Haben Sie die Situation im Griff, Herr Präsident?

LEITARTIKEL ⋅ Christian Stübi hat den Bettel hingeworfen. Doch wie ist es dazu gekommen? Und was hat ein gewisser Spielerberater damit zu tun? - "Die Ostschweizer Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf zu erfahren, wer die Strippenzieher beim FC St.Gallen sind", schreibt unser Chefredaktor Stefan Schmid in seinem samstäglichen Leitartikel.
24. Juni 2017, 07:30
Stefan Schmid
Das Fussballbusiness ist kein Geschäft für zartbesaitete Menschen. Es geht um Männlichkeit, es geht um Sieg und Niederlage. Und es geht um viel Geld. Selbst in der Schweiz, wo sich in der obersten Liga nur gerade zehn Mannschaften tummeln, kann mit dem modernen Spieler- und Trainerhandel zünftig abkassiert werden. Um als Fussballer, Sportchef oder Coach an die Honigtöpfe dieser Profivereine heranzukommen, braucht es nebst sportlichem Können und Glück auch die richtigen Netzwerke. Man kennt sich und man schanzt sich gegenseitig schöne Posten zu. Oder eben nicht.

Wer beim FC Basel mit der Seilschaft um die beiden lokalen Aushängeschilder Marco Streller und Alexander Frei nicht klarkommt, hat nichts mehr zu bestellen. Ähnlich lief es andernorts, etwa in Bern bei den Young Boys, wo mit Fredy Bickel bis 2016 einst ein ebenso charismatischer wie umstrittener Sportchef die Fäden zog.

Postenschacher, Seilschaften, Männerfreundschaften: Das ist weder illegal noch unmoralisch. Dennoch sind Fans und Öffentlichkeit gut beraten, genau hinzuschauen, was bei ihrem Lieblingsverein vor und hinter den Kulissen vor sich geht, wer offiziell und inoffiziell das Sagen hat. So auch beim FC St.Gallen, der dieser Tage mit der Kündigung von Sportchef Christian Stübi Schlagzeilen macht. Dessen Abgang überrascht die Kenner der Szene nach der Änderung des Organigramms kaum mehr. Im Fussballbusiness ist der Sportchef der Vorgesetzte des Trainers. So ist es überall auf der Welt. Ausser in St.Gallen, wo der Ex- Präsident Dölf Früh, der auf Ratschläge von Spielerberater Donato Blasucci hören soll, mit einer letzten Amtshandlung Sportchef Stübi faktisch entmachtet und auf eine Stufe mit Trainer Giorgio Contini und Nachwuchschef Marco Otero gestellt hat. Zufall? Contini und Otero sind Kumpels von Blasucci. Könnte es sein, dass der unabhängig tickende Stübi hier gestört hat?

Dass ein Spielerberater versucht, seine Schäflein an die richtigen Stellen zu hieven, ist weder anrüchig noch aussergewöhnlich. So läuft das Business. Klar ist aber auch: Beratern geht es nicht primär um das Wohl eines Vereins, um dessen öffentliche Ausstrahlung und nachhaltige Zukunft. Warum auch? Sie stehen weder in der Verantwortung noch beziehen sie vom Klub direkt ein Gehalt. Je mehr Spieler und Trainer sie aber an gut bezahlte Stellen vermitteln, desto besser verdienen sie persönlich. Angesichts dieser offensichtlichen monetären Partikularinteressen sind Clubverantwortliche, die das grosse Ganze im Auge behalten müssen, stets gut beraten sicherzustellen, nicht in die Abhängigkeit eines einzelnen Vermittlers zu geraten. Steht hinter den Schlüsselfiguren eines Vereins stets dieselbe Person, funktionieren Kontrolle und Gewaltentrennung nicht mehr. Beim FC St.Gallen droht nach dem Abgang von Stübi exakt diese Situation. Zu viele Herren haben ihre Karrieren demselben Mann zu verdanken. Präsident Stefan Hernandez beteuert zwar gegenüber unserer Zeitung, er habe die Situation im Griff. Kein Berater habe entscheidenden Einfluss auf die Klubpolitik. Wenn er sich da nur nicht täuscht!

Die Ostschweizer Öffentlichkeit, die den FC St.Gallen liebt und mit Hunderttausenden von Franken unterstützt, hat ein Anrecht darauf zu erfahren, wer die Strippenzieher sind – auch jenseits offizieller Organigramme. Was aber auch klar ist: Seilschaften mögen mal sympathischer, mal unsympathischer sein. Damit müssen Fans und Öffentlichkeit leben. Entscheidend ist am Ende – das Fussballgeschäft ist simpel – der sport­liche Erfolg. Startet der FC St. Gal­len fulminant in die neue Saison und erreicht am Ende gar einen Europacup-Platz, dann kräht kein Hahn danach, wer nun mit wem wie verbandelt ist. Es spielt schlicht keine Rolle mehr. Trifft aber das Gegenteil ein, dann könnte es für die Führungsriege brenzlig werden. Wenigstens in dieser Hinsicht ist der Fussballsport ein ehrliches Business.

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