«Mein Lüchinger-Kopf hat mir geholfen»

FC ST. GALLEN ⋅ Über Chiasso und Sitten hat der Rheintaler Nicolas Lüchinger zurück in die Ostschweiz gefunden. Der 22-Jährige vor der morgigen Begegnung in Sitten über seinen Dialekt, Christian Constantin und einen Club, der für ihn mehr ist als bloss ein Arbeitgeber.
14. Oktober 2017, 15:46
Patricia Loher
Nicolas Lüchinger, müssen Sie sich ab und zu Sprüche Ihrer Teamkollegen anhören?
Nein, warum?

Sie sprechen breiten Rheintaler Dialekt. 
In St. Gallen reagiert man darauf manchmal verwirrt. Ich glaube, das eine oder andere Wort passe ich jeweils den Gegebenheiten an (lacht). Zu Hause tönt es schon anders, wenn ich mit meiner Familie oder meinen Kollegen rede. 

Die Rheintaler gehören zu den treuesten Anhängern des FC St. Gallen. Haben Sie diese spezielle Beziehung auch in die Wiege gelegt bekommen?
Mein Vater hat einst beim  FC Montlingen in der zweiten Liga gespielt. Er und meine Mutter gingen aber nicht so oft ins Stadion. Erst als ich begann, Fussball zu spielen, waren sie an jedem Wochenende auf dem Platz. Sie fuhren auch stets nach Chiasso und dann nach Sitten. Aber natürlich sind sie nun froh, dass ich in St. Gallen bin. So sind die Wege kürzer.

Gab es für Sie als Kind eine Alternative zum Fussball?
Es gab immer nur Fussball. Mein Cousin Gabriel, der ebenfalls einst für den FC St. Gallen auflief, war mein Nachbar. Wir haben immer zusammen Fussball gespielt. Gabriel war recht früh recht gut. Im Vergleich mit ihm konnte ich nichts. Trotzdem habe ich den Sprung in die Super League nun geschafft. Es war harte Arbeit. Aber wahrscheinlich hat mir auch mein typischer Lüchinger-Kopf geholfen.

Was zeichnet einen Lüchinger-Kopf aus?
Es sind sture Leute, also vor allem meine Familie. Wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt haben, wollen wir das erreichen.

Sie waren in St. Gallen als 18-Jähriger auf dem Sprung in die erste Mannschaft, mussten dann aber den Umweg über Chiasso und Sion nehmen. War Ihr Weg in die höchste Liga steinig?
Silvan Hefti, der in St. Gallen schon früh die Chance erhalten hat und bis zur Verletzung immer unser bester Mann war, hat den direkten Weg genommen. Ich bin mit meinem Karriereverlauf aber auch zufrieden. Vielleicht war ich mit 18 Jahren noch nicht so weit, noch zu wenig reif. Da und dort setzten Trainer nicht auf mich. Trotzdem habe ich mich selber entschieden, nach Chiasso zu gehen. Ich spielte schliesslich regelmässig, und anscheinend auch gut, sonst wäre der FC Sion nicht auf mich zugekommen.

Und jetzt sprechen Sie Italienisch und Französisch.
Das ist ein Geschenk. Ich habe mir immer vorgenommen, die Sprachen zu lernen, als ich ins Tessin und ins Wallis ging. Ich bekam oft mit, wie Spieler länger an einem Ort lebten, aber immer noch kein Wort in der jeweiligen Sprache konnten.

Wer war im Fussball Ihr grösster Förderer?
Peter Zeidler, Sions damaliger Trainer, hat mich weitergebracht. Aber von den Trainern in Chiasso konnte ich auch etwas mitnehmen. Da waren viele Italiener, aber auch Marco Schällibaum, der ein richtig guter Typ ist. Im Regen, in einem Trainingsspiel fünf gegen zwei, habe ich ihn einmal umgegrätscht. Aber er war zu langsam, um mich einzuholen (lacht). Natürlich ist die Beziehung zu einem Trainer wichtig. Aber am Ende des Tages muss jeder auf sich selber schauen. Als Fussballer hast du zehn bis fünfzehn Jahre. Da musst du alles investieren, alles reinwerfen.

Christian Constantin, den    Sie aus Ihrer Zeit in Sitten kennen, ist momentan in den Schlagzeilen. Wie schätzen Sie Sions Präsidenten ein?
Constantin hat eine Linie, für ihn gibt es nur Schwarz oder Weiss. Am Anfang war ich die eine Farbe, dann die andere. Im Fussball läuft es so.

Nach dem verlorenen Cupfinal hiess es, Sion setze nicht mehr auf Sie und einige andere Teamkollegen. Waren Sie enttäuscht?
Ich erfuhr es aus der Zeitung – zwei Tage bevor das internationale Transferfenster schloss. Wir suchten eine Lösung, ein Auslandtransfer war nicht mehr möglich. Danach ging es schnell. Giorgio Contini erklärte mir, was seine Ziele sind und was meine Rolle wäre. Es ist schon so: St. Gallen liegt mir enorm am Herzen, ich kam gerne zurück. Ich bekomme ja mit, wie sehr die Leute mitfiebern. In der Firma meines Vaters sprechen ihn Mitarbeitende immer wieder auf mich und den FC St. Gallen an. Manchmal bringt er mir Bälle, auf die ich unterschreiben muss. Dieser Club ist für mich mehr als nur ein Arbeitgeber.

Gibt es Revanchegefühle, wenn Sie morgen im Tourbillon auflaufen?
Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich vielmehr, alte Kollegen wie Goalie Anton Mitrjuschkin oder Elsad Zverotic wieder zu sehen. Sie haben mir zu Beginn meiner Zeit in Sitten sehr viel geholfen.

Vor der Länderspielpause verlor der FC St. Gallen auswärts gegen die Young Boys 1:6. Was war passiert?
Vor dem 0:1 hatten eigentlich nur wir den Ball. Dann stand es plötzlich 1:3. Die Young Boys spielten sehr clever. Und am Schluss liessen wir uns gehen, was natürlich nicht hätte passieren dürfen.

Sie spielten in Bern auf der ungewohnten Position als linker Verteidiger.
Ungewohnt war es nicht. Ich spiele das fast noch lieber als auf der rechten Seite. Ich lief auch in Sitten oft links hinten auf und meistens ist es gut gegangen.

Ihr Team hat Albian Ajeti verloren, was ist für St. Gallen bis im Winter noch möglich?
In Sion hat es einige Spieler mit einem guten Namen, sie profitieren stark von ihrer Erfahrung. In St. Gallen sind die Spieler jünger, haben aber allesamt ein gutes Niveau. Uns muss es egal sein, dass Albian Ajeti gegangen ist. Andere erhalten nun die Chance. Wenn Nassim Ben Khalifa, Roman Buess oder Boris Babic in den nächsten Spielen treffen, hat sich die Diskussion um Ajeti schnell erledigt.

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