Frühlingsgefühle trotz vier Gegentoren: Weshalb der FC St.Gallen gegen YB so viel Freude machte

MITGESPIELT ⋅ Dank einer starken ersten Halbzeit gegen die Young Boys geht der FC St. Gallen selbstbewusst aus der 2:4-Niederlage. Am Ende sind die Batterien der Ostschweizer leer – und der Sieg des Meisteraspiranten verdient.
09. April 2018, 06:57
Ralf Streule

Ralf Streule

Eine flammende Rede habe es gegeben vor dem Spiel. Dies erklärten Mitglieder des St.Galler Gönnervereins «Dienstagsclub» kurz vor Anpfiff. Präsident Matthias Hüppi habe in den Hinterzimmern der Haupttribüne wieder einmal seine kommunikativen Künste bewiesen. Und vor allem eines betont: Die Begeisterung im und rund um den Club dürfe kein Strohfeuer sein und müsse auch bei allfälligen sportlichen Rückschlägen stabil bleiben.

Die gestrige Partie war wie geschaffen, um Hüppis Wunsch auf die Probe zu stellen. Eine am Ende diskussionslose Niederlage wurde es, ein 2:4 gegen Angstgegner Young Boys. Und dennoch war nach dem Spiel kaum einem St.Galler Zuschauer anzusehen, dass die Ostschweizer gerade verloren hatten. Das hatte vielleicht mit dem Frühlingstag zu tun. Vor allem aber mit der ersten Halbzeit, in der die St.Galler zwei Sachen bewiesen hatten: Sie lassen sich durch einen frühen Rückstand nicht entmutigen, und sie spielen selbstbewusst mit – auch gegen einen Gegner, der derzeit die ganze Liga narrt.

(Martin Oswald/Ralf Streule)

Starke Phasen vor einer Rekordkulisse

Die Berner, mittlerweile seit elf Spielen unbesiegt, brauchten einiges an Glück und einen Prellball, um in der 12. Minute durch Loris Benito in Führung zu gehen. Giorgio Contins Team liess sich davon nicht verunsichern, trug dem Ball weiter Sorge, hielt im Mittelfeld mit viel Aufwand auch physisch dagegen. Die Ostschweizer lockten die Berner aus der Deckung und lancierten die Stürmer Nassim Ben Khalifa und Roman Buess immer wieder steil.

In der 33. Minute schloss Peter Tschernegg einen schönen Angriff über Buess ab, in der 42. Minute war es Buess selbst, der eine Vorarbeit Ben Khalifas souverän ausnützte. In dieser Phase war die Mannschaft getragen von einer Euphorie im Stadion, wie es sie schon länger nicht mehr gegeben hatte. 17'572 Zuschauer waren gekommen, so viele wie seit über einem Jahr nicht mehr. Sie genossen eine in diesen Momenten hochstehende Partie.

  • Dejan Stojanovic: Note 4,5. Er hält mehrmals bravourös, ist bei den ersten Gegentoren ohne Abwehrchance. Beim Corner zum 2:4 aber etwas unsicher.
  • Silvan Hefti: Note 4,5. Er verteidigt meist solide. Hat aber nur in der ersten Halbzeit überzeugende Offensivaktionen.
  • Alain Wiss: Note 4,5. Er hält die Defensive zusammen, so gut es geht. Nach der Pause wird dies zusehends schwieriger.

Unsere Sportredaktion bewertet nach jedem Spiel die Leistung der eingesetzten Spieler. Die Noten reichen von 1 - Totalausfall, 2 - Schwachpunkt, 3 - Mitläufer, 4 - Normalform, 5 – Leistungsträger bis 6 - Matchwinner. (Bilder: pd)

Sulejmanis «Penalty» aus 17 Metern

Der Knackpunkt, so formulierte es Contini, folgte ebenfalls in dieser Phase. Ein Freistoss, den die St.Galler mit geschickterer Defensivarbeit hätten verhindern können, brachte das 2:2. Der Berner Mann des Spiels, Miralem Sulejmani, versenkte den Ball, Sekunden vor der Pause. «Wenn er aus so kurzer Distanz antritt, kommt das einem Penalty gleich», sagte Contini später. Und sein gegenüber Adi Hütter gestand: «Ich spürte, dass jener Moment dem Spiel eine Wendung geben würde. Ich war sehr ruhig in der Pause.»
 

(Martin Oswald/Ralf Streule)

Seine Spieler zeigten danach jene Wucht, die sie durch die Saison und wohl bald zum Meistertitel trägt. Die Ostschweizer hingegen schienen platt, das Starttempo hinterliess Spuren. Dass sie auf zwei weitere Gegentore nicht mehr würden reagieren können, war schnell spürbar. Gefahr aus St.Galler Sicht brachte nur mehr ein Distanzversuch von Ben Khalifa – ansonsten waren die Berner fürs Angreifen zuständig. «Mit physischer Präsenz kommt auch die Klasse zurück», so sagte Hütter später.

Zwei Niederlagen in Folge nach einer Siegesserie – man müsse nun wohl bald wieder von «Krise» sprechen, sagte Contini nach der Medienkonferenz. Natürlich meinte er es sarkastisch. Auch er weiss: Die Art der Niederlagen war alles andere als bedrohlich. Weiter steht sein Team auf dem dritten Rang, weiter winkt die Europa-League. Und der Höhenflug wirkt nicht wie ein Strohfeuer. Hüppi wird’s zufrieden zur Kenntnis nehmen.

(Martin Oswald/Ralf Streule)



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