Delikate Rollenverteilung

FCSG ⋅ Die FC St. Gallen AG hat nun einen CEO. Ferruccio Vanin bekleidet diesen höchsten Posten der sportlichen Abteilung und steht damit über dem Trainer Giorgio Contini. Und vor allem über dem Sportchef Christian Stübi. Kann das gutgehen?
17. Mai 2017, 08:47
Christian Brägger

Christian Brägger

Plötzlich interessiert Ferruccio Vanin. Weil er jetzt im Verwaltungsrat der FC St. Gallen Event AG sitzt. Weil er vor allem CEO der FC St. Gallen AG wird. Und als solcher über dem Cheftrainer Giorgio Contini steht, über dem Sportchef Christian Stübi, über Marco Otero, dem technischen Leiter von Future Champs Ostschweiz FCO. Verwaltungsrat Vanin ist als Geschäftsführer der sportlichen Sektion – in der Theorie des neuen Organigramms – die letzte Instanz, die das Fussballerische zu beurteilen hat. Doch wer ist Vanin, der diese gewichtige, eigens geschaffene CEO-Position einnimmt? Ein Amt, das über ausgewiesenen Fussballfachleuten angesiedelt ist, die ihrerseits alle ranggleich sind? Es gibt Klärungsbedarf.

Wie der Präsident aus Goldach

Vanin ist 50-jährig, zweifacher Familienvater und Betriebsökonom FH. Seine berufliche Laufbahn begann der Goldacher bei der Bühler AG in Uzwil, wo er Stefan Hernandez kennenlernte, den neuen FC-St.-Gallen-Präsidenten – und ebenfalls Goldacher. Vanins Umfeld schildert ihn als zurückhaltend, umgänglich. Er gilt als Liebhaber des Fussballs, hat einst selbst gespielt und verfügt über das Trainerdiplom B+. Als auf Anfang 2015 die Stelle des FCO-Geschäftsführers ausgeschrieben wurde, da bewarb sich Vanin – und wurde aus über 100 Bewerbungen erkoren. Seither bildet er mit Otero im Nachwuchs ein Gespann, das durch Dick und Dünn geht und sich stützt. Wobei Oteros Rolle bisher in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wurde. Überdies ist Vanin der Kassier des FC Goldach, er wird dies auch nach der Fusion mit dem FC Rorschach bleiben.

Am vergangen Samstag, als Hernandez an einer Medienkonferenz vorgestellt wurde, war ebenfalls Vanins Beförderung Thema. Der scheidende Präsident Dölf Früh sagte: «Sein Führungsstil behagt uns, er ist ein guter Mann – und wird meiner Meinung nach unterschätzt.» Laut Früh ist es Vanins Aufgabe, die FC St. Gallen AG zusammenzuhalten und die Gespräche zwischen Contini, Stübi und Otero zu moderieren. Und das Budget im Griff zu haben. Ein CEO für Administrationsaufgaben? Oder doch ein Teil der sportlichen Kompetenz des Clubs? Auf diese Frage antwortet Vanin schriftlich: «Ich bin CEO der Unternehmung und somit verantwortlich für die Abläufe und daher auch neu verantwortlich für alle Prozesse in der Sektion Sport des FC St. Gallen sowie FCO. Dies unter Einhaltung der Budgetvorgaben.»

Der Posten eines über den sportlichen Ämtern stehenden CEO ist in der Super League neu. Früh betonte, dass das operative Sport-Know-how beim Sportchef, dem Coach der ersten Mannschaft und dem Nachwuchschef liegen müsse. Damit würden weiterhin praktisch alle den Sport betreffenden Fragen von diesen Personen beantwortet. «Und jeder hat in seinem Ressort den Stichentscheid.» Die Frage drängt sich auf, weshalb Vanins delikate Position dennoch geschaffen wurde – zumal es üblich ist, dass der Sportchef, wie es der Name suggeriert, die Hauptverantwortung trägt. Also Stübi. Früh sagte: «Stübi ist nach wie vor verantwortlich für das Kader und die Transfers.» Kompetenzen würden nicht beschnitten. «Wir haben nun eine klare Führung, die vorher gefehlt hat. Man hat ja früher gesehen, dass es in Zeiten Heinz Peischls schwierig war, Sportchef zu sein und in der Administration den Laden zu führen», sagte Früh. Durch Vanins Rolle erhalte das Sportliche im siebenköpfigen Verwaltungsrat überdies mehr Gewicht. Die Krux: Genau dort sitzt kein einziger, ausgewiesener Fachmann mit Meriten im Fussball.

Wer wird also in Zukunft die Arbeit des Trainers beurteilen? Früh sagte, dass Stübi und Vanin hier massgebend sein werden. Nach wie vor kann Stübi einen Trainer aber nicht selbst entlassen, er muss einen Antrag im Verwaltungsrat stellen, der dann entscheidet. Und was bedeutet das neue Führungskonzept für künftige Transfers, die Stübi tätigen möchte? Früh sagte: «Sportchef und Trainer machen das untereinander aus, aber alle werden hier eng zusammenarbeiten.»

«Alle müssten entlassen werden»

Die Praxis wird zeigen, was das Konstrukt bringt. Wie das Organigramm gelebt wird. Zumal ein früherer Super-League-Trainer sagte: «In letzter Konsequenz hiesse es, dass bei sportlicher Misere Sportchef, Trainer und Nachwuchschef gleichzeitig entlassen werden müssten.»


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