Mutsch wäre gerne geblieben

ABSCHIED ⋅
27. Mai 2017, 08:13
Patricia Loher
Mario Mutsch hatte ein Abgang durch die Hintertür gedroht. Ein leiser Abschied. Ein Abschied im Frust. Kaum einer rechnete mehr mit seiner Rückkehr auf den Platz, nachdem Trainer Joe Zinnbauer den Spieler nach der Winterpause Wochenende für Wochenende konsequent aus dem Aufgebot gestrichen hatte. Während jenen schwierigen Monaten mochte Mutsch öffentlich nicht über seine Situation reden. «Aus Selbstschutz», wie er sagt. Aber der 32-Jährige zog die Konsequenzen und unterschrieb beim luxemburgischen Club Niederkorn. Gut zwei Wochen später folgte auf den erfolglosen Zinnbauer Giorgio Contini. Heute sagt Mutsch: «Wäre der Trainerwechsel früher gekommen, hätte ich in St. Gallen vielleicht noch ein Jahr anhängen dürfen. Ich weiss nun, dass ich noch mithalten kann.» Seit Contini an der Seitenlinie steht, kam Mutsch in drei von vier Partien zum Einsatz. Es schien, als sei der Luxemburger nie weggewesen. 
 
Mutsch ist ein besonnener Mensch. In St. Gallen schätzen die Leute seine zurückhaltende Art, seine sachlichen Analysen und kämpferischen Qualitäten. Er erklärt, es liege ihm fern, gegen den früheren Trainer nachzutreten. «Ich sage nun einfach, wie ich mich gefühlt habe.» Schnell wird spürbar, wie sehr Mutsch in den vergangenen Monaten gelitten hat, wie sehr es ihn traf, nicht mehr berücksichtigt zu werden. Irgendwann beschloss er: «Solange Zinnbauer Trainer ist, hätte ich für St. Gallen kein Spiel mehr gemacht. Menschlich war ich enttäuscht.» Auf eine Abschiedspartie, die dem Trainer aufgezwungen werde, habe er lieber verzichten wollen. «Ich wollte ein Abschiedsspiel, weil ich es mir verdient habe.» Die Art, wie er ausgebootet worden sei, sei für ihn noch immer unerklärlich. 
 
Dabei hatte Zinnbauer gleich nach seiner Ankunft in St. Gallen Mutsch noch als seinen verlängerten Arm auf dem Platz bezeichnet. Das sei ihm zu Beginn ein bisschen unangenehm gewesen, sagt Mutsch. «Solche Töne war ich mir nicht gewohnt.» Kurz nach seinem Amtsantritt im Herbst 2015 sagte der deutsche Trainer: «Es gibt Menschen, die fassen neue Dinge schnell auf. Mario ist so einer. Er ist ein Spieler, der den Erfolg will. Das spürt das Team, er zieht es mit. Wenn du nochmals drei bis vier dieser Sorte hast, hat man es richtig gemacht.» 
 
«Dann ist es dein Problem»
In den Ohren von Mutsch müssen diese Worte heute klingen wie Hohn: Nach einem Jahr unter Zinnbauer spielte der Luxemburger in St. Gallen keine Rolle mehr. Von Dezember 2016 bis zu Zinnbauers Entlassung anfangs Mai kam er zu keinem einzigen Einsatz. «Schon ab dem vergangenen Sommer bekam ich zu spüren: Wenn du das nicht mehr kannst, ist es dein Problem, nicht meines.» Zu Beginn habe er gedacht, der Trainer ziehe einen schlechten Tag ein. «Doch dann spielte ich einmal als Sechser, dann wieder als Aussenverteidiger. Dann plötzlich wieder als Sechser. Und als sich die Resultate nicht einstellten, wurde ich einfach fallengelassen. Ohne, dass mit mir kommuniziert worden wäre.» Mutsch hat das Gespräch mit dem Deutschen nie gesucht. «Ich spürte, dass der Trainer seine Entscheidung getroffen hat. Ich wollte keine Aussagen hören, die für mich nicht akzeptabel waren.» 
 
So hat sein Abschied aus St. Gallen einen bitteren Beigeschmack. Weil Mutsch doch gerne geblieben wäre. Und einen Kämpfer wie ihn könnten die Ostschweizer noch immer gut gebrauchen. St. Gallens Anhänger jedenfalls wissen, was sie an Mutsch verlieren. Nach dem 4:1 gegen die Grasshoppers am vergangenen Sonntag im Kybunpark liessen sie Mutsch hochleben. Der Luxemburger verdrückte ein paar Tränen. «Solche Sprechchöre gab es für mich noch nie.» Der neue Trainer Contini sagt: «Von der Art und der Mentalität her passt er zu St. Gallen. Wie sehr er Profi ist, hat er gezeigt, als er nach langer Zeit ohne Spielpraxis gleich wieder mit starken Leistungen eingestiegen ist.»
 
Mutsch wird zum ersten Mal in Luxemburg leben
Mutsch hat für den FC St. Gallen seit seinem Wechsel aus Sitten im Jahr 2012 
151 Pflichtspiele absolviert, ein Tor erzielt und elf Treffer vorbereitet. Bald aber wird er mit seiner Frau sowie dem Söhnchen die Koffer am Bodensee packen und nach Luxemburg umziehen. Obwohl er Captain der Nationalmannschaft ist, wird es für den Fussballer das erste Mal sein, dass er im Grossherzogtum lebt. Aufgewachsen ist Mutsch in Belgien an der Grenze zu Luxemburg. 
 
Für Progres Niederkorn war die Verpflichtung von Mutsch ein Coup. Sein neuer Club ist ein Amateurverein, der jeweils abends trainiert. Die Spieler gehen alle einer Arbeit nach. «Aber der Verein möchte wachsen und dabei von meiner Erfahrung profitieren. Die Verantwortlichen wollen, dass ich die Mannschaft führe.» Zudem bestreitet Niederkorn Ende Juni die erste Runde der Europa-League-Qualifikation, welche ein Club aus Luxemburg noch nie überstanden hat. Was es bedeutet, international zu spielen, weiss Mutsch nur allzu gut. Der FC St. Gallen verliert mit ihm den letzten Feldspieler der legendären Europa-League-Mannschaft, die im August 2013 Spartak Moskau bezwang und die Gruppenphase erreichte. Für Mutsch waren die Europa-League-Abende die schönsten Momente in St. Gallen. Der neue Trainer Contini sagt: «Mutsch soll einen würdigen Abschluss erhalten.»

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