Als Favorit gewinnt der FCSG zu Hause keinen Blumentopf

GEGENTRIBÜNE ⋅ Die Ausgangslage war hervorragend. Doch Niederlagen gegen Lausanne, Luzern und Lugano haben den FC St.Gallen nun auch sportlich in die Misere geführt. Er erinnert immer mehr an den Hamburger SV, der in der Bundesliga seit Jahren vergeblich versucht, seiner Tradition gerecht zu werden.
21. November 2017, 10:09
Fredi Kurth
Nichts deutete an diesem trüben Novemberabend darauf hin, dass der FC St.Gallen in dieser Saison einmal als Spitzenteam gehandelt worden war. Nicht einmal mehr 10'000 Zuschauer waren erschienen, und die Mannschaft liess sich vom Tabellenletzten vorführen. Einige Akteure scheinen innerhalb weniger Wochen ausser Form geraten zu ein. Grund unbekannt. Was auffiel: Gegen fleissige Luganesi waren die St.Galler läuferisch und physisch unterlegen und spielerisch auch nicht besser. Die Hilf- und Orientierungslosigkeit war erschreckend.
 

Verblüffende Parallelen

Die aktuelle Entwicklung erinnert an einen noch etwas renommierteren Verein der Bundesliga: den Hamburger SV, den Dinosaurier, der seit Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 nie abgestiegen ist, aber zuletzt jede Saison nur Zentimeter vor dem Abgrund zum Stillstand gekommen ist. Bei dem es ebenfalls hinter den Kulissen brodelt und der finanziell immer wieder von Klaus-Michael Kühne, einem spendablen Gönner, über Wasser gehalten werden muss. Hier in der Ostschweiz beobachten wir den FC St.Gallen, den ältesten Fussballclub des Landes, bei dem seit einigen Jahren zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine grosse Lücke klafft und der ebenfalls von einem Mäzen namens Dölf Früh gerettet werden musste. Wenn es im gleichen Stil weitergeht wie in den vergangenen Wochen, droht wieder das Abgleiten Richtung Abstiegszone.
 

0:8 daheim gegen Schwache

Eigentlich wäre es verfehlt, nach zwei Niederlagen, der ersten Doppelpackung dieser Saison, den Teufel an die Wand zu malen. Aber zu denken gibt, dass sich St.Gallen vor allem gegen die schwächeren Teams nicht zu helfen weiss. Gegen Luzern (0:2 im August), Lausanne (0:4) und Lugano (0:2) verloren Continis Leute im eigenen Stadion sang- und klanglos, ohne ein einziges Tor erzielt zu haben. Was ist erst zu erwarten, wenn auch gegen Basel, YB, GC oder Zürich Punkte ausbleiben?

Um in Panik zu verfallen, ist es zu früh. Aber für die Psychohygiene eines Anhängers ist es besser, wenn man sich die Koketterie mit einem Tabellenplatz unter den ersten Fünf abschminkt, sich mit den Sorgenkindern der unteren Tabellenhälfte vergleicht und Punkte gegen Mannschaften der oberen Fünf als aussergewöhnliche Leistung geniesst. Das gilt für alle: die Unternehmensführung, die Medien und auch den Vertreter von der Gegentribüne. Trainer Giorgio Contini hatte schon gewarnt: "Wir sind kein Spitzenteam."
 

Backstage: Friede herrscht

Wenigstens ist hinter den Kulissen ein wenig Ruhe eingekehrt. Der mögliche Eklat an der GV der FC St.Gallen AG ist ausgeblieben, auch wenn noch nie ein Führungsmitglied so knapp in den Verwaltungsrat, beziehungsweise früher Vereinsvorstand, gewählt worden ist wie Ferruccio Vanin. Dabei hatten die Vorbehalte nicht ausschliesslich mit dieser Person zu tun. Vielmehr steht Vanin für jene Gruppe, die als Ursprung aller Unruhe vermutet wird. Schliesslich gab es Shakehands und kniggemässige Verabschiedung der Verwaltungsräte Michael Hüppi und Martin Schönenberger (nicht jedoch von Pascal Kesseli) - Friede herrscht. Beinahe wäre die Versammlung sogar ohne Wortmeldung aus dem Saal zu Ende gegangen. Präsident Stefan Hernandez wollte schon zu Bratwurst, Bürli und Bier überleiten, als just eine Frau das Eis brach und die hanebüchenen Vorgänge der vergangenen Monate nicht unkommentiert auf sich beruhen lassen wollte.
 

Zu viele Köche. . .

Ob bald auch Freude herrscht oder doch wieder Streit ausbricht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Unter anderem von einer starken Führung, vom Abbau überrissener Ausgaben und vom sportlichen Abschneiden. Laut Finanzchef Sascha Roth liegt der Ball nun bei der Mannschaft, die hierfür aber ein wenig überfordert erscheint. Wie Erfolg auf dem Rasen mit Sparpolitik vereinbart werden könnte, ist zudem rätselhaft – zumal das Unternehmen FCSG auch einen massiven Imageverlust zu verkraften hat, abzulesen an sinkenden Zuschauerzahlen und abspringenden Sponsoren. Sparpotenzial besteht unter anderem beim zu grossen Kader der 1. Mannschaft und bei wahrscheinlich überrissenen Direktorengehältern. Selbst die heilige Kuh Fussballakademie/FCO ist in Frage zu stellen. Ohne Zuwendung  gut situierter Leute dürfte eine finanzielle Krise ohnehin nicht mehr zu vermeiden sein, und eine starke Führung ist dann am ehesten gewährleistet, wenn sie aus möglichst wenigen kompetenten und nicht aus möglichst vielen Personen besteht. Dölf Früh war eine solche starke Persönlichkeit – lange Zeit.

Aufgefallen

Nationalteam mit Perspektiven. Die nationalen Juniorenauswahlen erregen nicht mehr allzu viel Aufsehen. Die Zeiten, da das U-17-Team Europa- und Weltmeister werden konnte, sind vorbei – wahrscheinlich weil andere Verbände ihre Anstrengungen auf diesem Gebiet ebenfalls verstärkt haben. Dennoch sind die Aussichten des Nationalteams zuletzt besser geworden. Es sind nicht primär die Rekorde von Nationalcoach Vladimir Petkovic und der überlegenen Qualifikation für die WM-Endrunde gegen weitgehend schwächelnde Konkurrenz, die Hoffnung machen. Es sind junge und einige schon im besten Fussballalter befindliche Leute, die den Druck auf manche zuletzt nicht mehr überzeugende arrivierte Spieler wie Dzemailli, Djourou oder Seferovic erhöhen. Leute wie Zuber, Freuler, Embolo, Akanji, Zakaria oder Elvedi sind zu erwähnen, auch Torhüter Marwin Hitz, obwohl er schon 30 ist. Es sind Spieler, die zu einer gesunden Teammischung mit den unbestrittenen Leaderfiguren beitragen können. (th)


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