Schlechte Gefühle nach Stübis Kündigung

KOMMENTAR ⋅ Der bevorstehende Abgang von Christian Stübi als Sportchef beim FC St.Gallen wirft viele Fragen auf. "Mit ihm tritt eine unabhängige Person zurück. Es ist heikel für einen Proficlub, sich von einem Spielerberater abhängig zu machen", schreibt unsere Sportchefin Patricia Loher in ihrem Kommentar.
22. Juni 2017, 06:10
Zwei Tage nach dem Start in die Vorbereitung ist es beim FC St.Gallen zum grossen Knall gekommen: Sportchef Christian Stübi tritt zurück. Eine Überraschung ist dieser Entscheid nicht. Der gebürtige Goldacher war im neuen Organigramm chancenlos. Anstatt die Kompetenzen des 47-Jährigen Mitte Mai zu beschneiden, hätte man sie ausbauen müssen.

Als der FC St.Gallen vor gut einem Monat nebst dem neuen Präsidenten Stefan Hernandez auch ein neues Organigramm installierte, wurde klar: Der Club hatte sich auf ein Pulverfass gesetzt. Ferruccio Vanin, als neuer CEO der FC St.Gallen AG plötzlich Stübis Vorgesetzter, ist als ehemaliger Geschäftsführer von Future Champs Ostschweiz eng verbunden mit Marco Otero, dem Technischen Leiter im Nachwuchs. Otero zählt mit Donato Blasucci mutmasslich auf denselben Berater wie Trainer Giorgio Contini. Contini, Otero und Stübi befinden sich im neuen Organigramm alle auf einer Stufe, aber Stübi gehörte als Einziger nicht der Gruppe um den Spielerberater an. Stübi liess sich von der Gilde der Spielerberater nie beeinflussen, nie beeindrucken. Für ihn war klar: Wir brauchen sie, sie brauchen uns. Aber Vereinspolitik macht keiner von ihnen.

Natürlich hat Stübi während seiner zwei Jahre als Sportchef in St.Gallen nicht alles richtig gemacht. Er war mitverantwortlich für den zu langen Vertrag von Trainer Joe Zinnbauer und damit auch für den sportlichen Stillstand. Stübi hat versucht, das Kader umzubauen, um die Mannschaft  weiterzubringen. Er wollte mehr Qualität und weniger Quantität. Rasch nach der Verpflichtung von Contini wurde offensichtlich, dass St.Gallen doch über eine gute Basis und einige überdurchschnittliche Fussballer verfügt. Für dieses Fundament ist Stübi verantwortlich. Stübi war es auch, der den talentierten Albian Ajeti nach St.Gallen holte. Dass man dem Sportchef nun vorwirft, bei der Übernahme des Stürmers von Augsburg zu viele Zugeständnisse gemacht zu haben, ist absurd. Ohne diese Kompromisse wäre Ajetis Leihvertrag in St.Gallen soeben ausgelaufen und der Club hätte keinen Rappen gesehen.  

Dabei wäre vieles so einfach gewesen, als sich der FC St.Gallen und der damalige Präsident Dölf Früh anschickten, den Club neu aufzustellen. Contini und Stübi hätten das sportliche Kompetenzzentrum sein müssen, die Angestellten im Nachwuchsbereich hätten ihnen zudienen müssen. Die Verantwortlichkeiten wären geregelt gewesen. So aber sind sie es nicht, was Stübi wohl zermürbt hat.

Die Kündigung von Stübi weckt ein schlechtes Gefühl. Mit ihm tritt eine unabhängige Person zurück. Es ist heikel für einen Proficlub, sich von einem Spielerberater abhängig zu machen.

Patricia Loher
patricia.loher@tagblatt.ch

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