Erlösung nach 157 Monaten

FC ST. GALLEN ⋅ Nach elf unbefriedigenden Auftritten gegen Vaduz gewinnen die Ostschweizer am Samstag 2:0 und damit erstmals in der Super League gegen die Liechtensteiner. Unter den Torschützen: Tranquillo Barnetta.
14. Mai 2017, 22:08
Christian Brägger
Das Spiel hatte die Eltern Andrea und «Willo» Nerven gekostet. Doch nun endlich, in der 78. Minute, da durften sie es tun: Ihre Freude in die Nacht hinausschreien und auf ihren Sitzplätzen der Haupttribüne bis über alle Ohren strahlen. Unten auf dem Rasen, da jubelte ihr Sohn Tranquillo Barnetta mit dem Team über seinen verwerteten Penalty. Mit ihnen die meisten der knapp 12 500 Zuschauer im Kybunpark, die soeben Zeitzeuge zweier historischer Ereignisse geworden waren. Endlich würde St. Gallen gegen Vaduz nach elf erfolglosen Versuchen in der Super League den Bann brechen. Und endlich hatte «ihr» Urgestein für «ihren» FC St. Gallen wieder getroffen, im 13. Spiel seit der Rückkehr, nach all den Jahren in der Fremde. Danach wechselte St. Gallens Trainer Giorgio Contini den Torschützen aus, der am Ende der Kräfte war.
  • Karim Haggui: Note 6. Wenn ein Verteidiger ein Tor erzielt, das zweite indirekt ebenfalls und hinten die Null steht, dann ist er der Matchwinner. Dann fällt es auch nicht ins Gewicht, dass der Routinier zu Beginn ein paar Fehlpässe produzierte.
  • Albian Ajeti: Note 3. Findet nie die Bindung zum Spiel, ein Schuss ans Aussennetz sind für die Sturmhoffnung definitiv zu wenig. Zudem oft zu eigensinnig, vergisst manchmal, dass neben ihm auch besser postierte Spieler stehen.
  • Danijel Aleksic: Note 4. Technik muss ihn niemand lehren. Zudem zeigt sich der Serbe einsatzfreudig und scheint seine neue Chance unter Contini nutzen zu wollen. Seine Freistösse sind aber leider nicht mehr jene früherer Tage, respektive Monate, respektive Jahre.

Unsere Sportredaktion bewertet nach jedem Spiel die Leistung der eingesetzten Spieler. Die Noten reichen von 1 - Totalausfall, 2 - Schwachpunkt, 3 - Mitläufer, 4 - Normalform, 5 – Leistungsträger bis 6 - Matchwinner. (Bilder: PD)


 

Von der Lust  zur Last

Es schien beinahe wie verhext, so, als ob Barnetta dieser Treffer nie mehr gelingen würde. Als ob die Lust, ihn zu erzielen, zu einer Last würde, gar zu einer Verkrampfung führte. Über 13 Jahre oder fast 157 Monate mussten die Anhänger auf diesen einen Moment warten. Die meisten erinnerten sich wohl nicht mehr an sein letztes Erfolgserlebnis für die Ostschweizer im April des Jahres 2004. Damals, im Letzigrund, gegen den FC Zürich.

Nach dem Schlusspfiff wollte Barnetta die Bedeutung seines Treffers nicht überhöhen. «Ich erziele ja nicht 15 oder 20 Tore in der Saison. Von daher war es mehr von aussen ein Thema, wann ich erstmals treffe.» Das Wichtigste sei der Sieg, sagte er. «Die Erleichterung ist gross, dass wir die Negativserie beenden konnten.» Deswegen und nicht wegen meines Tores sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen. 

Dabei war es doch gerade auch der offensive Mittelfeldspieler gewesen, der nach gutem Auftakt in die Rückrunde unter Trainer Joe Zinnbauer leistungsmässig zusehends abbaute. Über den man sich langsam begann zu fragen, wie gut er tatsächlich mit seinen fast 32 Jahren noch sein kann. Und für den Zinnbauer schliesslich im Spiel gegen die Young Boys lediglich noch für zwei Minuten Verwendung fand – in der Woche darauf wurde der Coach freigestellt. 
  • Der St.Galler Sejad Salihovic, oben, gegen den Liechtensteiner Philipp Muntwiler.
  • Die St.Galler Torschützen Karim Haggui, links, und Tranquillo Barnetta feiern den 2:0-Sieg.
  • Der St.Galler Danijel Aleksic bejubelt den Treffer zum 1:0 von Karim Haggui.

Der FCSG gewinnt gegen den FC Vaduz mit 2:0. Es ist der zweite Sieg unter Giorgio Contini. Torschützen waren Karim Haggui und Tranquillo Barnetta. (Bilder: Benjamin Manser)

Unter Contini, dem neuen Chef an der Seitenlinie, scheint sich nun nicht nur Barnetta, sondern die ganze Mannschaft zu stabilisieren. Zwei Partien ohne Gegentor und mit sechs Punkten, dazu der erste Heimsieg nach zuletzt einem Zähler aus fünf Heimauftritten sowie das wiedergefundene Glück zeugen davon. Damit aber nicht genug, zumal auch Barnetta sagte, was gegen Vaduz alle im Stadion gesehen hatten: «Der FC St. Gallen war eine Einheit. Jeder ging für den anderen, selbst wenn nicht alles funktioniert hat. Wir wollten unbedingt.» Vergleichen wollte Barnetta die beiden Coaches, die unterschiedlicher nicht sein könnten, jedoch nicht. «Natürlich geht bei einem Trainerwechsel ein Ruck durch die Mannschaft. Doch so viel kann der neue Mann in der kurzen Zeit auch nicht bewirken.» Es gehe letztlich um Nuancen, die anders seien. Vier Spiele hat der FC St. Gallen noch zu absolvieren, bereits morgen tritt er auswärts ab 19.45 Uhr in Lugano an. Und auch weil es nur kleine Zeichen des Fortschritts sind, die Barnetta festmachte, ist Euphorie fehl am Platz. «Aber solche Erfolge wie gegen Lausanne und Vaduz helfen natürlich, dass unsere Sicherheit grösser wird. Es darf bis zum Ende der Saison ruhig so weitergehen.» Vorsichtiger Optimismus ist durchaus angebracht.

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