Der Sportchef muss in Ruhe arbeiten können

ANALYSE ZUR SAISON DES FCSG ⋅ "Wahrscheinlich wäre mehr möglich gewesen, hätten sich die Verantwortlichen früher zu einem Trainerwechsel durchgerungen", schreibt Sportchefin Patricia Loher in ihrem Kommentar zur Saison des FC St.Gallen.
03. Juni 2017, 11:34

Ein Trainerwechsel, der Rücktritt des Präsidenten und ein neues Organigramm, das Fragen aufwirft:Der FC St.Gallen hat wenige Wochen vor dem Saisonende einen Neuanfang vollzogen. Sportlich kamen die Ostschweizer wieder einmal mit einem blauen Auge davon. Wahrscheinlich wäre für diese Mannschaft mehr möglich gewesen, hätten sich die Verantwortlichen früher zu einem Trainerwechsel durchgerungen. Vielleicht hätten die St.Galler dann gar noch profitieren können von den Krisen in Luzern und Sitten – so, wie es der FC Lugano tat.

Es wäre für Präsident Dölf Früh, der sein Amt nach sechseinhalb Jahren aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste, ein schöner Abschluss gewesen. Der 65-Jährige hätte dann sowohl in finanzieller als auch sportlicher Hinsicht auf einem Höhepunkt abtreten können. Nun aber muss konstatiert werden: Der FC St.Gallen hat eine Chance verpasst. Er ist in der Ära nach Jeff Saibene unter Joe Zinnbauer nicht weitergekommen. Erst nach dem Trainerwechsel zu Giorgio Contini trat die Mannschaft wieder lustvoller auf.

St.Gallen verfügt über eine gute Basis. Diese Mannschaft ist zweifellos nicht schwächer als Lugano, das sich für die Europa League qualifiziert hat. Auch wenn St.Gallen Albian Ajeti verliert, hat dieses Team das Zeug, um den Funken wieder überspringen zu lassen. Zudem gibt es Luft nach oben: Tranquillo Barnetta, der die Rückrunde so gut begonnen hatte, kann mehr, als er zuletzt gezeigt hat. Auch Danijel Aleksic ist noch immer ein Hoffnungsträger. Sejad Salihovic hat vor seiner Verletzung angedeutet, wie wertvoll er sein kann. Und mit Alain Wiss bekam ein für St.Galler Verhältnisse überdurchschnittlicher Fussballer unter Contini wieder eine Chance. Entscheidend wird jedoch sein, wie Ajetis Abgang kompensiert wird. Trotz des 20-jährigen Ausnahmetalents war im Abschluss kein Team schwächer als St.Gallen.

Natürlich geht der Zinnbauer-Vertrag bis Sommer 2018 zu Lasten von Präsident Früh und Sportchef Christian Stübi. Es war ein zu langfristiger Kontrakt für einen Trainer, der den Schweizer Fussball nicht kennt, und den man selber ebenfalls kaum kannte. Wer einen Club führt, darf aber Fehler machen.Obwohl er zu einem grossen Teil gute Arbeit abgeliefert hat, ist Stübi in der sportlichen Krise ebenfalls unter Druck geraten. Mit der definitiven Übernahme Ajetis, der für St.Gallen ein Glücksfall war und dem Club nun einen mittleren einstelligen Millionenbetrag in die Kasse spült, gelang dem Sportchef ein Befreiungsschlag. Mit Contini ist Stübi das sportliche Gehirn in St.Gallen. Sie beide müssten mit allen Kompetenzen ausgestattet sein. Nur: Seit der ausserordentlichen Generalversammlung der FC St.Gallen Event AG Mitte Mai ist ein seltsames Organigramm in Kraft. Ferruccio Vanin, ehemaliger Geschäftsführer von Future Champs Ostschweiz, ist als CEO der FC St.Gallen AG der Vorgesetzte von Stübi, Contini und Marco Otero, dem technischen Leiter im Nachwuchs. Was, wenn Vanin und Otero einen Spieler aus dem Nachwuchs als gut genug für die erste Mannschaft erachten, Contini und Stübi das aber anders sehen? Wer entscheidet? Vanin? Was würde in solch einem Fall Contini durch den Kopf gehen?

Der FC St.Gallen hat sich mit dieser Änderung keinen Gefallen getan. Die Wege sind länger geworden. Es gibt zu viele Leute, die sich in die Belange der ersten Mannschaft einmischen könnten. Kommt dazu, dass es auch immer wieder Spielerberater gibt, die versuchen, Einfluss zu nehmen. In diesem Zusammenhang steht, dass regelmässig Namen wie Bernt Haas oder Martin Andermatt als mögliche Nachfolger Stübis die Runde machen. Stübi hat in den vergangenen Monaten Angebote des FC Luzern und von den Grasshoppers abgelehnt. Der FC St.Gallen soll den Sportchef in Ruhe arbeiten lassen.

Patricia Loher
patricia.loher@tagblatt.ch


Leserkommentare

Anzeige: