FCSG-Präsident Hernandez: "Ich fürchte nicht um meinen Job"

INTERVIEW ⋅ Am Montag findet die GV der FC St.Gallen AG statt. Hier haben unter anderen die Publikumsaktionäre das Wort. Ob sie den Jahresbericht gutheissen? Und wie reagieren sie auf Stefan Hernandez? Der Clubpräsident sagt: "Es ist falsch, dass wir ohne Sportchef nicht über sportliche Kompetenz verfügen."
11. November 2017, 05:19
Christian Brägger, Patricia Loher

Stefan Hernandez lädt im Vorfeld der GV der FC St.Gallen AG zum Interview. Der Präsident will die Publikumsaktionäre und Anhänger des Clubs über die Vorgänge in den vergangenen Monaten informieren und vorausschauen. Hernandez will offen kommunizieren, wie er sagt. Und er scheint gewappnet. Mehrere A4-Seiten, gefüllt mit Sätzen, die er sagen will, liegen vor ihm auf dem Tisch. Doch nur bei der ersten Frage sucht er darin nach Antworten. Danach redet er frei. Das Gespräch erfolgt in seinem Büro. Es ist der Raum, in dem zuvor Pascal Kesseli sass, der im Spätsommer in gegenseitigem Einvernehmen als CEO der Event AG zurücktrat.

Stefan Hernandez, Sie sind seit sechs Monaten im Amt. War die Unruhe nötig, die der zurückgetretene Verwaltungsrat Michael Hüppi oder der Abgang Pascal Kesselis ausgelöst haben?
In den ersten drei Monaten habe ich den Club analysiert. Ich bin zum Schluss gekommen, dass im Verein die drei Einheiten Future Champs Ostschweiz FCO, der FC St.Gallen und die Event AG nicht optimal zusammenarbeiten. Diese drei Räder griffen nicht richtig ineinander, auch wenn sie per se gut aufgestellt waren. Man ging nicht aufeinander zu, die Mannschaft wurde im Hintergrund nicht in der Form unterstützt, wie es notwendig wäre. In der Event AG gab es Doppelspurigkeiten und Optimierungsbedarf.

Übersetzt heisst das: Kesseli hatte seinen Laden nicht im Griff.
Ich will nichts Schlechtes über ihn sagen. Jeder neue Chef hat eigene Vorstellungen, wie ein Unternehmen geführt werden soll.

Welche Massnahmen ergriffen Sie?
Unser oberstes Ziel ist sportlicher Erfolg, diesem müssen sich alle unterordnen und darum unsere Mittel richtig einsetzen. Heute sind wir sportlich auf Kurs – mit Luft nach oben. Wir haben im Hintergrund viel mehr Ruhe. Vor allem finden unsere Fussballer heute ein ruhiges Umfeld vor.

In St.Gallen konnte schon immer in Ruhe trainiert werden.
Das ist Ihre Wahrnehmung. Wir haben uns intern aber zu wenig um den Fussballclub gekümmert. Die Event AG war nicht integriert. Auch nicht in den FCO.

Der aktuelle sportliche Erfolg gründet auf einem Team, das Sportchef Christian Stübi zusammenstellte.
Das ist nicht ganz richtig. Es gab auch nach Christian Stübi gute Transfers. Wir haben nach seinem Abgang einige Dinge verändert. Das hat rasch Erfolg gebracht. Warum? Wir haben jetzt erstmals einen vollamtlichen Konditionstrainer. Im Physiobereich sind wir ebenfalls neu und gut aufgestellt, die Trainercrew funktioniert perfekt. Offensichtlich ist es mit den Mutationen gelungen, die neue Philosophie sofort umzusetzen.

Wenn man Sie reden hört, könnte man meinen, es sei nun doch kein Sportchef nötig.
Der Entscheid ist gefällt, wir wollen einen Sportchef. Es ist aber falsch, dass wir sonst über keine sportliche Kompetenz verfügten. Es gibt andere Leute, die diese neben Giorgio Contini haben, Markus Hoffmann, Marco Otero oder Ferruccio Vanin zum Beispiel.

Sportlicher Erfolg ist kein Programm, sondern ein Wunsch. Wie will man ihn erreichen?
Der FC St.Gallen muss unter die ersten Fünf, da gehört er – wie Stand jetzt – hin. Wir sind ein Ausbildungsclub. Silvan Hefti ist hier das Paradebeispiel, er repräsentiert auch FCO. In der Tabelle dauerhaft vorne zu stehen, ergibt sich durch intelligente Transfers oder die Integration von Spielern aus dem Nachwuchs. Wenn du sportlichen Erfolg hast, ist dein Produkt gut und attraktiv. Daraus ergibt sich automatisch die Möglichkeit, finanzielle Mittel zu generieren.

Müssten wir über solche Dinge nicht mit einem Sportchef reden?
Ich bin verantwortlich für alle drei Einheiten. Ich habe den Überblick, die Vogelperspektive. Wenn es aber um Details geht, darf gerne ein anderer antworten. Zum Beispiel dann der Sportchef.

Schon jetzt gilt es, die nächste Saison vorzubereiten. Heute ist das Kader viel zu gross. Wie läuft die Planung?
Die Planung läuft in einem Gremium, dem neben mir der Cheftrainer, der CEO FCO, der Technische Leiter FCO und der Finanzchef angehören. Ich plane also gemeinsam mit Giorgio Contini, Ferruccio Vanin, Marco Otero und Sascha Roth.

Wer kontrolliert heute eigentlich Trainer Giorgio Contini?
Über dem Coach ist der Sportchef, darüber bin ich. Also schaue ich ihm derzeit auf die Finger. Aber im sportlichen Bereich tauschen wir uns natürlich aus. Ich rapportiere dem Verwaltungsrat.

Im VR sitzen fast nur Angestellte des Clubs. Das ist doch absurd, dass Sie eigenen Leuten rapportieren.
In vielen VR sitzen Angestellte des Unternehmens. Das ist nicht aussergewöhnlich. Ich bin nicht ganz zufrieden, wie wir jetzt aufgestellt sind. Wir wollen auch externe Verwaltungsräte. Es wird bald zu einer neuen Verteilung im Aktionariat kommen. Danach soll es neuen Aktionären möglich sein, Einsitz im VR zu nehmen. Mein Ziel ist eine paritätische Situation zwischen Internen, also Angestellten, und Externen.

Hat Dölf Früh also verkauft?
Der Plan ist es, dass er verkauft und die Aktien breiter verteilt sind. Ich darf aber nicht mehr dazu sagen, da Stillschweigen vereinbart worden ist.

Gibt es Bedingungen von Früh?
Bedingungen gibt es immer. Diese sind aber nicht aussergewöhnlich.

Der frühere Präsident Dölf Früh besass fast 49 Prozent an der Event AG. Nach dem gesundheitsbedingten Rücktritt hat er öffentlich und mehrmals verkündet, seine Aktien zu verkaufen. Es heisst, es komme zu einer guten Lösung für den Club. Roland Gutjahr von der Ernst Fischer AG sowie die Gebrüder Müller von der GEMAG werden Käufer sein. Offenbar hat Früh aber Bedingungen an seinen Verkauf geknüpft. Wie Stimmen aus dem Umfeld berichten, soll Pascal Kesseli, der knapp 10 Prozent an der Event AG besass, seine Aktien veräussern müssen.

Begrüssen Sie Frühs Verkauf?
Ja. Es ist gut, wenn es keine Grossaktionäre mehr gibt. Der Vorwurf, dass er im Hintergrund die Fäden ziehe, wäre endlich weg. Auch wenn er dies nie tat.

Fürchten Sie danach um Ihren Job als Präsident?
Nein. Es ist normal, dass die Aktionäre in einer AG über den Verwaltungsrat bestimmen. Ich werde mit den neuen Leuten gerne zusammenarbeiten. Mit wem sie aber zusammenarbeiten wollen, wird sich weisen.

Theoretisch könnte der Verwaltungsrat also ausgetauscht werden?
Ja, theoretisch könnte dieser ausgetauscht werden.

Die Jahresrechnung des Vereins verheisst nichts Gutes. Das Betriebsergebnis von FCO, Event AG und FC St.Gallen AG weist konsolidiert einen Verlust von 2,76 Millionen Franken aus, Rückstellungen von 2,57 Millionen Franken mussten aufgelöst werden. Vor allem FCO und FC St.Gallen AG weisen ein Minus aus. Am Montag werden auch diese Zahlen zur Sprache kommen.

Können Sie den Verlust erklären, der fast 2,8 Millionen Franken beträgt?
Wir haben im vergangenen Jahr bewusst 1,1 Millionen mehr in die erste Mannschaft investiert. Zudem sind noch Verträge am Laufen, die wir einhalten müssen. Jene mit Christian Stübi, Joe Zinnbauer, Daniel Tarone oder auch Simon Storm. Diese Kosten sind im Berichtsjahr voll ausgewiesen. Überdies war auch der sportliche Erfolg nicht da, die Zuschauerzahlen gingen zurück. Das ergab für die Event AG einen Verlust. Weiter hat es wegen Zahlungsausfällen bei Förderern Mehrausgaben von 200000 Franken bei FCO gegeben.

Die Event AG hat doch gut performt? Sie steckte ja immerhin fast sieben Millionen Franken in die erste Mannschaft.
Das darf man nicht so sehen. Die Event AG ist ein Dienstleister für die erste Mannschaft. Es gab dort nicht das Ergebnis, das wir uns erhofft hatten. Sonst hätte es das Minus nicht gegeben.

Wie begegnen Sie dem Minus?
Wir hinterfragen in allen drei Bereichen unsere Mittel, die wir zu Verfügung stellen. Wir wollen kosteneffizient sein. Es kann zu Sparmassnahmen kommen, zur Fokussierung unserer Mittel auf den sportlichen Bereich. Wir wollen die finanzielle Stabilität aber bewahren.

Man hört, es hätten sich Sponsoren zurückgezogen.
Das ist eine falsche Wahrnehmung. Wir haben momentan genau einen verloren. Wissen Sie, der FC St.Gallen hat über 400 Sponsoren, und täglich gewinnt er neue dazu. Wir haben nichts von unserer Attraktivität eingebüsst.

Es heisst, Sie seien bei den Sponsoren nicht so präsent.
Solche Aussagen nehme ich ernst. Dass in dieser kurzen Zeit nicht alle auf allen Ebenen gleich betreut werden konnten, sind wir uns bewusst. Hier müssen wir besser werden.

Weshalb kommen immer weniger Leute ins Stadion?
Das ist ein Phänomen, dem alle Teams der Super League begegnen. Wir versuchen mit der Liga Massnahmen zu setzen. Und mit dem Club wollen wir attraktiv sein, im Idealfall vielleicht den Cup gewinnen. Die Leute erwarten Erfolg, wenn wir diesen haben, werden sie auch wieder vermehrt ins Stadion kommen.


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