hefti - Verteidigung - Note 5 - Agiert abgeklärt. Man fragt sich immer mehr, warum ihn Zinnbauer nie als Innenverteidiger sah.

3:0 hat der FC St.Gallen daheim gegen Thun gewonnen und grüsst von Tabellenplatz zwei. Hier sind die Spielernoten nach dem Heimsieg. (Bilder: PD)

Das Kader

Contini sagt, er könne sich auf 15 bis 16 Akteure voll verlassen. Er dürfte dabei vor allem an die gestandenen Super-League-Spieler denken – von der Sorte hat St.Gallen einige im Kader. Sie danken für das Vertrauen mit solidarischen Leistungen und wenigen Misstritten. Nach dem 2:1 gegen Basel hat der Coach fürs Erste seinen Stamm gefunden, obwohl mit Toko, Tranquillo Barnetta und Peter Tschernegg drei Profis länger ausfallen, die durchaus in der Startelf erwartet werden. Ausfälle wie jener von Alain Wiss, der gegen Thun mit einer Prellung ausschied, kompensiert das Team derzeit problemlos.

In der Offensive sind die St.Galler nicht mehr einzig von Albian Ajeti abhängig, zudem mausert sich Stjepan Kukuruzovic langsam aber sicher zum Kopf des Teams, auch wenn der Mittelfeldspieler das überhaupt nicht so sehen mag. In der Defensive wurde das Kader mit dem Rheintaler Nicolas Lüchinger ideal ergänzt – das schürt den Konkurrenzkampf. Einziger Wermutstropfen: Was passiert, wenn vielleicht Ajeti im Winter den Club verlässt? Oder das grosse Talent Silvan Hefti, wie allgemeinhin erwartet, alsbald eine neue Herausforderung sucht? Und wann etablieren sich die Jungen in der ersten Mannschaft?

  • Die FCSG-Fans feiern ihren Club.
  • Der St. Galler Marco Aratore gegen den Thuner Stefan Glarner.
  • Boris Babic in der Partie gegen Thun.

Der FC St.Gallen bezwingt den FC Thun 3:0. Damit stossen die Espen auf Platz zwei der Tabelle vor, hinter den Young Boys und vor dem FC Zürich.

Krise in der Führung

Hinter den Kulissen brodelt es schon länger, nicht erst seit dem Rückzug von Dölf Früh als Präsident. In der Event AG blieb zuletzt kein Stein auf dem anderen, ebenso im Verwaltungsrat. Es gibt Mannschaften, die rücken in solchen Momenten zusammen. Getreu dem Motto: Jetzt erst recht, gemeinsam durch dick und dünn. Hiefür bestes Beispiel war lange der FC Sion. In der Meisterschaft immer mal wieder angezählt, wuchsen die Walliser über Jahre im Cup über sich hinaus. Oder dann das italienische Nationalteam: 1979 war Stürmer Paolo Rossi in einen Wettskandal verwickelt, er wurde begnadigt und schoss 1982 sein Land zum WM-Titel; 2006 der grosse Bestechungsskandal vor der WM, Juventus mittendrin, Zwangsrelegation inklusive – und Italien wurde Weltmeister.
 

Das Publikum

Noch scheinen die Zuschauer nicht so recht zu wissen, was sie mit dem aktuellen Erfolg anfangen sollen. Oder dürfen. Gegen Ligakrösus Basel – gut, das Spiel fand unter der Woche statt – fanden sich "nur" 12'214 Zuschauer im Kybunpark ein, gegen Thun knapp 300 weniger. Dabei ist es im Grunde doch ganz einfach: Es lebt sich als Spieler und ebenfalls als Anhänger ziemlich gut in der Höhe der Tabelle.

Mit Lust, Leidenschaft und Emotionen auf Platz und Rängen darf träumen jedenfalls wieder erlaubt sein. Oder sagen wir es so: Es spricht nichts dagegen.

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