Der verlorene Klassiker

FCSG-GC ⋅ Der FC St.Gallen gegen den Rekordmeister des Landes: Was einst für die Ostschweizer das Heimspiel der Heimspiele war, ist morgen höchstens Ligaalltag. Schade eigentlich, wie der Blick in die Geschichte zeigt.
20. Mai 2017, 11:47
Christian Brägger

Christian Brägger

Ein Kehrausspiel, mehr nicht. Wenn heute die Grasshoppers ab 13.45 Uhr im Kybunpark gegen St. Gallen antreten, laufen die Emotionen auf Sparflamme. Es geht um fast nichts mehr. Ohnehin hat die Affiche an Brisanz verloren, weil der Glanz des Rekordmeisters am Vergilben ist. Mit Wehmut blickt der Nostalgiker zurück auf die Zeiten, als alles anders, natürlich besser war. Als der Ostschweizer sich noch wie ein kleiner Bub freute, wenn der Lieblingsfeind aus der grossen Stadt seine Aufwartung machte. Und mit ihm alle seine Reizfiguren wie Heinz Hermann, Alain Sutter, Alexandre Comisetti (er zeigte dem St. Galler Publikum einst den Stinkefinger), Andy Egli, Johann Vogel, Roman Bürki (wegen der roten Karte für Kristian Nushi), Pascal Zuberbühler, Kubilay Türkyilmaz. Oder die Yakins.

Gegen die Grasshoppers, das waren die Spiele der Saison, besser ging nicht – das sagen zumindest die Erinnerungen aus der Kindheit. Hier der bescheidene Club des einfachen Volkes, der den internationalen Wettbewerb mehr oder weniger nur vom Hörensagen kannte. Dort die arroganten, noblen Zürcher mit ih­rer unsäglichen «Züri-Schnurre», diese Snobs mit dem Hang zur Selbstüberschätzung, denen man unbedingt ans Bein pinkeln wollte. Und denen man schon aus der Ferne aus voller Kehle zurief: «GC, GC, die ... vom See!» Eigentlich war es wie in der Bibel: David gegen Goliath. Und vermutlich war es auch dies: ein wenig bis sehr viel Neid gegenüber dem so erfolgreichen Club aus Zürich. Lassen wir die alten Zeiten nochmals aufleben!

26. Mai 2001, 14. Runde: Die Mutter aller Niederlagen

Das 14. und letzte Spiel der Finalrunde in der Saison 2000/2001 war in jeder Hinsicht einmalig, sogar historisch. Die mit dem Meistertitel grösstmögliche Ernte der Liga lag für beide Teams parat, für den FC St. Gallen und seinen Trainer Marcel Koller wäre es die Wiederholung des sensationellen Triumphs der Vorsaison gewesen. Voraussetzung dafür war ein Sieg gegen den Leader aus Zürich und die gleichzeitige Niederlage des dritten Titelkandidaten Lugano in Sitten – was auch eintraf. Doch in dem aus allen Nähten platzenden Espenmoos lief es nicht nach Wunsch, St. Gallen verlor 0:4. Und versank im Tränenmeer. Auf der anderen Seite Freudentränen, GC feierte den zweitletzten seiner 27 Meistertitel. Das Ende der stolzen Heimserie von 35 Spielen ohne Niederlage war ­wegen der Übermacht des kongenialen Sturmduos Stéphane Chapuisat und Christian Núñez verdient. Dennoch war der Sündenbock in der Person von Schiedsrichter Urs Meier schnell gefunden: Núñez’ Führungstreffer nach 80 Sekunden ging ein Foul von Chapuisat an Daniel Imhof voraus. Und jeder wusste: Es wäre sonst mit Bestimmtheit anders gekommen. Ganz anders.

 

St. Gallen – GC 0:4 (0:2)

Espenmoos – 11 300 Zuschauer (ausverkauft) – Sr. Meier.

Tore: 2. Núñez 0:1. 45. Núñez 0:2. 68. Núñez 0:3. 84. Chapuisat 0:4.

St. Gallen: Stiel; Zellweger, Zwyssig, Imhof, Dal Santo (61. Colacino); Winkler, Jairo, Guido (85. Berger), Nixon; Jefferson (55. Stefanovic), Gane.

GC: Jehle; Haas, Hodel, Smiljanic, Berner; Diop, Tararache; Camara (72. Gerber), Cabanas (13. Ippoliti), Núñez; Chapuisat (87. Petric).

Bemerkungen: St. Gallen ohne Müller (gesperrt), Walker, Pinelli und Eugster (alle verletzt); Ersatztorhüter Alder (Wechsel als Profi nach Costa Rica) verabschiedet. GC ohne Denicola (verletzt). – Verwarnungen: 37. Ippoliti (Foul), 53. Stiel (Reklamieren), 54. Guido (Foul), 71. Colacino und Hodel (beide Foul), 76. Winkler (Reklamieren). – Nationalliga-Präsident Kurz übergibt nach Spielschluss Meisterpokal an GC.

7. Mai 1985, 23. Runde: Foppen in der Schule

Trainerlegende Helmuth Johannsen stand an der Seitenlinie der St. Galler, die mit ihm bereits zwei Jahre zuvor die Grasshoppers mit einer 5:1-Packung nach Hause geschickt hatten. Und jetzt, an diesem Dienstag, in dieser 23. Runde, sollte es noch schlimmer kommen. Aber erst nach dem Wolkenbruch, der sich in der ersten Halbzeit über den Platz ergoss. Wie 1983 spielten in diesem zweiten Durchgang mit Manfred Braschler, Paul Friberg und Martin Gisinger dieselben FCSG-Legenden die Hauptrollen. Dabei waren es doch die Grasshoppers gewesen, die mit einem unglaublichen Starensemble angerückt waren und deren Spieler auch in der Nationalmannschaft Furore machten. Aus der Erinnerung lässt sich sagen: Dieser 6:1-Stachel sass so tief, dass sich die Kinder in den GC-Leibchen, und von denen gab es ­einige, am nächsten Tag kaum in die Schule getrauten.

 

St. Gallen – GC 6:1 (1:0)

Espenmoos – 9000 Zuschauer – Sr. Mercier (Pully).

Tore: 17. Braschler 1:0. 58. Friberg 2:0. 70. Matthey 2:1. 76. Friberg 3:1. 83. Ritter (Foulpenalty/Foul an Gisinger) 4:1. 86. Gisinger 5:1. 91. Zwicker 6:1.

St. Gallen: Huwyler; Jurkemik; Alex Germann, Urban; Gisinger, Gross, Ritter, Signer; Friberg, Zwicker, Braschler.

GC: Brunner; Wehrli; In-Albon, Rueda, Schällibaum (67. Müller); Koller, Ponte, Jara, Hermann; Matthey, Sulser.

Bemerkungen: St. Gallen begann ohne Peter Germann (taktische Massnahme, nur zwei Verteidiger), Fimian (WK) und Rietmann (erstmals wieder auf der Bank), aber alle im Aufgebot als Auswechselspieler. – Wolkenbruchartiger Regen während der ersten Halbzeit. – Verwarnungen: 55. Gisinger (Foul an Hermann), 73. In-Albon (Foul an Zwicker).

12. November 1967, Cup-16tel-Final: Als man sich noch lieb hatte

Die Anmerkungen zum Cup-Telegramm ­lesen sich wie ein Bericht über zwei Freundschaftsvereine: «Gutes Wetter, fettiger, ziemlich unebener Boden. 3500 zusätzliche Stehplätze auf Gerüsten provisorisch aufgebaut, mit rund 12 000 Zuschauern Platzrekord im Espenmoos (bisher 9200 gegen La Chaux-de-Fonds, ebenfalls im Cup). Die St. Galler in der gegenwärtig besten Besetzung, GC ohne die verletzten Rüegg und Bernasconi. Berset ab 57. angeschlagen am linken Flügel, Toni Allemann ging nach hinten. Erstmals ­findet aus dem Espenmoos eine Fernsehübertragung statt. Seitens der St. Galler Clubleitung wurde an der Presseorientierung die sehr entgegenkommende Haltung von GC hervorgehoben (Beitrag an die Installationskosten für die zusätzliche Tribüne). Es war ein Duell zwischen NLB- und NLA-Leader! Weitere Geschichten am Rand des Spiels beachtenswert, z. B. wird der Verlierer zum Essen eingeladen.»

 

St. Gallen – GC 2:1 (0:1)

Espenmoos – 12 000 Zuschauer – Sr. Droz (Marin). Tore: 7. Grahn 0:1. 53. Dolmen 1:1. 74. Renner 2:1.

St. Gallen: Nussbaumer; Brodmann; Kieber, Bauer, Ziehmann; Dolmen, Schwager (44. Mogg), Grünig; Schüwig, Renner, Meier.

GC: Deck; Ingold; Fuhrer, Citherlet, Berset; Grahn, Aerni, Willy Allemann; Toni Allemann, Blättler, Staudenmann.

26. September 2007, 10. Runde: Murat Yakin und die Bratwurst

In die Abstiegssaison startete St. Gallen miserabel mit fünf Niederlagen in Folge, alles begann in Zürich mit Boris Smil­janics fataler Intervention gegen Alex ­Tachie-Mensah zum Super-League-Auftakt. Aber nach diesem 5:3-Heimsieg, nach diesem Schützenfest am Krisengipfel der 10. Runde, kehrte wenigstens das gute Gefühl kurzzeitig zurück. Zudem gab der FC St. Gallen für einen Tag die rote Laterne an GC ab, das sich erstmals seit über 50 Jahren am Ende der Tabelle wiederfand. Zumindest für 24 Stunden, weil Thun tags darauf verlor und übernahm. Jedenfalls war zu jener Zeit ein gewisser Murat Yakin in den Lehrjahren als Trainer und assistierte Hanspeter ­Latour beim Rekordmeister. Die Nieder­lage ging dem älteren der Yakin-Brüder kaum nah, genoss er doch danach in ­aller Seelenruhe am Stand neben der Haupttribüne eine Bratwurst. Seine Gelassenheit imponierte; erst später wurde öffentlich, was sich da bereits abgezeichnet hatte. Latour und Yakin harmonierten nicht, ihre Wege trennten sich bald.

 

St. Gallen – GC 5:3 (2:2)

Espenmoos – 8500 Zuschauer – Sr. Wermelinger.

Tore: 15. Dos Santos 0:1. 20. Aguirre 1:1. 26. Longo 2:1. 38. Dos Santos 2:2. 54. Marazzi 3:2. 60. Gjasula (Foulpenalty) 4:2. 67. Smiljanic 4:3. 84. Gjasula 5:3.

St. Gallen: Razzetti; Zellweger, Koubsky, Longo (86. Muntwiler), Fernando; Mendez, Gjasula, Gelabert, Marazzi (64. Ciccone); Aguirre, Fernandez (72. Ural).

GC: Jakupovic; Rolf Feltscher (65. Rinaldo), Vallori, Smiljanic, Mikari; Voser, Renggli, Salatic, Dos Santos; Bobadilla (90. Blumer), Zarate.

Bemerkungen: St. Gallen ohne Garat (gesperrt), Callà (im Aufbautraining), Alex, Haas (beide verletzt), GC ohne Cabanas, Sutter, Touré, Colina (alle verletzt). – Verwarnungen: 38. Gjasula (Reklamieren), 39. Bobadilla, 47. Fernando, 60. Mikari, 77. Ural (alle Foul).

 

Man mag es als Kitsch abtun – aber in alten Zeiten zu schwelgen ist doch immer wieder vergnüglich. Auf ein Neues!

 

Mitarbeit: Beat Haueter


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