«Jeder wird genau angeschaut»

FCSG ⋅ Der 50-jährige Stefan Hernandez, ein Neuling im Fussballgeschäft, folgt beim FC St.Gallen auf Präsident Dölf Früh. Der Goldacher mit spanischen Wurzeln über St.Gallens emotionales Umfeld, Führungsstil und Frankenschock.
15. Mai 2017, 07:20
Interview: Patricia Loher

Interview: Patricia Loher

Stefan Hernandez, als Sie in den vergangenen Monaten mitbekamen, welchen Stürmen Präsident Dölf Früh bezüglich der Trainerfrage ausgesetzt war: Gab es da den Gedanken an einen Rückzug?

Nein, diesen Moment gab es nie. Emotionen gehören zum Fussball. Sie sind das höchste Gut. Viel schlimmer wäre es, wenn die Leute am FC St.Gallen plötzlich kein Interesse mehr bekunden würden. Natürlich, ich habe grossen Respekt vor meiner neuen Aufgabe. Aber ich habe keine Angst.

Sie haben unmissverständlich gesagt, der FC St.Gallen müsse sich wieder nach vorne orientieren. Wann ist der Club erfolgreich?

Wir wollen doch alle wieder unvergessliche, emotionale Fussballabende erleben. Grundsätzlich ist es unser Anspruch, die vermeintlich schwächeren Teams zu besiegen. Die vermeintlich schwierigeren Gegner wollen wir ab und zu überraschen. Wir wollen den Blick aber grundsätzlich nach oben richten.

  • Karim Haggui: Note 6. Wenn ein Verteidiger ein Tor erzielt, das zweite indirekt ebenfalls und hinten die Null steht, dann ist er der Matchwinner. Dann fällt es auch nicht ins Gewicht, dass der Routinier zu Beginn ein paar Fehlpässe produzierte.
  • Albian Ajeti: Note 3. Findet nie die Bindung zum Spiel, ein Schuss ans Aussennetz sind für die Sturmhoffnung definitiv zu wenig. Zudem oft zu eigensinnig, vergisst manchmal, dass neben ihm auch besser postierte Spieler stehen.
  • Danijel Aleksic: Note 4. Technik muss ihn niemand lehren. Zudem zeigt sich der Serbe einsatzfreudig und scheint seine neue Chance unter Contini nutzen zu wollen. Seine Freistösse sind aber leider nicht mehr jene früherer Tage, respektive Monate, respektive Jahre.

Unsere Sportredaktion bewertet nach jedem Spiel die Leistung der eingesetzten Spieler. Die Noten reichen von 1 - Totalausfall, 2 - Schwachpunkt, 3 - Mitläufer, 4 - Normalform, 5 – Leistungsträger bis 6 - Matchwinner. (Bilder: PD)

Ein Chef will in der Regel bestimmen, mit wem er arbeitet. Hatten Sie Einfluss? Oder müssen sich Angestellte warm anziehen?

Bis anhin hatte ich keine Kompetenzen. Ich bin ja erst seit Freitag Verwaltungsratspräsident. Wenn aber ein neuer Chef kommt, müssen alle Angestellten aufzeigen, was sie für das Unternehmen für Leistungen erbringen – ob als Fussballer oder als Mitarbeiter im Umfeld. Jeder wird genau angeschaut. Wobei Personalentscheide ja nicht allein vom Präsidenten gefällt werden. Aber natürlich will und werde ich jeden Mitarbeiter kennen lernen.

Sie standen mit Dölf Früh seit Anfang Jahr in Kontakt. Weshalb haben Sie sich entschieden, das Präsidentenamt zu übernehmen?

Wenn 10 000 Zuschauer im Stadion sind, sind 9999 Trainer. Es ist nicht einfach, in dieser emotionsgeladenen Landschaft geradeaus zu gehen und Visionen zu haben. Als Chef muss man ruhig und besonnen bleiben. In den vergangenen fünfzehn Jahren habe ich im Geschäftsleben auch viele hektische und emotionale Momente erlebt. Vielleicht wird sich das nun sogar akzentuieren. Aber ich freue mich darauf.

  • Der St.Galler Sejad Salihovic, oben, gegen den Liechtensteiner Philipp Muntwiler.
  • Die St.Galler Torschützen Karim Haggui, links, und Tranquillo Barnetta feiern den 2:0-Sieg.
  • Der St.Galler Danijel Aleksic bejubelt den Treffer zum 1:0 von Karim Haggui.

Der FCSG gewinnt gegen den FC Vaduz mit 2:0. Es ist der zweite Sieg unter Giorgio Contini. Torschützen waren Karim Haggui und Tranquillo Barnetta. (Bilder: Benjamin Manser)

Ist Dölf Früh in dieser Hinsicht eine Inspiration für Sie?

Natürlich. Dölf Früh kann für jeden von uns ein Vorbild sein. Was er in den vergangenen Jahren für den Verein und für die Region geleistet hat, ist grossartig. Aber man darf mich nicht mit Dölf Früh vergleichen. Ich werde sicherlich auch einen anderen Führungsstil pflegen als er.

Und der wäre?

Ich will noch mehr ein starkes Team. So, wie auf dem Platz unsere Mannschaft muss auch mein Team auf einer anderen Ebene funktionieren. Natürlich, am Ende bin ich es, der zu einem wesentlichen Teil die Richtung bestimmt. Und das liegt mir.

Sie waren Mitinhaber und Verwaltungsratspräsident der St.Galler Firma Hartchromwerk Brunner AG. Weshalb traten Sie aus der Firma aus?

Es waren fünfzehn sehr anforderungsreiche Jahre. Als exportorientiertes Unternehmen litten wir besonders unter dem Frankenschock. Als der Euro flöten ging, war ich zum ersten Mal nicht mehr so kreativ wie früher. So kam ich zum Schluss, und das vergleiche ich durchaus mit dem Fussball, dass das Unternehmen einen neuen Trainer braucht. Ich nahm mir eine Auszeit und war danach offen für etwas Neues.

Im Fussball fehlt Ihnen der Hintergrund. Ein Handicap?

Die Frage ist, ob es im Moment beim FC St.Gallen eine Fussball-Koryphäe als Präsident braucht. Oder braucht es eher jemanden, der den Prozess, den Dölf Früh angefangen hat, zum Reifen bringt? Das kann auch jemand erreichen, der im Fussball zwei linke Füsse hat. Dölf Früh hat den Club auf eine gesunde Basis gestellt. Darauf können wir aufbauen.

Dölf Früh bleibt Grossaktionär. Bestimmt er weiter mit?

Dölf Früh und ich werden uns künftig hoffentlich in privatem Rahmen treffen. Beruflich aber muss ich unabhängig sein. Das muss gewährleistet sein. Ich garantiere, dass wir eine grosse Professionalität an den Tag legen werden.


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