Der Neue aus der Steiermark

ANGEKOMMEN ⋅ Die Verpflichtung von Peter Tschernegg war aus Sicht der FC-St.-Gallen-Fans die Überraschung des Transfersommers. Ausser Trainer Giorgio Contini wurde bisher kaum einer auf den defensiven Mittelfeldspieler aufmerksam. Das dürfte sich ändern.
29. Juli 2017, 15:03
Christian Brägger

Peter Tschernegg, Österreicher, 25 Jahre alt, Fussballprofi aus der Steiermark. Peter wer?

Nicht wenige Anhänger des FC St.Gallen stutzten, als sie vor etwas mehr als zwei Wochen von der Verpflichtung des Mittelfeldakteurs vom Wolfsberger AC bis 2019 vernahmen. «Der Nachname ist eher selten, es gibt nicht viele Tscherneggs in Österreich», lacht der Spieler. Der Name war das eine, mehr Fragen warf das fussballerische Nichtprofil auf. Kaum jemand konnte einschätzen, wer da – als Ersatz für den ­abgewanderten Roy Gelmi und den verletzten Captain Toko – als defensiver Zentrumsspieler zum FC St.Gallen kommen sollte. Es sei denn, man hatte ein Faible für die österreichische Bundesliga. Trainer Giorgio Contini aber wusste es sehr genau, weil er den früheren Nachwuchs-Internationalen schon lange auf dem Radar hatte, dessen Fähigkeiten bestens kannte. Es kam, dass ebendieser Tschernegg ohne lange Angewöhnungszeit bereits im Testspiel gegen Southampton auflief. Und nach der guten Leistung gegen Lausanne ist er heute im Grunde bereits Stammkraft, weil Contini sagt, er wolle derzeit nicht gross experimentieren. Tschernegg betont: «Dass ich gegen die Engländer mitspielen durfte, hat mir vieles erleichtert. Meine ersten Auftritte mit St.Gallen zeigen, dass es passt.»

Erstmals allein und fern der Heimat

Nur fünf Tage vor der Vertragsunterzeichnung war die St.Galler Clubführung an Tschernegg herangetreten. Dieser hatte soeben in Kärnten beim Wolfsberger AC, kurz WAC, einen neuen Kontrakt für ein Jahr unterschrieben. Zu verbesserten Konditionen. Bei den Kärntnern verdienen nur gestandene Spieler mehr als 4000 Euro pro Monat. Tschern­egg, wie Journalisten von der «Kleinen Zeitung» berichten, war in der Vorsaison zum gestandenen Spieler herangereift: Nach einer schwachen Vorrunde hatte er in der zweiten Saisonhälfte physische Präsenz und einige Tore im Kampf gegen den Abstieg markiert.

WAC-Trainer Heimo Pfeifenberger, der als sein Entdecker gilt, plante für die neue Saison fest mit Tschernegg, dem fleissigen Arbeiter. Er sollte Eckpfeiler des Teams sein, für das in Österreichs höchster Liga eines der ­geringsten Budgets zur Verfügung steht. Wechselgerüchte gab es jedenfalls nicht, selbst Tschern­egg sagt: «Der Transfer kam auch für mich überraschend.» Weil das Ausland aber sein grosser Traum war und in der Schweiz mehr zu verdienen ist, war für den Spieler sofort klar: «Zum FC St. Gallen, da will ich hin. Das muss der nächste Schritt in der Karriere sein.» Also wurde eine Ablösesumme fällig, die auf etwa 250'000 Franken geschätzt wird. Tschernegg war noch nie so weit weg von zu Hause, 700 Kilometer sind es in die Ostschweiz, und er sagt: «Ich bin erstmals so richtig allein im Leben, ohne meine Liebsten. Doch das hilft mir in meiner Entwicklung.»

Peter Tschernegg wuchs in Leibnitz in der Steiermark als Einzelkind auf. «Ich wurde aber nicht verwöhnt», lacht er. Die Mutter war Hausfrau, der Vater arbeitete im Schichtbetrieb im Kraftwerk. Einzig im Fussball taten die Eltern alles für ihr Kind, das sich im Alter von acht Jahren den Junioren von Sturm Graz anschloss. So fuhren sie den Buben täglich 40 Kilometer hin und ­wieder 40 Kilometer zurück, um ihn dem Traumziel Fussballprofi ­näherzubringen. Bis Tschernegg 17 Jahre alt wurde und selber Auto fahren durfte. Er schaffte es schliesslich in die zweite Mannschaft Sturms, der Wechsel zu Grödig folgte, mit diesem Club dann der Aufstieg in die Bundesliga. Im Sommer 2014 stiess er zum WAC. Er war gut drauf, doch riss ihm just in der Vorbereitung ein Kreuzband. Er will nicht sagen, an welchem Knie es passierte, «weil die Gegenspieler sonst zu sehr darauf achten». Nach der schweren Verletzung fiel Tschern­egg in ein Loch, doch er sagte sich: «Es ist geflickt, ich kann mit diesem Knie wieder Fussball spielen. Und ich komme zurück. Ich habe mir schon immer alles erkämpfen müssen.»

Privat ein völlig anderes Erscheinungsbild

Auf dem Platz trägt Tschernegg die Haare zu einem Dutt zusammengebunden, privat ist sein Erscheinungsbild anders. Die Zahnspange fällt dann auf, und mit den offenen Haaren könnte er die Hauptrolle in einem Tarzan-Film übernehmen. Tschernegg gilt als clever, Abitur hat er gemacht, neben dem Profifussball beim WAC studierte er Betriebswirtschaft im zweiten Semester. «Das Studium ist vorerst auf Eis gelegt.» Mario Leitgeb, Teamkollege beim WAC und einst in St.Gallen unter Trainer Joe Zinnbauer ohne Zukunft, habe Tschernegg viel über den neuen Arbeitgeber berichtet. Dass das Niveau ungleich höher, in der Schweiz mehr Qualität vorhanden sei. Und dass alles viel, viel grösser sei. «Schauen Sie allein dieses Stadion an.»

Der Kybunpark hat aber noch Zeit. Zuerst muss Tschernegg heute in Lugano im Cornaredo bestehen. Ehe dann der erste Heimauftritt folgt.


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