Marco Otero: Annäherung an einen Unangepassten

CHARMEOFFENSIVE ⋅ Der technische Leiter des Nachwuchses des FC St.Gallen steht in der Kritik. Öffentlich in Erscheinung tritt Marco Otero aber nicht. Am Donnerstag machte der Spanier eine Ausnahme und hatte ein offenes Ohr für die Fans. Eine Annäherung an einen Unangepassten.
24. November 2017, 17:45
Christian Brägger
Marco Oteros Motto lautet: Ein Fussballspiel dauert 90 Minuten, dann den Mund abwischen, dem Gegner die Hand geben – und alles ist vergessen. Er will keine Nachspielzeit, insbesondere kein Nachtreten. «So soll der Fussball sein», sagt er. In der Theorie tönt das einfach. 

Otero ist seit März 2015 der technische Leiter des Future Champs Ostschweiz. Damals wird er quasi direkt aus Russland (Assistent Murat Yakins bei Spartak Moskau) eingeflogen. Er stösst Umwälzungen an, stellt unter anderem den FCO-Trainerstab neu zusammen. Das löst Unruhe aus. Irgendwann kommt es im Fansektor zu «Otero raus»-Bannern. In der Öffentlichkeit wollen sich jedoch weder die Geschassten noch Otero äussern. Dafür sei er nicht angestellt, sagt dieser. «Ich muss Fussballprofis produzieren, nicht Medienarbeit.» 

Es ist schwierig, als Journalist mit dem Spanier ins Gespräch zu kommen. Einmal findet ein solches während dreier Stunden statt, doch letztlich werden die Zitate zurückgezogen. Weil das Gespräch unter einem Vorwand stattgefunden haben soll. Ein anderes Mal verweist Otero darauf, dass er vom Club die Weisung habe, öffentlich nicht zu reden. Man fragt sich, weshalb das so ist.
 

Otero geht es nur um die Fans

Das Interesse unserer Zeitung ist also gross, als er am Donnerstagabend endlich öffentlich redet. Und zwar im «Bierhof», dem Lokal der St.Galler Anhänger am östlichen Rand der Altstadt. Dort steht er ihnen Red und Antwort. Hierhin haben sie ihn eingeladen zur dritten Ausgabe von «Stadion triff Stadt», und weil es dem Nachwuchschef nur um die Fans und nicht um die Journalisten geht, hat er zugesagt.

Otero unplugged sozusagen. Arena-Moderator Gregor Lucchi stellt die Fragen. Support kann nicht schaden, die gesamte Trainercrew des St.Galler Nachwuchses begleitet ihren Chef. Zu verlieren hat dieser nichts; jetzt ohnehin nicht, wo im Verein das neue Aktionariat am Ruder ist. Schnell ist klar. Es wird Marco Oteros Abend. Und nur seiner, was wohl auch das Ziel der Fragestunde war.

Auf den Kopf gefallen ist Otero nicht, auf den Mund noch weniger. Der Vater eines 14-jährigen Sohnes bestellt in breitem «Züritüütsch» das Feld, die Fans hören ihm zu. Man merkt: Hier ist einer mit Herzblut bei der Sache, hier ist einer vom Fach. Diesbezüglich wurde ihm auch nie etwas vorgeworfen. Die fachliche Kompetenz ist unbestritten. 

Es geht bei seiner Person um andere Kritikpunkte. Auch Leute, die es nicht gut mit ihm konnten, sagen, Otero wisse fachlich sehr wohl, was zu tun sei. «Gefährlich» werde er dann, wenn er sich verselbstständige, wenn er schalte und walte, wie er wolle und nicht mehr auf seinen Bereich fokussiere. Wenn seine Leine immer länger werde und sein Vorgesetzter ihn nicht in die Schranken weise. Bei GC gab es solches zu hören, aus Basel ebenfalls, an beiden Orten hat er Jahre gearbeitet. Peter Knäbel, damals ebenfalls beim FC Basel tätig, sagt: «Marco Otero akzeptiert starke Führungen. In einem schwachen Umfeld übernimmt er schnell viel Verantwortung, weil er von seinen Qualitäten überzeugt ist.» Aber es sei schon ziemlich ungewöhnlich, dass ein Nachwuchschef so sehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerate. 

Frühere Ereignisse reflektiert Otero durchaus kritisch. Doch beirren lässt er sich nicht, der Mann geht seinen Weg. «Reibereien kann es geben, ich bin ein offener, direkter Typ.» Oder: «Ich muss politisch nicht korrekt sein, mich interessiert einzig der Applaus für die erste Mannschaft.» Und: «Ich muss mich für nichts rechtfertigen, weil ich nichts getan habe.» 

Sein Motto, nicht nachzutreten, blendet der 43-Jährige gerne einmal aus. Man nimmt ihm das nicht einmal übel. Wer einsteckt, darf auch austeilen. Und umgekehrt. Mit seinen Kritikern befasst sich Otero durchaus. Deren gibt es viele, vor allem in den Medien. 

Namentlich diese Zeitung nimmt er im «Bierhof»-Gespräch vom Donnerstagabend mehrmals ins Visier. «Ich kann mit negativer Presse umgehen, aber die Jungen macht man kaputt.» Oder: «Wir müssen unseren Job machen können. Aber ständig werden einzelne Leute desavouiert, weil man nicht objektiv ist und nur auf den Mann spielt.» Zudem: «Der Otero-Clan ist eine reine Erfindung der Medien. Auch wenn ich eine freundschaftliche Beziehung zu Donato Blasucci habe. Nur: Ich habe mit anderen Spielerberatern viel mehr zu tun.»

Auch der ehemalige Sportchef Christian Stübi bekommt an diesem Abend sein Fett weg. Otero ist nicht erstaunt, dass dieser in die Immobilienbranche zurückkehrt: «Wenn dir etwas in deinem Lieblingsclub nicht mehr passt und du sofort davonrennst, sagt das viel über dich aus.» Was er damit eigentlich sagen wollte: Stübi fehlte das Feuer für den Verein. Otero sagt, intern habe er seit seinem Amtsantritt im Gegenwind gestanden, bei Heinz Peischl, bei Pascal Kesseli, bei Michael Hüppi, den er nie bei einem Nachwuchsspiel gesehen habe. Otero setzt auch hin und wieder kritische Voten gegen die eigene Kommunikationsabteilung ab, gibt unterschwellig ihr die Schuld für das schlechte persönliche Image. Überdies reklamiert der Nachwuchschef für sich, Silvan Hefti in die erste Mannschaft gebracht zu haben. Die damalige Clubführung habe das Talent des jungen Goldachers schlichtweg falsch eingeschätzt.
 

Otero sammelt an diesem Abend Punkte

Oftmals haben Oteros Antworten Überlänge und kommen wie Reden daher. Zugegeben, sie scheinen nicht vorbereitet zu sein, auch wenn man bald das Gefühl erhält, alles schon einmal gehört zu haben. Dafür fehlt an diesem Abend etwa eine Diskussion zum FCO-Budget von 4,6 Millionen Franken, das heuer ein Defizit von 600 000 Franken auswies. Oder zu Oteros hoher Prämie, wenn es ein Nachwuchsspieler in die erste Mannschaft schafft. Vielleicht aber waren solche Reizpunkte gar nicht nötig. Denn: Otero ist nun kein Phantom mehr. Aber: War er bei seinem Auftritt auch authentisch? Das wird sich weisen. Gepunktet hat er trotzdem. 

Der Ticker zur Diskussionsrunde mit Marco Otero zum Nachlesen:

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