Noch drei Kandidaten beim FCSG: Die lange Suche nach dem Sportchef

VAKANZ ⋅ Der FC St.Gallen empfängt am Sonntag die Grasshoppers. Im Club entsteht je länger je mehr der Eindruck, ein Sportchef täte gut. Der Präsident nennt als Zeithorizont das Jahresende. Experten raten zu raschem Handeln.
28. Oktober 2017, 11:12
Christian Brägger

Christian Brägger

Der Vorstand des FC St. Gallen tut sich offensichtlich schwer. Die Suche nach dem Sportchef will kein Ende nehmen. Dabei heisst es doch: Wer sucht, der findet. Es werden Stimmen laut, die behaupten, man wolle gar nicht ­einen Nachfolger von Christian Stübi installieren. Weil jene Leute, die beispiels­weise bei Transfers dessen Rolle übernommen haben, daran Gefallen gefunden hätten. Derzeit sind ausschliesslich Personen mit Fachwissen aus der Finanzwelt die Entscheidungsträger: FCO-CEO Ferruccio Vanin, Sascha Roth, CFO Event AG, und Präsident Stefan Hernandez – in Rücksprache mit Giorgio Contini. St. Gallens Trainer tritt am Verhandlungstisch nicht auf. So ist fraglich, wer das sportliche Know-how einbringt, wenn um das beste Verhandlungsergebnis gerungen wird. Wenn fussbal­lerische Erfahrung und ein gewisses Mass an Schlitzohrigkeit gefragt sind und es nicht darum geht, eine gute Jahresbilanz vorzuweisen.
 

Eine Liste mit drei neuen Anwärtern

Michele Cedrola ist Spielerberater. Oscar Scarione wie auch Innenverteidiger Yrondu Musavu-King, der im Sommer zum FC St. Gallen kam, gehören zu seinen Mandanten. Ansprechpartner beim Wechsel Kings sei Vanin gewesen, sagt Cedrola. Alles sei sehr professionell verlaufen. «Aber es ist schon ungewohnt, dass ein Club ohne Sportchef agiert. Der FC St. Gallen wird nicht darum herumkommen, einen solchen zu installieren. Das wissen und spüren sie im Verein aber auch.»

Kandidaten für den Posten gibt es. Aussagen von Stefan ­Hernandez lassen keinen anderen Schluss zu. Der Präsident sprach vor knapp zwei Monaten davon, dass die Evaluation abgeschlossen sei und dass es noch drei Anwärter gebe. Dragan Rapic (früher Grasshoppers) und Bernt Haas (Vaduz) kamen bereits damals nicht mehr in Betracht. In der Zwischenzeit ist aber nichts geschehen – oder doch: Die drei Anwärter von damals gibt es ­heute nicht mehr. Jetzt stehen drei neue Namen auf der Liste, die Hernandez aber partout nicht preisgibt. Er sagt einzig: «Es kann ein No-Name sein, oder einer, den jedermann im Fussballbusiness kennt. Er muss zu uns passen.»

Recherchen ergeben, dass Roger Hegi ein Kandidat sein könnte. Vielleicht auch Stefan Wolf, obwohl der frühere Profi des FC St. Gallen betont, es habe keinen Kontakt mit dem Club gegeben. Pascal Thüler hingegen, dessen Name Leute aus der Südostschweiz kolportieren, wird es nicht. Hernandez nennt als Zeithorizont Ende Jahr. «Bis dann wollen wir den Sportchef haben, das wäre der ideale Fahrplan.»

Ohne Sportchef geht es jedenfalls nicht. Denn es scheint Un­ruhe zu geben. Ein Beobachter sagt: «Der Tag wird kommen, an dem es offensichtlich ist, dass in St. Gallen die Fachkompetenz fehlt.» Wenn es keinen Mann in der Schaltzentrale gebe, der ein hervorragendes Netzwerk besitzt, falle das irgendwann auf den Verein zurück. Insbesondere müsse man wissen, wie mit Spielerberatern umzugehen ist. «In St. Gallen wissen sie das nicht.»

In der ersten Jahreshälfte hat sich auf Clubebene folgende Episode zugetragen, sie ist von offizieller Seite bestätigt: Silvan Hefti wurde in England eifrig zum Kauf angeboten. Weil man auf schnelles, gutes Geld hoffte. Vielleicht, weil die Rechnung mit einem Minus von über zwei Millionen Franken schloss. Hefti wurde dann zwar nicht verkauft, er blieb, wie auch die Frage: Wohin will der FC St. Gallen?

Hohe Anforderungen an den Sportchef

Zu Sportchefs gibt es den weit verbreiteten Irrglauben, sie seien nur für Transfers verantwortlich. Und hätten sonst nicht viel zu tun. «Ich kann diese Denkweise verstehen», sagt Fredy Bickel, der das Amt bei Rapid Wien inne hat. «Tatsächlich gelten maximal zwanzig Prozent der Arbeit diesem Posten – es ist der kleinste ­Anteil. Sportchef ist man nicht nebenbei.» Es gehe um viel mehr, um die Ausrichtung im Nachwuchs und darum, dem Trainer zu helfen. Mit diesem bestehe ein reger Austausch, aber nie dürfe man dabei Einfluss auf die fussballerischen Belange nehmen. ­Bickel sagt, der Sportchef müsse dem Trainer Rücken­deckung und Sicherheit geben. Er müsse die Ziele der ersten Mannschaft entwickeln und den Spielern helfen, Leistung abzu­rufen. Was aber niemals geht: «Der Trainer darf nicht gleich­zeitig Sportchef sein. Es gibt Coaches, die das Gefühl haben, sie müssten beide Funktionen an sich reissen. Da muss der Verein dagegenhalten.»

Als Heinz Peischl Sportchef des FC St. Gallen war, hiess es, der Österreicher sei das sportliche Gewissen des Clubs. Er verkörperte die sportliche Kompetenz des Vereins im Prinzip allein und hielt Dölf Früh den Rücken frei für die Erfüllung der präsidialen Aufgaben. Und Jeff Saibene für jene des Trainers. Also sucht der FC St. Gallen heute nicht weniger als das: das sportliche Gewissen. Zumal es einen grossen Unterschied gibt zwischen Trainer und Sportchef. «Der Trainer agiert im kurzfristigen Modus, selbst wenn er dies anders formulieren sollte», sagt Bickel. «Für den Coach ist das Resultat vom Wochen­ende das Wichtigste.» Der Sportchef aber verantwortet die Finanzen mit, macht sich Gedanken über die Rückrunde, die nächste Saison und überzeugt zur Not den Coach von seinen Ideen. Er definiert die Gesamtausrichtung, hat den Gesamtblick aus dem Verein heraus – und plant die Zukunft: Wohin will sich der Verein entwickeln? Leute aus dem St. Galler Umfeld kritisieren, genau in diesem Punkt fehle die klare Linie.

Überdies plant der Sportchef das Kader, das nicht aufgebläht sein darf – in St. Gallen ist heute das Gegenteil der Fall. Bickel sieht das Kon­strukt kritisch mit Vanin und Hernandez, mit Contini und Roth. «Der Sportchef muss den direkten Zugang haben. Wenn du zuerst in einer Gruppe beraten musst, verlierst du zu viel Zeit. Zeit, die du gar nicht hast.» Bickel findet es aber richtig, dass der Nachwuchschef eng einbezogen wird, «neben dem Trainer ist dieser der wichtigste Mitarbeiter. Aber Entscheidungsträger muss allein der Sportchef sein.»

St. Gallen im Scouting schwach aufgestellt

Hernandez sagt: «Der FC St. Gallen sucht im Sportchef die Kompetenz, die ihm noch fehlt. Die Ergänzung zu allem. Wir haben hohe Ansprüche, wir wollen ja komplett aufgestellt sein.» Die Besetzung des Postens müsse ­einen Mehrwert bringen, es sei aber nicht von heute auf morgen möglich, den geeigneten Mann zu finden. «Vor allem muss er das Scouting vorantreiben, hier sind wir nicht optimal aufgestellt. Eine Aufgabe, die Contini nicht auch noch wahrnehmen kann.» Dennoch bleibe es ein Miteinander, mit Vanin, mit Marco Otero, dem Technischen Leiter im Nachwuchs. Und mit Contini, dem der Sportchef vorangestellt ist – hier hat der neue Präsident das Organigramm Frühs rasch verändert.

Mit dem neuen Sportchef werden vier Personen in der Transferkommission sitzen. Heute ist der Platz des sportlichen Gewissens nach wie vor leer.


Leserkommentare

Anzeige: