Insider: "Dem Club um Hernandez droht der Laden um die Ohren zu fliegen"

FCSG-KRISE ⋅ Es ist ein Knall auf Ansage in der Führungsetage des FC St.Gallen: Drei Verwaltungsräte verabschieden sich innert zehn Tagen, zudem laufen vier Bereichsleiter in der Event AG davon. Stimmen aus dem Off befürchten nun das Schlimmste. Wie konnte das passieren? Eine Spurensuche.
16. September 2017, 09:40
Christian Brägger, Patricia Loher, Ralf Streule

Christian Brägger, Patricia Loher, Ralf Streule

1 6. Juni, Andreas-Gabalier-Konzert. Die Ränge im Kybunpark sind vollbesetzt, es ist ein guter Abend für die FC St.Gallen Event AG, die den Anlass mitveranstaltet. Die Logen mit perfekter Sicht auf den Österreicher sind zahlreich gebucht, man gönnt sich ja sonst nichts. Auch Dölf Früh, der ehemalige Präsident des FC St.Gallen, hat eine Box gemietet. Angeschrieben ist sie mit «Dölf Früh und Friends». Drinnen halten sich Joe Zinnbauer mit seiner Lebensgefährtin auf, Ferruccio Vanin, Marco Otero. Und natürlich er, Früh, der Gastgeber.

Es ist viel passiert, nicht erst seit jenem Tag im Juni, auch in den Monaten und Jahren davor. Geschirr wurde zerschlagen, Freundschaften gingen in die Brüche, ein neuer Umgangston hat sich breit gemacht im Verein, der in der Ostschweiz als Kulturgut gilt. Aber nun die Orientierung zu verlieren droht. Wie das?

2013 war alles gut, St.Gallen naschte am Honigtopf

Im Herbst 2010 stand der FC St.Gallen wirtschaftlich am Abgrund, sportlich folgte der Abstieg. Ein Konsortium um Früh rettete den Verein, der Hemberger war der Kopf der Gruppe und wurde Präsident. Es folgte die finanzielle Gesundung, die Rückkehr in die Super League. Dann, im Spätsommer 2013, fand der FC St.Gallen unter Trainer Jeff Saibene den wundersamen Weg an einen Honigtopf des europäischen Fussballs: die Europa League. Früh genoss das Scheinwerferlicht des internationalen Fussballs, jetzt war er nicht mehr nur der Retter des Clubs, sondern auch jener Präsident, der den FC St.Gallen dank solidem Schaffen über die Landesgrenzen hinaus bekanntgemacht hatte. Doch nur befriedigend war die Situation nicht. Aus der U21-Equipe, die zum mit damals fast drei Millionen Franken angeschobenen Nachwuchsprojekt Future Champs Ostschweiz (FCO) gehörte, schafften fast keine Talente den Sprung in die erste Mannschaft. Das fanden damals auch der Goldacher Carlo Hefti (Convidis AG), Donato Blasucci (Berater), der Goldacher Ferruccio Vanin (U13-Trainer) und Jakob Gülünay (Verwaltungsrat) – sie alle hatten Söhne im FCO. Die Meinung war gemacht, der Hemmschuh in der Person von Heinz Peischl, dem CEO Sport des FC St.Gallen, gefunden. Die Convidis AG wurde beauftragt, die Situation zu analysieren, mit dem Resultat, FCO von der ersten Mannschaft zu lösen. Daraufhin wurden Hefti und Gülünay mit der Aufgabe betraut, den neuen Geschäftsführer für FCO zu finden. Die Wahl fiel auf – Vanin.

Das Verwaltungsrats-Team um Präsident Stefan Hernandez ist nur noch halb so gross, wie vor einer guten Woche.

Das Verwaltungsrats-Team um Präsident Stefan Hernandez ist nur noch halb so gross, wie vor einer guten Woche.

Im Sommer 2014 lernte Dölf Früh – vielleicht zufällig – Marco Otero kennen, ebenfalls einst Mandant Blasuccis. Otero weilte gerade mit Spartak Moskau im Trainingslager in St.Gallen. Jenes Spartak Moskau, in dem mit Murat Yakin und Markus Hoffmann, heute Co-Trainer in St.Gallen, zwei Blasucci-Mandanten wirkten. Otero musste Früh von sich überzeugt haben. Dass dessen Abgänge in Basel und bei den Grasshoppers von Nebengeräuschen begleitet waren, irritierte den Präsidenten jedenfalls nicht. Als Roger Zürcher, der Vater von FCO, im März 2015 unter dem immer grösser werdenden Druck und zermürbt von den vielen Diskussionen um fehlende junge talentierte Spieler als technischer Leiter kündigte, fand Früh schnell Ersatz. Gegen den Willen Peischls und weiteren Leuten des Verwaltungsrats installierte er den gebürtigen Spanier Otero als Zürchers Nachfolger. Seither ist es unruhig im Verein. Im Umfeld des Clubs wird Otero als «absoluter Machtmensch» beschrieben.

Auch Saibene begann, sich weniger wohl zu fühlen

In der Folge kam es zum Bruch der Freundschaft Früh – Peischl. Auch Saibene begann, sich weniger wohl zu fühlen – wegen Otero und dessen Spitzen gegen den Luxemburger. Das Trio, das so eisern zusammengehalten und so viel erreicht hatte, war Geschichte. Peischl verliess den Club. An die Stelle des Sportchefs hievte Früh nach dem Abgang des Österreichers den damaligen Teammanager Christian Stübi, aber nicht interimistisch, wie zuerst vorgesehen, sondern dauerhaft. Im FCO folgte eine Zeit, in der kein Stein auf dem anderen blieb. Der damalige U21-Trainer Armand Benneker hält hier im Sommer 2015 als Paradebeispiel hin – der Holländer hatte Silvan Hefti und Roy Gelmi in die erste Mannschaft gebracht. Trotzdem befand Otero, Benneker hole zu wenig aus dem U21-Team heraus, weil der Ligaerhalt nur knapp geschafft worden war. Im Club galt nach Peischls Weggang plötzlich Otero als das sportliche Gewissen, keiner konnte ihm Gegensteuer geben. Stübi gab es fachlich nichts vorzuwerfen, er war stark vernetzt – aber anders als Peischl setzte er weniger Grenzen, er versuchte vielmehr, es allen recht zu machen. Und so musste Benneker wie viele andere Coaches im Nachwuchs den Club verlassen. Dass die U21 daraufhin in der Saison 2015/16 in die 1. Liga abstieg, Otero die Relegation jedoch als positiv verkaufte, ist nur eine Randnotiz. Der Wiederaufstieg wurde vergangene Saison verpasst, jetzt ist die U21 Zweitletzter – trotz Spielern wie den talentierten, jungen Vanin, Gülünay, Blasucci. Und weiteren wie Boris Babic oder Silvan Gönitzer, die mit der ersten Mannschaft trainieren.

«Polterer» Otero geriet mit seiner Art und der Zeit immer mehr unter Beschuss, und auch der neue FC-St.Gallen-Trainer Joe Zinnbauer stand nach anhaltendem Misserfolg bald einmal mit dem Rücken zur Wand. Früh schützte das Duo bis aufs äusserste. Und auch wenn es sich zu Beginn nicht mochte, kam es zur Verbrüderung. Man sass im gleichen Boot – und war von Frühs Gnaden abhängig. «Je mehr Leute sagten, Früh müsse sich von Zinnbauer und Otero trennen, desto weniger wahrscheinlich wurde es, dass er sich dazu würde durchringen können», sagen frühere Angestellte. Als die Anhänger mit Spruchbändern ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verliehen, war klar, dass Früh nun erst recht nicht handeln würde. «Er wollte ein anderer Präsident sein als all die anderen. Einer, der zu seinen Leuten steht und sich nicht dem öffentlichen Druck beugt», heisst es. Selbst als der erfolglose Zinnbauer dann gehen musste, verwies Früh auf wirtschaftliche Gründe: Die schlechten Zahlen im Saisonabo-Verkauf und die Unzufriedenheit bei Sponsoren.

Trotz Aktienmehrheit war Früh im VR in der Minderheit

Und irgendwann im Jahr 2016 begann Früh lauter über seinen Rücktritt als Präsident nachzudenken. Es schien, als würde mit dem Delegierten des Verwaltungsrats, Pascal Kesseli, der Nachfolger bereitstehen. Zumal auch der scheidende Präsident den CEO der Event AG lange favorisierte. Nach einigen Umbrüchen leisteten Kesseli und sein Team gute Arbeit in der Event AG, die ihren Auftrag als finanzielles Standbein des FC St.Gallen erfüllte. Überdies sahen auch Aktionäre wie Rolf Schubiger oder Steffen Tolle sowie die Verwaltungsräte Michael Hüppi und Martin Schönenberger Kesseli als unbestrittenen Früh-Nachfolger. Das war das Problem: Mit diesen Stimmen sah sich Früh im Verwaltungsrat bedrängt, es widerstrebte ihm, sich Kesseli als neuen Präsidenten diktieren zu lassen. Schliesslich hatte er ja den grössten Anteil der Aktien. Kesseli als Präsident hätte zudem wohl bedeutet, dass die Zeit von Otero und vieler Gefolgsleute im FCO, die zum Teil ohne Erfahrung im Nachwuchs als Trainer installiert wurden, sich dem Ende zuneigen könnte. Und vielleicht auch jene Vanins. Früh legte also sein Veto ein, man möge einen anderen Kandidaten finden. Doch der war nicht so schnell zur Hand, auch dann nicht, als sich Früh aus gesundheitlichen Gründen gezwungen sah, sein Amt schneller als geplant abzugeben. Quasi über Nacht stockte Früh den Verwaltungsrat auf sieben Personen auf, mit dem Goldacher Stefan Hernandez (ein Freund Vanins), mit dem CFO der Event AG Sascha Roth (er arbeitet in den Firmen Frühs) und mit Vanin. Dank seinem 40-Prozent-Anteil und jenem von Edgar Oehler kam Früh auf die Mehrheit, dies durchzusetzen. Jetzt lag das Verhältnis im VR wieder bei 4:3. Zumal ihm auch Brigitta Mettlers Stimme gehörte. Es schlug die Stunde Hernandez’ als neuem Präsidenten.

Gleichzeitig hatte Früh, bevor sein offizielles Schaffen ein Ende fand, noch einmal seine schützende Hand über einen Teil der Angestellten gehalten. Er änderte das Organigramm, Vanin wurde überraschend zum neuen Sport-CEO, Trainer Giorgio Contini, auch Blasucci-Mandant, und Otero waren diesem unterstellt. De facto hatte Stübi, unterdessen auch nicht mehr auf einer Wellenlänge mit Otero und Vanin, einen Teil seiner Kompetenzen verloren. Wenige Wochen später trat Stübi zurück. Sein Abgang stand am Anfang einer Welle. Simon Storm, der Chefphysio, musste gehen. Man trennte sich von Kesseli «in gegenseitigem Einvernehmen». Michael Hüppi trat als Verwaltungsrat zurück. Martin Schönenberger wird als Verwaltungsrat an der nächsten GV nicht mehr zur Verfügung stehen. Stimmen aus dem Off sagen, «dass dem Club um Hernandez, der nun interimistisch als CEO der Event AG fungiert, der Laden um die Ohren zu fliegen droht.» Zumal auch das Jahr mit einem Minus von über zwei Millionen Franken abgeschlossen wurde. Und FCO mittlerweile mit einem Budget von fast 4,7 Millionen Franken agiert.

Als der FC St.Gallen 2010 gerettet wurde, war es das erklärte Ziel, in ruhigere Gewässer zu kommen. Heute ist das Gegenteil der Fall. Die anstehende Wahl neuer Verwaltungsräte wird wohl über die nahe Zukunft des Clubs entscheiden. Früh kann hier als Hauptaktionär die Weichen fast im Alleingang stellen und seine Macht weiter spielen lassen. Der Retter des FC St.Gallen von 2010 spricht davon, seinen Anteil verkaufen zu wollen. Er hat es in der Hand, was mit dem Kulturgut der Ostschweiz geschieht.


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