Warum Future Champs nicht rentiert

GEGENTRIBÜNE ⋅ Der FC St.Gallen soll sich nicht unwesentlich über die Nachwuchsförderung finanzieren. Spieler ausbilden und eine schöne Ablösesumme erzielen, das war die Absicht. Die Realität hingegen ist bitter.
05. Dezember 2017, 10:25
Fredi Kurth

Aus dem 2011 gegründeten Future Champs Ostschweiz (FCO) sind durchaus schon talentierte Fussballer hervorgegangen. Aber das grosse Geld wurde bisher nicht gemacht. Die Ausgaben von jährlich rund 4 Millionen Franken sind wesentlich höher als die Transfererlöse. Ein Beispiel verdeutlicht das Problem. Als Michael Lang, derzeit in aller Munde, just im Jahr der FCO-Gründung zu den Grasshoppers wechselte, erhielt der FC St.Gallen eine Ablösesumme von nur gerade 350'000 Franken. Inzwischen hat der Aussenläufer und Torjäger des FC Basel einen Transferwert von 4,5 Millionen Euro (Stand 31. Juli dieses Jahres).
 

Klartext von Marcel Reif

Kürzlich staunte Teleclub-Experte Marcel Reif, als er vor einiger Zeit erstmals die luxuriöse Infrastruktur des FC St.Gallen und dessen moderne Arena zu Gesicht bekam. Er wunderte sich vor allem über den extremen Kontrast zur bescheidenen Leistung der Mannschaft auf dem Rasen. Damit sprach endlich einmal ein Aussenstehender aus, was wir hier in St.Gallen schon seit Jahren beklagen. Sonst bekommen wir von auswärts immer nur höfliche Floskeln über das gute Abschneiden mit bescheidenem Budget und das schöne Schmuckkästchen Kybunpark zu hören.
 

Einseitig investiert

Die Gründe für die Diskrepanz sind bekannt und nur kurz zusammengefasst. Präsident Dölf Früh, der Retter vor dem finanziellen Niedergang, wollte den FC St.Gallen vor erneut möglichem Ruin bewahren und kalkulierte stets mit bescheidenem Budget für die sportliche Abteilung. Clevere Transfers aus der Challenge League und eben Future Champs/Akademie sollten das Unternehmen allmählich nach oben bringen. Heute zeichnet sich immer mehr ab: Es wurde sehr viel in "Nice to have" und wahrscheinlich zu wenig in "Must have" investiert, zu viel in die Show, zu wenig in den Sport.
 

Einnahmen aus Abos und Sponsoring

Als ich vor ein paar Wochen Bill B. Mistura in Davos begegnete, dem CEO des FC St.Gallen zu Beginn der Arena-Ära, fragte ich ihn, ob denn der Eventbereich nicht zu luxuriös ausgestattet sei. Der Geschäftsführer des HCD antwortete: "Wenn man schon eine solche Arena baut, sollte sie auch personell und vom Angebot her entsprechend organisiert sein." Das leuchtet ein. Die Nettoerträge aus Konzerten und Conference Arena sind allerdings bescheiden, deutlich unter dem Millionenbereich. Die wichtigsten Einnahmen sind jene aus dem Wettspielbereich (Abonnements, Einzeleintritte) und Werbung/Sponsoring. Der Jahresertrag von rund 14 Millionen Franken schwindet nach Abzug von Personalaufwand von knapp 3,2 und Betriebsaufwand von knapp 3,4 Millionen Franken Aufwand auf einen allmählich schwindenden Betrag von zuletzt 6,1 Millionen Franken, welcher dem Sportbetrieb überwiesen werden konnte.


"Mehr Talente als im Grossraum Basel"

Dass mit solchen Umsätzen mit Unternehmen wie jenen des FC Basel und der Young Boys nicht mitgehalten werden kann, versteht sich von selbst. Weshalb aber der Nachwuchsbereich keinen Gewinn abwirft, ist weiterhin offen. Dabei hatte St.Gallens Nachwuchschef Marco Otero gegenüber Ehemaligen des FC St.Gallen erklärt, dass der Grossraum Ostschweiz mehr Talente hergebe als der Grossraum Basel. Weshalb kann dann aber der FC Basel Breel Embolo für eine schwindelerregende Summe von 25 Millionen Franken nach Schalke verkaufen, zuvor schon Xherdan Shakiri und Granit Xhaka in Topligen und die Young Boys Denis Zakaria für 10 Millionen Euro nach Mönchengladbach?
 

Einige in Schweizer Auswahlen

Der FC St.Gallen hat auf seiner Homepage 17 Spieler aufgeführt, die in Schweizer Nachwuchsauswahlen spielen – viel mehr noch als vor wenigen Jahren. Dass Future Champs Ostschweiz nicht funktioniert, ist somit eine falsche Behauptung. Ich habe 2015 einmal eine von Marco Otero betreute U19-Auswahl des FC St.Gallen am international renommierten Turnier des FC Altstätten gesehen. Sie hielt mit Gegnern wie Stoke City, Brügge, Deportiva Las Palmas oder Atletico Paranaense (damals Nummer 1 in Brasiliens Nachwuchs) mit. Wo liegt der Unterschied?
 

Dort der schwarze, hier der weisse Mann

Wer sich die als Startelf beginnende Super-League-Mannschaft der Young Boys ansieht, dem fällt sofort auf, dass sie mehrheitlich, um nicht zu sagen fast ausschliesslich, aus dunkelhäutigen Spielern besteht. Man hat den Eindruck, die Berner bedienten sich bei ihren Transfers vor allem in Schwarzafrika. Doch wenn dieselben Spieler zum Interview erscheinen, sprechen sie Bäärndütsch oder Züritütsch. Die 17 Junioren-Internationalen des FC St.Gallen hingegen sind, mit Verlaub, alle Bleichgesichter. Sie heissen mehrheitlich Weier, Riccardi, Witzig, Solimando, Wörnhard, Staubli, Vanin, Nias und Silvan Hefti, Blasucci oder Krucker. Sie und alle hier nicht Genannten haben nach Silvan Hefti die Chance, einmal beim FC St.Gallen in der ersten Mannschaft zu spielen.
 

Mehr Migranten in Grossstädten

Was ich damit sagen will: Allzu viele begabte Fussballer aus dem geschätzten Migrantenanteil lassen sich nicht in St.Gallen und Umgebung nieder, sondern wohl eher in Bern, Zürich oder Basel. Ob ihre Eltern oder Vorfahren dort landeten, weil sie in den grossen Agglomerationen bessere wirtschaftliche Chancen hatten oder gar schon die Fussballerlaufbahn ihrer Söhne im Blickwinkel, sei dahingestellt. Wobei sich die einzelnen Regionen noch "aushelfen". Manuel Akanji, der neue Topverteidiger des FC Basel, ist beim FC Winterthur gross geworden und hat heute einen Transferwert von drei Millionen Euro. Dimitri Oberlin stammt aus Zürich und fand über Salzburg, Altach und nochmals Altach den Weg ans Rheinknie. Djibril Sow wurde für 1,5 Millionen Euro ebenfalls vom FC Zürch an Gladbach verkauft und nach einem Jahr wieder für 2 Millionen von den Young Boys übernommen. So einfach ist das aber nicht mit der eigenen Akademie: So hatte der FC St.Gallen vergangene Saison vier Spieler aus Basels Nachwuchs im Kader, der FC Basel selber nur zwei.
 

Ostschweiz abgenabelt

Offensichtlich haben Basel und YB auch bessere Kontakte ins Ausland. Wer ist denn schon der FC St.Gallen? Spielerberater platzieren ihre Talente zuletzt in der Ostschweiz, wo kaum eine Verbindung zum grossen internationalen Geschäft besteht. Der 24-jährige Ivorer Roger Assalé, der den Espen zuletzt in zwei Spielen vier Tore eingeschenkt hat, wurde im Sommer vom kongolesischen Verein Mazembe an die Young Boys ausgeliehen. Marktwert: 800'000 Franken. Bei Moumi Ngamaleu war die Sichtung nicht so schwierig. Er spielte als Altacher für Kamerun am Confederation-Cup und wurde vom Vorarlberger Trainer Adi Hütter gegen Bezahlung von 2,5 Millionen Euro engagiert. Von Altach, nicht von St.Gallen . . .

Ein Transfererlös für den FC St.Gallen in dieser Grössenordnung liegt einige Zeit zurück. Oscar Scarione wurde gemäss der Website "Transfermarkt" im Jahr 2011 für 110'000 Euro dem FC Thun abgeworben und zwei Jahre später für 2,8 Millionen Euro an Kasimpasa Türkei abgegeben. Es war der erste Zuzug in der Ära Dölf Früh gewesen.
 

"Fussballakademie nützt nur andern"

Addiert man zu diesen Fakten auch noch die viel grösseren finanziellen Möglichkeiten des FC Basel und der Young Boys im internationalen Markt (siehe Salah, Serey Dié, Elyounoussy, Suleymani, Hoarau), ist es erstaunlich und nur mit der Unberechenbarkeit eines Fussballspiels erklärbar, weshalb  der FC St.Gallen gegen Mannschaften wie Young Boys oder Basel überhaupt Punkte gewinnen kann. In dieser Saison immerhin schon vier. Oder Thun gegen YB nun sogar sechs. Aber das sind Momentaufnahmen. In der Bundesliga gibt es Vereine, ein Beispiel Eintracht Frankfurt, die auf eine eigene Nachwuchsförderung, wie sie sich der FC St.Gallen dank Gönnern leisten kann, verzichtet. Grund: Nicht einträglich. Tenor: "Wir arbeiten nur für die andern, die dann unsere Spieler mit hohen Gewinnen weiterverkaufen." Das Geld wird gespart für eigene Transfers.


Ideeller Wert

Soll auch der FC St.Gallen diesen Weg beschreiten? Es geht hier um Grundsätzliches. Denn Future Champs Ostschweiz hat auch einen ideellen Wert. Es gibt einen gegenseitigen Austausch zwischen dem grossen Zentrumsverein und den regionalen Vereinen, auch wenn diese das nicht immer wahrhaben wollen. Der Fussball in der Region ist besser geworden. Das liesse sich wahrscheinlich belegen. Und selbst die Behauptung, die grossen Talente würde auch ohne FCO beim FC St.Gallen landen, ist vage. Sie würden just dann vielleicht wieder in Zürich oder Basel auftauchen. Zudem kommt kein Super-League-Verein darum herum, diverse U-Auswahlen zu betreiben, was auch Geld kostet.

Es gilt so oder so gravierende Fehler zu vermeiden, wie sie in der Vergangenheit vorgekommen sind. Ein Fehler war, die zweite Mannschaft des FC St.Gallen ohne grossen Widerstand in die 1. Liga absteigen zu lassen. Die Promotion League ist ein idealer Ort, um Nachwuchsleute zu stärken, sie an ein höheres Niveau heranzuführen. Und es ist auch nicht verboten, einen Nachwuchsmann in die Challenge League oder an einen andern Super-League-Verein auszuleihen, statt ihn der 1. Liga verkümmern zu lassen. Nicolas Lüchinger ist ein Beispiel dafür.

Aufgefallen

Neues vom FC St.Gallen. Er kann auch Spiele verlieren und trotzdem einigermassen guten Fussball zeigen. Gegen den FC Zürich wäre bei einem Chancenverhältnis von 8:5 (3:4) ein Unentschieden verdient gewesen. St.Gallen verpasste den Start, wobei gegen das zweite Tor, einen perfekten Schuss von Adrian Winter, kein Kraut gewachsen war. Es war bis Mitte der zweiten Halbzeit ein toller Schlagabtausch von beiden Mannschaften, ohne fest angezogene taktische Fesseln, zu dem auch Ref Bieri mit einer grosszügigen Spielleitung seinen Teil beitrug. Leider übertrieb er es, indem er die gelbe Karte für taktische Fouls abschaffte und sie dafür etwas dünnhäutig zweimal wegen Reklamierens zeigte. Dass die Partie diesmal generell gegen St.Gallen lief, bewies auch die entscheidende Szene: Der einzige Fehler von Verteidiger Gönitzer führte zur einzigen Zürcher Chance nach der Pause und zum 1:3.

Einst winterharte Espen. Der FC St.Gallen war einst, als der Schnee noch hoch lag und die Rasenheizung nicht erfunden war, eine gefürchtete Mannschaft. Daran fühlte ich mich vergangene Woche erinnert, als der FC St.Gallen bei einsetzendem Flockenwirbel gegen YB plötzlich noch eine Ausgleichschance hatte. Die St.Galler waren plötzlich gefährlicher. Aber das hatte wohl weniger mit der weiss bedeckten Unterlage zu tun als mit der aufkeimenden Hoffnung. Aufschlussreicher war: Auf Kunstrasen lässt sich auch bei schneenassem Terrain noch gut Fussball spielen; der Ball rollt viel besser als bei durchtränktem Naturrasen.

Deutschland WM-Favorit. Die WM-Auslosung erinnerte wieder daran, dass Deutschland zurzeit die beste nationale Auswahl der Welt stellt. Trainer Joachim Löw hat nur schon für den grossen Kader von 23 Spielern die Qual der Wahl. Es stellt sich die Frage, warum gerade Deutschland so stark ist, wo doch die Bundesliga-Vereine in Europa, von Bayern natürlich abgesehen, nicht mehr viel zu bestellen haben und im Gesamtquotienten hinter Italien zurückgefallen sind. Die Antwort lautet: Gerade deswegen. Die Bundesliga bildet eine günstige Ebene für einheimische Spieler, um sich zu entfalten. Die englische Premier League hingegen wird vor allem an der Spitze extrem dominiert von den Ausländern. Dort spielen nicht nur mehr Ausländer als Engländer, sondern auch absolute Topspieler; der Transferfluss geht diesbezüglich von der Bundesliga in die Premier League, nicht umgekehrt. Das erklärt zum Teil auch, weshalb England international mehr Mühe bekundet, auch wenn sich jetzt wieder einige hoffungsvolle Spieler (Kane, Rushford, Sturridge) dieser Tatsache widersetzen. Ein Grund für die deutsche Dominanz liegt auch darin, dass der Klubfussball in den besten Ligen höheres Niveau hat als der Länderfussball. Deutschland würde die Champions League kaum gewinnen. (th)


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