Toko will wieder wie ein Löwe kämpfen

FC ST.GALLEN ⋅ Inzwischen hat man beinahe vergessen, dass dem FC St. Gallen seit Anfang Saison der Captain fehlt. Toko war am Knie verletzt und ist auf dem Weg der Besserung. Er könnte heute im Cup gegen die Young Boys erstmals wieder im Kader stehen.
30. November 2017, 14:35
Christian Brägger

Christian Brägger

Wo bleibt Toko nur? Die Frage stellt sich an diesem Mittag. Man ist miteinander im Restaurant verabredet, doch Nzuzi Bundebele Toko – kurz Toko – kommt und kommt nicht. Den Mittelfeldspieler vermisst man in der Vorrunde auch beim FC St. Gallen; nach einer Verletzung schuftet er jetzt für die Rückkehr. Doch wird man ihn überhaupt jemals wieder für die Ostschweizer spielen sehen, selbst wenn er heute im Aufgebot für den Cup-Viertelfinal gegen die Young Boys stehen sollte?

An diesem Mittag gibt Toko bald Entwarnung, das Training habe länger gedauert, schreibt er in einer SMS – und bittet um Entschuldigung. Minuten später ist er da, der Captain des FC St. Gallen. Gut gelaunt, wie man ihn kennt. Und doch wirkt er irgendwie anders als sonst, nachdenklicher.

«Mir geht es gut», sagt Toko. Am Ende der Saisonvorbereitung hat sich der Mittelfeldspieler im Zürcher Bethanienspital eine Knochenwucherung im linken Knie entfernen lassen. Die Trainingsbelastung hatte ihm zugesetzt, das Gelenk schwoll stets wieder an. Die Probleme waren seit Monaten bekannt, Schmerzen hatte Toko aber keine. Letztlich war der kleine Eingriff einer mit Ansage, sein Zürcher Arzt, der bereits vor über drei Jahren den Knorpel desselben Knies flickte, hatte ihn gewarnt. Damals hatte es schnell gehen müssen, der Wechsel nach Brighton war in Gefahr.

Kein Gedanke an eine Invalidität

Weil Toko dem FC St. Gallen nun schon so lange fehlt, kamen Befürchtungen auf, er könnte nie mehr auf den Platz zurückkehren, es drohte die Invalidität. Wie damals Bernt Haas, der an einer Arthrose litt. Toko verneint dies vehement. Er wolle nichts forcieren, zuerst zu 100 Prozent gesund sein. «Aber ich werde garantiert wieder spielen können. Schneller, als man denkt.» In der U21 hat Toko ­bereits 45 Testminuten absolviert, vom Arzt gab es grünes Licht, es fehlt nur noch jenes von Trainer Giorgio Contini, der sagt: «Er war vier Monate lang verletzt, ich bin froh, gab es bisher keinen Rückfall. Aber es fehlt mit Sicherheit der Rhythmus.»

Toko fiel erstmals in der Karriere so lange aus. Er dachte viel nach, über sich und das Leben, über Gott und die Welt, aber das tut er ja schön länger. «Die Situation war und ist speziell für mich, auch weil ich der Captain bin. Zudem haben sich einige Dinge im Verein verändert, neue Personen in Staff und Kader sind da, teilweise musste ich mich ihnen vorstellen, weil sie mich nicht kannten.» Mit Contini gab es bislang wenig Berührungspunkte, «wir müssen uns sicherlich erst finden, es ist wie ein Neuanfang». Die Zeit war zu kurz, um etwas auf­zubauen. Das lag auch daran, dass Toko drei Monate in Bologna in einem angesehenen Reha-Zentrum verbrachte. Bologna? Toko sagt, in einem Club werde insbesondere mit jenen Spielern gearbeitet, die fit sind. Langfristig verletzte Profis liessen sich im Ausland besser behandeln, weil so der Fokus allein auf ihre Rückkehr gelegt werden könne. Sein Arbeitstag begann jeweils um 8.30 Uhr mit Therapiestunden und Trainings mit und ohne Ball, auf und neben dem Platz. In jener Zeit hatte er nicht viel mit dem FC St. Gallen zu tun, «ab und zu schrieb mir jemand, weil er mich vermisste». St. Gallen befand sich mitten in der Saison, «da geht man schnell vergessen. Aber es war interessant, zu sehen, für wen ich wichtig bin. Ich spüre jetzt, auf wen ich mich verlassen kann, wer die echten Freunde sind.»

Spannend sei es überdies gewesen, einmal den Aussenblick auf die Mannschaft zu haben. Er wurde ein Beobachter des FC St. Gallen und sagt, er habe viel gelernt. Über sich, über den Verein. Und dennoch: «Wenn man nicht spielt, ist es schwierig, richtig glücklich zu sein. Ich hatte meine Bibel, es ging mir gut, doch es fehlte einfach etwas.»

Und dem FC St. Gallen fehlte der Captain, der, wie in der Vorsaison, auf dem Platz einem Löwen gleich kämpft, brüllt und vorausgeht. Toko sieht sich denn auch seines Naturells und nicht der Armbinde wegen in der Führungsrolle. «Ich sage meine Meinung, wenn es angebracht ist.» Aber werden die Mitspieler auch in Zukunft auf ihren Anführer hören, falls es beim FC St. Gallen diese Zukunft gibt? Zumal die Situation für den Kongolosen, der gerne mit dem Heimatland an die WM gefahren wäre (ein Punkt fehlte), auch wegen der grossen Konkurrenz im defensiven Mittelfeld keine einfache ist. Toko sagt: «Ich habe keine Angst um meinen Platz im Team, sonst wäre ich am falschen Ort.» Weil er kleingewachsen sei, habe er die Sechserposition ohnehin noch nie von Anfang auf sicher gehabt. «Erst wenn man mich spielen sah, haben die Trainer jeweils gemerkt, dass sie mich brauchen.»

Tokos Vertrag läuft aus – wie könnte es weitergehen?

Toko sagt, er fühle sich wohl in der Ostschweiz. Seine Zeit werde wieder kommen, «aber man muss mit mir ehrlich sein». Und auch wenn er betont, mit vollem Elan beim FC St. Gallen zu sein, schwingen in seinen Worten die Gedanken an den nächsten Schritt mit. Dieser scheint offen, im Sommer läuft der Vertrag aus. «Ich bin in einem interessanten Alter, etwas Langfristiges wäre gut.» Der 27-Jährige kann sich gut einschätzen, er sieht sich als Realist. Und er weiss, dass er so lange wie möglich Fussball spielen will. Wo auch immer das sein wird.

In diesem Moment betritt Nassim Ben Khalifa mit Yannis Tafer und Yrondu Musavu-King das Restaurant. Die Fraktion der Frankofonen beim FC St. Gallen will sich am Tisch neben Toko ausbreiten, der sagt: «Jungs, da dürft ihr euch nicht hinsetzen. Könnt ihr nicht woanders Platz nehmen? Ich bin hier im Interview.» Das Trio befolgt Tokos Worte, und der St. Galler Captain sagt: «Siehst du, sie hören noch auf mich.»


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