FCSG-Sportchef Alain Sutter: "Wir stehen nicht von ungefähr auf dem dritten Tabellenrang"

KALTSTART GEGLÜCKT - EINE ERSTE BILANZ ⋅ Nach einem Vierteljahr im Amt des Sportchefs zieht Alain Sutter eine erste Bilanz. Seine Überzeugung, wie eine Mannschaft aussehen muss, habe sich weiter akzentuiert, sagt er: "Es geht in einem Spiel um weit mehr als drei Punkte."
07. April 2018, 13:27
Interview: Ralf Streule
Alain Sutter, die Young Boys stehen vor dem ersten Meistertitel seit 1986. Für Sie als Berner ebenfalls eine emotionale Sache?
Nein, da bin ich generell wenig lokal-patriotisch veranlagt. Meine Verwandtschaft lebt in Bern, ich bin dort aufgewachsen, ja. Aber ich war nie der Typ für starke emotionale Bindungen zu Fussballclubs im Sinne des Fanseins. Ich habe in meinem Leben schon an so vielen Orten gelebt, meine Zeit in Bern ist lange her.

Vielleicht fiebert aber Ihr Bruder René intensiv mit, der lange bei den Young Boys unter Vertrag war?
So wie ich meinen Bruder kenne: Eher nein. (lacht)

Auch Sie spielten einst bei den Young Boys, als Sie 1987 als 19-Jähriger für eine Saison von den Grasshoppers ausgeliehen wurden.
Was ich noch weiss: Es war nicht ein sehr erfolgreiches Jahr. (Dritter Platz hinter Xamax und den Grasshoppers, Alain Sutter traf fünf Mal, die Red.)

Weshalb hatten Sie zuvor als 17-Jähriger nicht den Schritt zu den Young Boys, sondern zu GC gemacht?
Ganz einfach: Weil die Grasshoppers damals die einzigen waren, die mich haben wollten. Die Young Boys hatten meinen Bruder geholt und mir mitgeteilt, dass es für mich noch etwas zu früh sei.

Aber vom aktuellen BSC Young Boys dürften Sie angetan sein.
Es ist das aktuell beste Team der Schweiz, es ist physisch und taktisch hervorragend unterwegs. Für uns wird es eine Freude sein, die Mannschaft am Sonntag zu empfangen. Das Wetter spielt mit, der Rasen ist in hervorragendem Zustand, die Zuschauerzahl dürfte hoch sein. Ich freue mich.

Bei den Young Boys wird Sportchef Christoph Spycher immer wieder für seine Arbeit gelobt. Ist er einer, bei dem Sie in Ihrer ersten Zeit als Sportchef den Kontakt suchten, um sich auszutauschen?
Nein, bisher gab es da kaum Kontakt.

War jemand anderes so etwas wie ein Mentor für Sie bei Ihren ersten Schritten im Sportchef-Business?
Nein, ich bin ja nicht mehr 20 (lacht). Das Netzwerk aktiviert sich von allein, wenn du so lange im Fussball dabei bist. Da brauchte es nicht so viele Anstrengungen. Viele Leute laufen mir über den Weg, die ich von früher kenne. Aber ich bin ja früher schon meinen eigenen Weg gegangen, habe mich nicht allzu stark an anderen orientiert. Man kann mal andere um Rat fragen, um eigene Ansichten zu reflektieren. Aber grundsätzlich orientiere ich mich lieber an mir selbst.

Ein Sportchef braucht ein Konzept, was die Ausrichtung des Teams anbelangt. Hat sich dieses geändert seit dem Antritt Anfang Jahr?
Die Überzeugungen sind dieselben geblieben, sind sogar noch stärker geworden. Es geht in einem Spiel um weit mehr als drei Punkte. Fussball soll Unterhaltung sein, so stelle ich mir die Darbietungen des FC St.Gallen vor: Viel Leidenschaft, viel Begeisterung, viel Leben. Wenn es uns gelingt, diese Mentalität herzustellen, werden die Resultate auch nicht allzu schlecht sein.

Sind Sie diesbezüglich zufrieden mit den bisherigen Darbietungen?
Es gab Phasen, die nahe am Ideal waren. Und andere Phasen, in denen man weit weg davon war. Es ist ein Prozess.

Was gibt es bezüglich Kaderplanung zu sagen? Zum Beispiel läuft der Vertrag von Toko aus.
Da gebe ich keine Wasserstandsmeldungen ab. Es gehört sich, die Gespräche mit Spielern abzuschliessen und dann an die Öffentlichkeit zu gehen.

Gibt es aber Handlungsbedarf auf gewissen Positionen? Zum Beispiel im offensiven Mittelfeld, wo sich Yannis Tafer und Danijel Aleksic nie ganz etablieren konnten?
Auch hier gibt es nichts zu sagen. Vieles hängt davon ab, wie verschiedene Verhandlungen laufen. Beides sind technisch hervorragende Spieler, ich plane grundsätzlich gerne mit den beiden.

Dann sind da die Leihspieler Gunnar Sigurjonsson und Cedric Itten.
Die haben ihren Job sehr gut gemacht, waren eine Bereicherung. Da ist logisch: Ich werde alles versuchen, sie zu halten. Grundsätzlich sehe ich ein sehr gutes, ausgeglichenes Kader. Qualität, Altersdurchmischung, Mix der Spielertypen, alles stimmt. Wir stehen nicht von ungefähr auf dem dritten Platz. Da gibt’s wenig Handlungsbedarf, sondern eher den Bedarf, vieles zusammenzuhalten.

Ist man von der Qualität her die drittbeste Mannschaft der Schweiz?
Das kann man so wohl nicht sagen. Zumindest können wir nicht behaupten, wir stünden weit vor den hinter uns klassierten. Wir sehen ja, wie eng es in der Liga zu und her geht. Wir müssen schon an unsere Grenzen gehen und das Potenzial abrufen, sonst werden wir schnell auch mal durchgereicht.

Der Trainer stellt das Team auf, der Sportchef ist fürs Langfristige zuständig. Diese Arbeitsteilung funktioniert in vielen Clubs erfahrungsgemäss nicht immer reibungslos. Wie läuft das bei Ihnen und Giorgio Contini?
Wir sind im normalen Austausch. Ich sage ihm meine Meinung zu einem Spiel, wenn er sie hören will. Aber er ist ganz klar für die Aufstellungen zuständig. Es wird nie passieren, dass ein Spieler wegen mir aufgestellt wird. Unsere Zusammenarbeit funktioniert gut. Ich hatte ohnehin in meinem Leben selten Probleme mit Menschen – auch wenn man nicht zwingend immer gleicher Meinung ist.

Auffallend war zuletzt, mit welcher Deutlichkeit Contini den Entscheid der Führung öffentlich kritisierte, Physio Simon Storm zurückzuholen. Störte Sie das?
Jeder darf sagen, was er will. Man muss sich aber immer im Klaren sein, was man damit auslöst in einem Unternehmen, das in der Öffentlichkeit steht. Ich habe aber null Probleme damit.

Auffallend ist, wie viele Talente zuletzt den Schritt ins Kader geschafft haben. Hat das mit Ihrem Einfluss zu tun?
Nein, überhaupt nicht. Das hat mit der guten Arbeit zu tun, die im Nachwuchs geleistet wurde. Die derzeitige Häufung wird nicht der langfristige Standard sein. Wir können nicht alle sechs Monate vier Junge hochnehmen. Wenn das funktionieren würde, käme die ganze Welt zu uns, um zu schauen, wie wir das machen. Für mich ist es zentral, dass ich nahe beim Nachwuchs bin. Ich habe ja von Beginn weg gesagt, dass ich die Verantwortung auch für den Nachwuchs übernehmen will. Wir wollen hier die Türe stets offen haben nach oben in die erste Mannschaft. Und so Identität schaffen.
 

Continis Rezept gegen YB: "Selber Fussball spielen"

Mit der Partie gegen die Young Boys von morgen, 16 Uhr, beginnt für den FC St.Gallen das letzte Saisonviertel. Für die Ostschweizer geht es darum, wichtige Punkte im Kampf um den dritten Platz zu sichern. Vor den Qualitäten des Meisteraspiranten ist Contini natürlich gewarnt. «Die Young Boys strotzen vor Selbstvertrauen, die physischen Qualitäten und die Abgeklärtheit sind enorm.» Dagegenhalten wollen die St.Galler mit «viel Organisation und Antizipation» und, indem man selber versuche, konstruktiven Fussball zu spielen. «Wir haben nichts zu verlieren und viel zu gewinnen», sagt Contini. Auf Seiten der Ostschweizer gibt es jedoch sehr viele Abwesende. Gunnar Sigurjonsson fehlt gelbgesperrt. Die Verletzungsliste ist zudem lang. Neben Miro Muheim, Tranquillo Barnetta, Philippe Koch und Jasper van der Werff ist auch Nicolas Lüchinger von einer Verletzung betroffen. Der Aussenverteidiger wurde gestern am linken Knie operiert und wird den Rest der Saison verpassen. (rst)
 

Hinweis:
Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker auf www.tagblatt.ch

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