Facetten eines Sieges

BUHLENDE BASLER ⋅ Das 4:1 gegen die Grasshoppers hallt nach, auch weil es nach dem Spiel so viele Geschichten schreibt. Der Zuspruch für Mannschaft und Trainer steigt, doch wie geht es in der Causa Albian Ajeti weiter?
23. Mai 2017, 11:40
Christian Brägger

Christian Brägger

Vier Spiele, neun Punkte. Darunter dieses famose 4:1 vom Sonntag gegen die Grasshoppers, das den FC St.Gallen ins sichere Mittelfeld hievte. Naheliegend, dass nun jene Gedankenspiele Blüte treiben, was geschehen wäre, wenn Trainer Giorgio Contini das Ruder früher übernommen hätte. Und ob der Club hier nicht auch Geld verloren hat, weil er sich letztlich selbst der Möglichkeit beraubte, nächste Saison international zu spielen.

Im Nachgang des Sieges gegen den Rekordmeister gab es jedenfalls nennenswerte Anekdoten. Da war das neue «Wir­gefühl», das gerade formidabel gedeiht. Da war Silvan Hefti, der eigentlich gelernter Innenverteidiger ist und als solcher brillierte. Da war Alain Wiss, der zeigte, warum man ihm einen neuen Kontrakt geben sollte. Da war so vieles. Dass gerade Lucas Cueto und Mohamed Gouaida keine Faktoren mehr sind – die beiden hatten unter Joe Zinnbauer einen guten Stellenwert – ist ebenfalls eine Erkenntnis unter dem neuen Coach. Zudem wird Martin Angha wohl alsbald das Weite nach Zürich suchen, gegen GC stand der ehemalige Captain nicht einmal mehr im Aufgebot. Nach dem Spiel wirkte der neben dem Rasen eher scheue Zürcher in den Katakomben verloren, als ob er jetzt schon nicht mehr dazugehörte.

Bei Ajeti ist alles offen – soll sich St.Gallen wehren?

Neu dazugehört der frischgebackene Präsident Stefan Hernandez, er klatschte die Spieler, die nach dem Bad in der Menge jauchzend zur Kabine schritten, im Stile des alten Regenten Dölf Früh ab. Toko nahm in diesen ­Minuten seine Rolle als Leader wahr. Er brachte Charles Pickel «ein wenig Anstand bei», wie der Captain es nannte. Weil «der junge Hopper» sich zuvor nicht korrekt verhalten hatte. Und irgendwann wurde in diesem Gewusel von strahlenden Spielern der Fokus auf Albian Ajeti gelenkt – wie konnte es anders sein bei den Gerüchten um Basel. Der Stürmer sagte: «Sie sind eine Belohnung für die harte Arbeit und die gute Zeit in St.Gallen. Mit mir und dem Club, das klappt einfach. Um jedoch mehr zu erfahren, muss man meine Berater fragen.» Seine Berater sind Erdin Shaqiri und Arber Sakiri, die bisweilen unterschätzt werden. Denn in der Schweiz sind sie eine grosse Nummer, vertreten unter anderen Breel Embolo und wickeln somit Transfers von ungleich grösseren Volumen ab. Und sie kommen aus einem Basler Zirkel. Von ihrer Seite war bis anhin nichts zu erfahren, dafür schob Ajeti nach: «Alle Optionen sind offen, sogar das Ausland. Wer mich kennt, der weiss, dass ich die Qualitäten habe, um überall Stammspieler zu werden. Letztlich muss ich für mich und meine Karriere schauen, also für den nächsten, besten Schritt. Aber jetzt bin ich beim FC St.Gallen, ich fühle mich hier extrem wohl und kann mir genauso gut vorstellen, zu bleiben. Schauen wir, was wird, alles ist offen.»

Also musste in der Stunde des Triumphs Sportchef Christian Stübi zum Fall Stellung nehmen. Er sagte: «Wir haben ja das Interesse des FC Basel bestätigt. Ajeti hat einen laufenden Vertrag bis 2021. Dass unsere Spieler begehrt sind, zeigt doch auch, dass ich nicht alles schlecht gemacht habe. Ich selbst hätte schon gerne, dass Ajeti hier bleibt. Aber ich kann das nur mit dem Trainer gemeinsam entscheiden.»

Als am Ende eines langen Sonntagnachmittags auch der Coach auf den möglichen Weggang angesprochen wurde, sagte dieser: «Er ist ein attraktiver Spieler und damit interessant für den Markt. Ich rechne fest mit ihm und hoffe, dass er bleibt. Sonst würde ich ihn jetzt nicht mehr einsetzen.» Schliesslich wurde auch noch Ferruccio Vanin, der neue CEO der FC St.Gallen AG, der laut Organigramm mit Trainer, Sportchef und Marco Otero hier Entscheidungsträger ist, gestern mit der Angelegenheit konfrontiert. «Wir stecken mitten in der Entscheidungsfindung, müssen das Sportliche und Wirtschaftliche abwägen. Dieser Prozess findet in unserem Team statt.» Wer den Stichentscheid beim Status quo von 2:2-Stimmen hätte, konnte Vanin nicht sagen. So manifestiert sich bereits beim ersten «Problemfall», wie schwierig, ja nahezu unmöglich es ist, das Organigramm zu leben.

Nur so viel: Zum Spieler Ajeti gäbe es auch eine andere Haltung. Und zwar jene, dass St.Gallen in der Causa Stärke beweisen sollte. Ihn selbst grossmachen, mit ihm den nächsten Schritt anstreben könnte. Muss man nachgeben, wenn Basel ruft? Wo bleibt ligaweit das Konkurrenzdenken?


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