Selbstbedienungsladen FC St.Gallen?

FINANZEN ⋅ Der FC St.Gallen liegt derzeit mit 1,5 Millionen Franken hinter dem Budget 2017/18 zurück. «Die Liquidität ist aber nicht gefährdet. Punkt!», sagt Verwaltungsrat Peter Germann. Unregelmässigkeiten wurden bislang nicht festgestellt. Allfällige Verfehlungen der früheren Führung dürften eher moralischer Natur sein.
19. Dezember 2017, 06:35
Christian Brägger

Christian Brägger

Ein Patient braucht viel Schlaf, will er schnell wieder auf die Beine kommen. Vor allem braucht er Ruhe. Diesem Motto hat sich auch die neue Führung im FC St.Gallen verschrieben. Zumindest nach aussen hin. Dabei geht es im Innern des Clubs bei der Event AG und Future Champs Ostschweiz alles andere als ruhig zu und her. Alles wird genau durchleuchtet – wie man hört sehr zum Missfallen des ehemaligen Patrons Dölf Früh. Am vergangenen Samstag suchte jedenfalls der neue Verwaltungsrat in einer Art Workshop mit Kadermitarbeitern das Gespräch. Es wurde die Vergangenheit stückweise bewältigt, eine Vergangenheit, in der, ausgehend von den Führungspersonen, bei der Belegschaft ein Klima der Angst und Einschüchterung geherrscht hat. Und damit genau das Gegenteil von der Idylle, wie sie Ex-Präsident Stefan Hernandez unlängst in dieser Zeitung beschrieben hat. Zudem war es ein Ziel des Workshops, den Kurs für die nächsten Monate festzulegen. Demnach soll die Verkaufsabteilung der Event AG bald reorganisiert werden.

So oder so. Viel steht auf dem Spiel. Insbesondere die Finanzen sind in den medialen Fokus geraten. So berichtete diese Zeitung in der Montagausgabe von möglichen Unregelmässigkeiten bei Lohnbezügern, denen im Verein keine Funktion zugeordnet werden könne. Die Rede war von mehreren Überweisungen, darunter einmal ein Betrag von 200'000 Franken. Peter Germann, Mitglied des fünfköpfigen Verwaltungsrats, dementierte gestern diese Zeilen aufs Heftigste. Weil sie jeglicher Grundlagen entbehrten. Christoph Hammer, der als Verwaltungsrat für die Finanzen zuständig ist, ergänzte: «Stand jetzt ist dies nichts weiter als ein Gerücht.»

Erlös aus dem Ajeti-Transfer noch nicht einberechnet

Germann bestätigte indes, dass die Zahlen im Club nicht den Wünschen des Verwaltungsrats entsprechen. «Es ist aber nicht so, dass im nächsten Jahr, wie allerorts berichtet, das Aktionariat 1,5 Millionen Franken einschiessen muss. Unsere Liquidität ist nicht gefährdet. Punkt!» Vielmehr hinke der Verein um den genannten Betrag hinter dem Budget 2017/18 hinterher – wegen Future Champs Ostschweiz, wegen Rückgängen im Sponsoring, wegen Löhnen wie jenem von Trainer Joe Zinnbauer, der immer noch auf der Payroll des FC St. Gallen steht. Immerhin wird die Rechnung zum Ende der Saison um 1,5 Millionen Franken aufpoliert: Der Nettoerlös des Verkaufs von Albian Ajeti ist in der aktuellen Budgetabweichung noch nicht enthalten. Und vielleicht folgen ja weitere Spielertransfers, die dem Club Geld bringen.

Vorerst steht für Ende Dezember nun der revidierte Halbjahresabschluss an, den CFO Sascha Roth vor seinem Austritt ein letztes Mal verantwortet; er kehrt im Januar zu seinem Mentor Früh zurück. «Aus diesem Grund sind die Wirtschaftsprüfer von PWC im Haus. Das ist ein ganz normaler Vorgang, zumal die Swiss Football League nur revidierte Zahlen für die Lizenzerteilung berücksichtigt», so Germann. Spätestens Mitte Februar wird man wissen, wie es um den Verein steht, dem man auch schon eine düsterere Zukunft vorausgesagt hat. Denn eine Stimme aus dem Clubumfeld sagt, es sei wohl mehr korrekt abgelaufen, als man ursprünglich angenommen habe. Etwa fünf Prozent der Verträge gelte es näher zu plausibilisieren. Auch der VR habe bisher nichts Unrechtmässiges festgestellt, sagt Germann: «Aber man kann einige Managemententscheide schon hinterfragen.»

Es dürften genau diese Managemententscheide sein, die noch länger belasten. Entscheide, die dem FC St. Gallen ein Bild des Selbstbedienungsladens geben. Die Verfehlungen fangen klein an, werden aber immer grösser. So sollen durchaus Spesenabrechnungen aufgetaucht sein, die alles andere als einen massvollen Umgang mit dem Budget rechtfertigen. Über die Jahre ist die Liste an vermeintlichen Verfehlungen entsprechend lang geworden, die Clubführung wird sich auch hiermit auseinandersetzen müssen. Viel Kleinvieh macht eben am Ende auch Mist. Und dieser scheint sich angehäuft zu haben.

Kontrolle der Geldflüsse ging verloren

Weil die strategische nicht von der organisatorischen Führung getrennt war, ging ausserdem die Kontrolle über gewisse Geldflüsse komplett verloren. So werden die zuletzt abgeschlossenen Verträge, die ohne den Goodwill der Aktionäre vor der Installation des neuen Verwaltungsrats unterschrieben wurden, sicherlich genau angeschaut werden. Interessant dürfte sein, wer die Verträge unterzeichnet hat, ist dem Handelsregister doch zu entnehmen, dass kein Verantwortlicher alleine zeichnungsberechtigt war. Der Spielerberater Donato Blasucci ist der Name, der auch oft und immer wieder genannt wird im Zusammenhang der Ereignisse vergangener Zeit. Zuletzt hielt er sich im Hintergrund, und auch die Clubverantwortlichen wiesen eine Zusammenarbeit stets weit von sich. Und dennoch soll Blasucci bei vorzeitigen Vertragsverlängerungen wie jener Daniel Lopars Zahlungen verlangt haben. Auch sagt man, Blasucci soll im Nachwuchs die Finger im Spiel haben. Offenbar nicht bei Nias Hefti, der nun nach Wil vergeben werden soll – obwohl der U19-Nationalspieler als vermutlich grösstes Talent bei FCO gilt. Ein Entscheid, der durchaus seltsam anmutet.

Liegt man falsch, wenn bei FCO oder der Event AG oder sogar dem gesamten FC St. Gallen 1879 von einem ausgeklügelten, ja dreisten System der Bereicherung die Rede ist? Die unterzeichneten Verträge dürften jedenfalls allesamt rechtsgültig sein. Und dennoch gibt es wohl grösste moralische Bedenken. Um nicht gar von Verfehlungen zu sprechen.


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